Gute Gesellschaft Der Dresdner Seerosenteich
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Der Industrieclub

Der Industrieclub

Ein Abendessen mit Jakobsmuscheln und Gänsekeule im Dezember. Vor Schloss Eckberg, dem Fünfsternehotel im Tudorstil, parken nur wenige Edelkarossen, dafür umso mehr Mittelklassewagen. Im Haus trifft sich der Industrieclub Sachsen. Er gründete sich kurz nach dem Mauerfall als reine Wessi-Veranstaltung, als Abklatsch des Hamburger Übersee-Clubs – ein Name, der nach Zigarren, Geld und weiter Welt klingt. Hanseatische Geschäftsleute brachten die Vereinssatzung elbaufwärts mit, alles wurde wörtlich übernommen. Auch dass man bei Treffen in Anzug oder »Nationaltracht« zu erscheinen habe.

Christiane Pörtner erzählt davon amüsiert. Mitte der neunziger Jahre erfuhr ihr Mann, der Dresdens Studentenwerk aufbaute, vom Club, der einen Geschäftsführer suchte. Das Paar kam aus Tübingen, wo man konservativ und von 1968 bewegt ist. »Industrieclub war für mich anfangs ein Unwort«, gesteht Christiane Pörtner. Doch sie bewarb sich und bekam die Stelle. Es fügte sich gut, dass sie so gar nicht nach Dame aus Hamburg-Blankenese, nach Faltenrock und Perlenkette aussah.

Inzwischen, sagt Pörtner, sind Ost und West bei uns fifty-fifty verteilt. Clubpräsident Günter Bruntsch passt dazu bestens, denn er hat ein Chemieanlagenbau-Unternehmen sowohl im real existierenden Sozialismus als auch in der Marktwirtschaft geführt. Zu DDR-Zeiten war er Mitglied im Dresdner Klub der Intelligenz, nebenan im Lingner Schloss, wo man gut aß und Westpresse las. Aber das ist eine andere Geschichte.

Hinter Christiane Pörtners Schreibtisch ist die regionale Wirtschaftselite in Reih und Glied versammelt, hängen alphabetisch die Namensschilder der etwa 200 Clubmitglieder, vom Klinikchef oder der Fünf-Mann-Anwaltskanzlei bis zum Unternehmen AMD. Firmen zahlen 1280 Euro Jahresbeitrag. Was das angeht, ist man an der Elbe längst auf dem Niveau von Düsseldorf. Sonst kaum. »Dresden fehlt, Gott sei Dank, das Aufgedonnerte«, sagt beim Abendessen ein Anwalt, der hier wie dort arbeitet. In Dresdens besseren Kreisen komme es vor, dass die Hausfrau statt Feinkost vom Partyservice Würstchen mit Kartoffelsalat serviere. »Dafür spielt jemand nach dem Essen Cello.«

Der Industrieclub trifft sich regelmäßig zu Buffet, Wein, Gastvortrag und Fragerunde, hinter verschlossener Tür. Es treten auf: Politiker, Chefs von Dax-Konzernen, Bischöfe, Künstler, ein Klimaforscher oder die Generalbundesanwältin, der Direktor des Aspen Institute Berlin oder Richard Wagners Urenkelin Nike. »Frau Wagner hat natürlich keine heißen Unternehmertipps mitgebracht«, sagt Christiane Pörtner fein lächelnd, »es geht vielmehr um Bildung und Horizonterweiterung.«

Es gebe in Dresdner Kreisen inzwischen so viele Abendeinladungen, meint Pörtner, »ich könnte meinen Kühlschrank abschaffen.«

Einige ihrer Clubmitglieder werden auch auf dem Semperopernball tanzen. Es ist der Abend, an dem sich die Kreise berühren. Hans-Christian Hoch, der Pfarrerssohn vom Elbhang, möchte auf dem Ball seinen Geburtstag feiern. Und Kurt Biedenkopf bekommt einen Orden für sein Lebenswerk.

 
Leser-Kommentare
  1. Wir freuen uns sehr über die Sachsenseiten. Sehr fein beobachtet, Herr Schirmer, und ein sehr poetisches Bild, beim 2.Durchlesen jedoch lese ich ihre Beobachtung zwischen den Zeilen, dass diese Seerosen hauptsächlich von Menschen mit Westbiographien gepflanzt wurden.
    Hier ist sie wieder, die feine Demarkationslinie, die man spüren kann in dieser Stadt, die von den dynamischen und hemdsärmeligen Neudresdnern gerne weggelacht wird.
    Wir müssen unsere unterschiedlichen Biografien einfach leben
    und aneinanderreiben. Reibung erzeugt Wärme.

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