Instrumentenbau Feilen für den guten Ton
In den abgelegenen Städtchen des sächsischen Vogtlands arbeiten Instrumentenbauer mit Weltruf. Nun öffnen sie ihre Werkstätten für Touristen.
© Björn Stoll

Björn Stoll ist Kontrabass- und Cellobauer im Musicon Valley. Die Raffinessen des Gewerbes hat er vom Vater gelernt
In dieser Gegend hat sogar der Straßenbelag seine Musikgeschichte. Wer sich dem Dörfchen Erlbach nähert, biegt um eine steile Kehre, umrandet von Nadelbäumen: Die »Geigenmacherkurve« pflasterten Meister, die sich nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 einen Nebenjob suchen mussten.
Das sächsische Vogtland, fast schon Tschechien, fast schon Bayern, ist eine dieser Zwischenregionen, an denen man meist vorbeibraust auf der Fahrt zu bekannteren Zielen. Wer hier unterwegs ist, muss keinen Verkehrsstau fürchten. Hügel wellen sich neben der Bundesstraße; dann und wann zittert ein Wäldchen im Wind, streckt ein Kirchturm seine Bronzespitze in die Wolkendecke. In diese Gegend flüchteten nach dem Dreißigjährigen Krieg böhmische Protestanten und suchten sich ein Gewerbe, für das es keine urbanen Zentren brauchte, das man mit Feile und Fingergeschick im eigenen Hof ausüben konnte. Rund 360 Jahre und diverse Regime später macht immer noch in fast jeder Familie irgendwer irgendwas mit Musik.
Björn Stoll etwa trägt einen Namen, den viele Musiker als Gravur im Instrumentenholz kennen. Der Meister lebt bescheiden. Keine Werbetafel lässt erahnen, dass das schlichte weiße Wohnhaus an einer Ausfallstraße in Erlbach Sitz der berühmten Marke ist. Warum auch. Ein Cello- und Kontrabassbauer hat keine Laufkundschaft. Wer ihn besucht, ist oft eigens aus den USA, Korea oder Japan angereist.
Stoll wartet an der Eingangstür. Ein Mann Ende dreißig, meerblaue Augen, kräftige Hände, er trägt ein Holzfällerhemd und eine Jeans, der man ansieht, dass der Meister seine Tage nicht im Büro verbringt. »Gäste aus Deutschland, das ist mal was anderes«, sagt er. »Wir sind im Ausland bekannter als hier.« Reiche Asiaten legten Wert darauf, dass ihre Kinder auf europäischen Qualitätsinstrumenten spielen.
Stoll hütet sein Lack-Geheimnis wie Coca-Cola das Brause-Rezept
Um den Ruf der Instrumentenbauer auch im eigenen Land zu fördern, haben die Vogtländer vor ein paar Jahren das »Musicon Valley« gegründet. Der Verein soll die Region vermarkten, ab Februar bietet er sogar Themenreisen an: Beim »Bläser-«, »Streicher-«, »Harmonika-« und »Rockerpaket« öffnen Instrumentenmeister Musikinteressierten ihre Werkstätten.
Stoll hat Kaffee aufgesetzt und führt durch sein Haus, vorbei am »Showroom« mit frisch lackierten Meisterstücken, hinüber zur Werkstatt im Garten. Vor 300 Jahren dürfte ein solcher Raum nicht viel anders ausgesehen haben als jetzt. Hier gibt es keine großen Maschinen, nur Hunderte von Hobeln, Zangen, Schnitzmessern, die an Haken hängen. An den Wänden kleben Poster, historische Kontrabässe im Porträt. Der Duft der Holzspäne kitzelt in der Nase, in einem orangeroten Topf köchelt ein zäher Brei, »das ist Knochenleim, auf den hat schon Stradivari geschworen«.
Björn Stoll geht zu drei Kontrabassrümpfen, die, abgestützt von Führungsschienen, an der rechten Wand stehen. Behutsam streicht er über das samtig geschliffene Pappelholz, hebt einen Korpus hoch und reicht ihn seinen Besuchern. »Ich bin froh, dass meine Familie ausgerechnet Bässe baut«, sagt Stoll. »Bei den Geigen gibt es die großen Italiener, Stradivari und Guarneri, denen alle nacheifern. Bei den Bässen hat man mehr Freiheit. Man kann selbst versuchen, das ideale Instrument zu entwickeln.«
Dass die meisten Werkstätten im Vogtland Vater-Sohn-Betriebe sind, liegt an den Eigenheiten der Branche. Die Meister geben das über Jahrhunderte verfeinerte Familienwissen nicht gern an Fremde weiter. Vor allem die Mischung des Lacks hüten sie wie der Coca-Cola-Konzern sein Braune-Brause-Rezept. Auch Stoll hält seinen Lackierraum für Gäste verschlossen. Das Geheimnis der Branche bestehe ja darin, Individuen herzustellen und zu wissen: Irgendwo auf der Welt gibt es einen Spieler, für den genau dies das perfekte Instrument ist. Damit sie zusammenfinden, die Musiker und die Bässe, ist Stoll auf Messen in Italien und den USA unterwegs. Seinen Gästen steckt er beim Abschied eine Visitenkarte zu. »Falls Sie mal in meinem Webshop stöbern möchten.«
Allein in Markneukirchen wohnten 15 Goldmarkmillionäre
Fünf Autominuten von Stolls Werkstatt entfernt liegt, eingebettet in Wiesen und Felder, einer der größeren Orte des Musicon Valley: Markneukirchen mit seinen knapp 7000 Einwohnern ist auf den ersten Blick eine ganz normale Provinzstadt. Die Gaststätten heißen irgendwas mit Löwe und Linde, neben dem »Lidl lohnt sich«-Schild steht ein Imbisswagen und verkauft Frühlingsrollen, »6 Stück 1 Euro«, durch die Innenstadt spazieren weiß gelockte Damen und zerren Kleinhunde übers Kopfsteinpflaster. Schon ein paar Meter stadtauswärts aber fühlt der Gast sich wie auf der Hamburger Elbchaussee: Entlang der Straße reihen sich Villen, herausgeputzt mit Säulen und Ranken, Erkern und Türmchen.
Die Jugendstilbauten sind Zeugen einer Epoche, von der heute noch jeder Markneukirchner spätestens beim zweiten Kaffee erzählt: Vor der Weltwirtschaftskrise kam mehr als die Hälfte aller auf der Erde gehandelten Musikinstrumente hier aus der Region. Allein in Markneukirchen lebten 15 Goldmarkmillionäre, die »Fortschicker«, die vogtländische Geigen, Flöten, Saiten in die Welt hinaussandten und dabei bis zu 1000 Prozent Gewinn einstrichen. Man leistete sich eine Villa für die Familie, vielleicht noch eine für die Geliebte, die Damen trugen Hut, und samstags fuhr man mit dem Taxi zum Dinieren nach Leipzig. Die USA hielten Markneukirchen für so bedeutsam, dass sie hier eine Zweigstelle ihres Konsulats aufmachten.
»Wir Voigts haben alle dicke Lippen, die taugen nicht für eine Flöte«
Heute gibt es nicht mal mehr ein Postamt, nur einen Briefannahme-Tresen in einem Schuhgeschäft. In einigen der sanierten Villen sind jetzt Museen untergebracht: die Sammlung der Firma Framus etwa, die in den Sechzigern die Stones, Peter Kraus und andere Stars mit E-Gitarren und Mandolinen, Jazzbässen und Faltschlagzeugen ausstattete. Sogar den Studiengang Musikinstrumentenbau, den einzigen in Europa, kann man in einem zartgelben Prachtbau belegen.
»An den Reichtum früherer Tage können wir nicht anknüpfen, aber einen Weltruf haben wir immer noch«, sagt Kerstin Voigt. Sie steht in einer lichten Halle im Markneukirchner Gewerbegebiet und klopft mit einem Hämmerchen gegen einen Posaunenzug. Im Hintergrund dudelt ein Radio, im Vorraum sitzt der Besitzer der Posaune, ein kleiner Junge mit rot geweinten Augen. Er muss gleich auf einer Feier ein Ständchen spielen, und sein Instrument ist so verbeult, dass es bei jedem Ton quietscht.
Kerstin Voigt ist die Vorzeigefigur des Musicon Valley: Chefin einer Firma, die es nach der Wende vom Familienbetrieb in der Garage zu einem mittelständischen Unternehmen mit 28 Angestellten gebracht hat. Voigts Firma fertigt ihre eigenen Werkzeuge, mit denen sich alles herstellen lässt, was weder Massenproduzenten noch Zweimannbetriebe schaffen: Sondermodelle, kleine Serien und seltene Instrumente wie die Schalmei, ein Bündel aus acht Signalhörnern, das bei sächsischen und bayerischen Blaskapellen beliebt ist.
Voigt trägt Fleecejacke zum Kurzhaarschnitt und tritt burschikos auf. Die Mittdreißigerin hat mit einer Tradition gebrochen. Eigentlich bauen Frauen hier keine Instrumente; sie stauben sie allenfalls ab. Eine Region, in der alle dasselbe machen wie ihre Väter und Vorväter, ist nicht gerade ein Hort der Emanzipation. »Oft fragen die Kunden: Kann ich mal den Chef sprechen?, wenn ich sie empfange«, sagt Voigt. »Manche weigern sich zunächst, mit mir zu verhandeln.« Auch ihr Vater Jürgen musste viel Spott ertragen, als er vor drei Jahren seiner Tochter den Betrieb übergab. Kerstin Voigt ist die einzige Meisterin ihrer Branche in der ganzen Region. Posaune hat sie schon als Kleinkind gelernt. »Wir Voigts haben alle dicke Lippen, die taugen nicht für eine Flöte.«
Voigt setzt sich an den Pausentisch, über den eine mit Trompeten bedruckte Plastikdecke gebreitet ist. Sie erzählt, dass man mit Touristen bislang eher ernüchternde Erfahrungen gesammelt habe. Oft kamen hier Reisebusse an, die eigentlich eine Kaffeefahrt machten. »Da steigen dann Leute aus, die ein Waldhorn mit einer Posaune verwechseln, und viele wollen sowieso nur aufs Klo.« Sie hofft, dass die Musicon-Valley-Reisen nun eine neue Zielgruppe anziehen: Blaskapellenspieler und andere Musiker, die nach der Werkstattbesichtigung vielleicht mal als Kunden wiederkommen.
In die Harmona-Werke im Nachbarort Klingenthal wird sich wohl kaum ein Besucher verirren, der nicht fachkundig ist: Von der Straße aus wirkt die älteste Akkordeonfabrik der Welt wenig einladend. Das angegraute Gebäude mit den braunen Fensterrahmen erstreckt sich über einen ganzen Block. Von den Wänden bröckelt der Putz, reißt graue Krater ins Gestein, selbst der auf die Mauer gemalte Firmenname »Harmona« hat seine beiden a eingebüßt. Das einzige Neue, was hier zu sehen ist, ist das Schild der Arbeitsagentur an der nächsten Straßenecke.
Erst wenn man das Werksgelände betritt, ändert sich der Eindruck. Aus den hohen Fenstern schallt Stimmengewirr. Ein älterer Mann verlässt das Gebäude, seine Augen glitzern, in den Armen wiegt er einen fabrikneuen »Weltmeister«, wie die Marke heißt, hüllt ihn in eine Decke und legt ihn auf den Beifahrersitz seines Wagens mit Berliner Kennzeichen.
Der Inhaberin Gabriele Herberger ist die Fassade ein bisschen peinlich. »Wir hatten in den letzten Jahren einfach kein Geld zum Renovieren«, sagt sie und öffnet die Tür zu den Werkhallen. Vor der Wende arbeitete die halbe Region in dieser Fabrik. Man fertigte in manchen Jahren über 100000 Instrumente und verschickte sie etwa nach Osteuropa, wo das Akkordeon nicht als Schifferklavier abgetan, sondern sein Spiel an Hochschulen gelehrt wird. In den Neunzigern haben verschiedene Eigentümer die Firma »eher geplündert als gefördert«, wie man in Klingenthal hinter vorgehaltener Hand sagt. Erst als Gabriele Herberger die Werke 2005 übernahm, begann ein zaghafter Aufschwung. Sie lässt jedes Jahr ein neues Modell entwickeln, beschäftigt einen ukrainischen Akkordeonvirtuosen, der Sonderanfertigungen betreut. Und sie öffnete ihre Werkstore für Besuchergruppen aus den Hotels der Umgebung.
In Strickjacke und Pantoffeln führt Frau Hüttel durchs Museum
Ein Akkordeon besteht aus 2500 Teilen, und wer hier einen Rundgang macht, bekommt einige als Souvenir zugesteckt: ein Stückchen Blasebalg aus erzgebirgischer Pappe oder einen Bassknopf in Metallicblau. In jedem Raum werkeln andere Spezialisten. Die Zelluloidfrauen wickeln bunten Kunststoff ums Holz – so sind die Gehäuse unempfindlich gegen fettige Finger. Die Feinstimmer sitzen jeder für sich mit einem »Snow« oder »Moonlight« in einem Kämmerchen, versunken in den Klang einer Quart. Und ein Fotograf rückt für den Katalog die neueste Entwicklung ins Blitzlicht: Blasebälge, die regenbogenfarben schillern oder von denen ein rosa Himmel leuchtet – der Europameister im Airbrush-Malen hat sie besprüht.
Manche Instrumentenmacher können selbst im Ruhestand nicht von der Musik lassen. Barbara und Wolfgang Hüttel, die einst Akkordeons und Gitarren bauten, unterhalten jetzt in ihrem Wohnhaus in Mark-neukirchen ein eigenes kleines Museum. An diesem Mittwochvormittag ist es Frau Hüttel, die in Strickjacke und Pantoffeln vorangeht in ihre gute Stube. Rechts und links reihen sich mechanische Musikinstrumente. »Wir sind ihnen verfallen, seit mein Mann bei einem Bekannten eine Jahrmarktorgel bedient hat.« Hüttel zeigt ihre Sammlerstücke: Sie dreht die Invalidenorgel, für Menschen ohne rechten Arm gebaut, tritt die Blasebälge, die dem Pianola Klavierklänge entlocken, zieht den Spieluhr-Rundkäfig auf, in dem rote und gelbe Vögelchen im Takt mit den Schwänzen wippen. Sie führt in eine Welt, in der »on« und »off« noch »anschalten« und »abschalten« hießen; in der Technik greifbar war, sich auf strombetriebene Hämmerchen beschränkte oder auf Luftströme, die durch Orgelpfeifen geblasen wurden. Hüttel stellt sich neben eine Mandolinenzither von 1912, zupft mit der linken Hand die Akkorde, dreht mit der rechten das Lochband mit der Melodie. »Auf der Alm, da gibt’s ka Sünd«, singt sie. Und ihre Plüschpuschen wippen im Takt.
© ZEIT Grafik
Information Vogtland
Anreise: Am einfachsten mit dem Auto, etwa Berlin über Dresden bis nach Plauen oder Markneukirchen; sonst mit der Bahn bis Adorf, von dort fährt der Bus V30 nach Markneukirchen
Die Museen: Framus Museum, Adorfer Str. 25, 08258 Markneukirchen. Geöffnet Di–So 10–18 Uhr, Eintritt 5 Euro, Tel. 037422/5559000
Musikinstrumenten-Museum Markneukirchen, Bienengarten 2, geöffnet Di–So 10–16 Uhr, Eintritt 5 Euro, Tel. 037422/2018
Hüttels Musikwerk-Ausstellung, Hauptstraße 10, 08258 Markneukirchen, geöffnet täglich 9–18 Uhr, Tel. 037422/2069
Musicon Valley: Über den Verband und die Reisepakete, die sich vor allem an Musikgruppen richten, informiert die Website www.musiconvalley.de, Tel. 037422/402940, Preise auf Anfrage
Auskunft: Tourist Information Plauen, Tel. 03741/2911027, www.plauen.de
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- Datum 15.01.2010 - 16:12 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.01.2010 Nr. 03
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mal so einen tollen Artikel über (fast) die alte Heimat zu lesen!
Die Ecke um Klingenthal ist auch landschaftlich und für Sportler hochinteressant, tolle Loipen, eine der modernsten Groß-Skisprungschanzen Europas (Weltcup):
http://www.weltcup-klinge...
Im Sommer ein Paradies für Radler, die es etwas bergig lieben. Bin immer wieder gerne da, obwohl ich wirklich schon viele andere Ecken gesehen habe...
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