Rock von TocotronicBitte dementieren Sie

Die deutsche Rockband Tocotronic komplettiert mit ihrem neuen Album "Schall & Wahn" ihre Berlin-Trilogie, perfektioniert ihre Kunstsprache – und hat Spaß dabei. von Dirk Peitz

Einfach war es mit den Diskursrockern nie: Jan Müller, Rock McPhail, Arne Zank und Dirk von Lowtzow (von links)

Einfach war es mit den Diskursrockern nie: Jan Müller, Rock McPhail, Arne Zank und Dirk von Lowtzow (von links)  |  © Michael Petersen

»Eine Schnapsidee.« Das ist zunächst mal die Antwort, die Dirk von Lowtzow gibt, wenn man ihn fragt, wie um Himmels willen man als Rockband auf die Idee kommen kann, ein Album Schall & Wahn zu nennen. Nach einem reichlich überbenutzten Zitat aus Macbeth, fünfter Akt, fünfte Szene, der König sagt: »Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild; ein armer Komödiant, der eine Stunde lang sich spreizt und fuchtelt auf der Bühne, dann nicht mehr gehört wird; eines Toren Fabel nur, voll Schall und Wahn, jedweden Sinnes bar.« Hier hat sich schon William Faulkner den Titel für seinen Roman Schall und Wahn geborgt, und sich mit Faulkner zu vergleichen ist nicht ohne.

Eine Schnapsidee – selbstverständlich ist das nicht alles, schließlich sind Tocotronic eine ernsthafte, die vielleicht am meisten ernst genommene deutsche Rockband überhaupt. Der Titel des Faulkner-Romans, sagt von Lowtzow dann noch, sei für ihn eine »Initialzündung oder Epiphanie« gewesen, mit der typischerweise bei ihm der Schreibprozess für Liedtexte beginne. Und, ja: »Die Kette der Aneignung des Shakespeare-Zitats interessiert uns natürlich auch …« Der Bassist Jan Müller weist schließlich darauf hin, dass Schall & Wahn einfach als Titel für das nunmehr neunte Studioalbum der Band toll funktioniere, was zunächst das Wichtigste für eine Rockband sei. Worauf von Lowtzow noch anfügt, dass das gleichnamige Lied Schall & Wahn vom Musikmachen handele. Und weil auf dieser Platte überhaupt sehr viele Gedanken übers Musizieren vorkämen, habe Schall & Wahn eben gut gepasst.

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Klingt kompliziert und nach Metamusik, aber einfach war es mit Tocotronic nie. Das Spiel zwischen der 1993 in Hamburg gegründeten Gruppe und der Popkritik lief eigentlich immer gleich: Die Kritiker dachten sich was, zum Beispiel, dass die Band verkopfte Musik und Texte schreibe oder widerständige oder politische oder trotzige oder larmoyante oder irre konzeptuelle und dass Tocotronic dem Unbehagen einer ganzen Generation an den Verhältnissen eine Stimme verliehen. Das alles dementierte die Band meist postwendend in Interviews, wobei sie mitunter irre konzeptuell, larmoyant, trotzig, politisch, widerständig oder verkopft argumentierte.

Ein echter Diskursbrüller also, voller gegenseitiger Missverständnisse, die mittlerweile von der Band zum eher lässigen Prinzip erhoben wurden. Jan Müller sagt, er wundere sich zwar immer über die Thesen der Kritik, finde sie gleichwohl »interessant«. Befremdlich findet er nur den heiligen Ernst: »Wir sind doch nur eine Rockband!«

Das aktuelle Erklärungsmodell lautet: Schall & Wahn ist der Abschluss einer »Berlin-Trilogie« der Band, die mit Pure Vernunft darf niemals siegen im Jahr 2005 begann und mit Kapitulation im Jahr 2007 fortgesetzt wurde. Alle drei Platten wurden, nachdem das ursprüngliche Trio mit der Hereinnahme des Gitarristen Rick McPhail 2004 zum Quartett angewachsen war, in Berlin aufgenommen und von Moses Schneider produziert. Die Idee, die drei Alben zur Werkgruppe zu erklären, kam selbstredend erst hinterher, weil es nun mal Spaß macht, sein eigenes Schaffen zu ordnen. Und weil es außerdem bedeutet, einen kleinen Scherz zu machen auf Kosten von David Bowie und dessen Berlin Trilogy. Um es mit einem früheren Tocotronic-Albumtitel zu sagen: Es ist egal, aber.

Tatsächlich gibt es, von außen betrachtet, zwischen den drei Platten kaum eine inhaltliche oder formale Klammer. Schon mit dem Album Tocotronic (2002) hatten sich die Musiker vom Geschrammel alter Tage und Dirk von Lowtzows Texten voller Alltagssprache und Sloganhaftigkeit verabschiedet. Bei Pure Vernunft darf niemals siegen, der schwächsten der Berliner Platten, tat die Gruppe dann so, als wolle sie mit herkömmlichen Gitarrenbandmitteln Minimal Techno spielen, klang aber arg hüftsteif. Die Texte sollten offenbar ins Fantastische greifen, wiesen aber eher ins Esoterische. Kapitulation wiederum, die stärkste der Berliner Platten, war musikalisch das glatte Gegenteil des Vorgängers, wild, roh, lärmig, schroff, brillanter Postpunk-Punkrock mit Texten, die eine neue Dringlichkeit besaßen, einen raunenden Alarmismus. Kapitulation war eine beinahe prophetische Vorkrisenplatte, die als einzige noch denkbare Haltung zur Welt die aktive Totalverweigerung empfahl, die lustvolle Selbstaufgabe. Sag alles ab und Mein Ruin hießen die besten Stücke, und damit war eigentlich schon alles zur Krise gesagt, lange bevor sie in den Zeitungen stand.

Leserkommentare
  1. 1. ...

    Ein Witz ist auch dieser Artikel, leider kein guter. Ich bin in fast jedem Punkt anderer Meinung - ich finde das Pure-Vernunft-Album umwerfend, Macht es nicht selbst und Bitte oszillieren Sie peinlich-langweilig, Eure Liebe tötet mich großartig. Was sagt mir das, außer dass Geschmäcker verschieden sind? Vielleicht nur, dass ich keine Tocotronic-Rezensionen mehr lesen sollte.

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  • Schlagworte William Faulkner | David Bowie | Album | Band | Tocotronic | Berlin
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