Instrumentenbau Feilen für den guten TonSeite 3/3
Voigt setzt sich an den Pausentisch, über den eine mit Trompeten bedruckte Plastikdecke gebreitet ist. Sie erzählt, dass man mit Touristen bislang eher ernüchternde Erfahrungen gesammelt habe. Oft kamen hier Reisebusse an, die eigentlich eine Kaffeefahrt machten. »Da steigen dann Leute aus, die ein Waldhorn mit einer Posaune verwechseln, und viele wollen sowieso nur aufs Klo.« Sie hofft, dass die Musicon-Valley-Reisen nun eine neue Zielgruppe anziehen: Blaskapellenspieler und andere Musiker, die nach der Werkstattbesichtigung vielleicht mal als Kunden wiederkommen.
In die Harmona-Werke im Nachbarort Klingenthal wird sich wohl kaum ein Besucher verirren, der nicht fachkundig ist: Von der Straße aus wirkt die älteste Akkordeonfabrik der Welt wenig einladend. Das angegraute Gebäude mit den braunen Fensterrahmen erstreckt sich über einen ganzen Block. Von den Wänden bröckelt der Putz, reißt graue Krater ins Gestein, selbst der auf die Mauer gemalte Firmenname »Harmona« hat seine beiden a eingebüßt. Das einzige Neue, was hier zu sehen ist, ist das Schild der Arbeitsagentur an der nächsten Straßenecke.
Erst wenn man das Werksgelände betritt, ändert sich der Eindruck. Aus den hohen Fenstern schallt Stimmengewirr. Ein älterer Mann verlässt das Gebäude, seine Augen glitzern, in den Armen wiegt er einen fabrikneuen »Weltmeister«, wie die Marke heißt, hüllt ihn in eine Decke und legt ihn auf den Beifahrersitz seines Wagens mit Berliner Kennzeichen.
Der Inhaberin Gabriele Herberger ist die Fassade ein bisschen peinlich. »Wir hatten in den letzten Jahren einfach kein Geld zum Renovieren«, sagt sie und öffnet die Tür zu den Werkhallen. Vor der Wende arbeitete die halbe Region in dieser Fabrik. Man fertigte in manchen Jahren über 100000 Instrumente und verschickte sie etwa nach Osteuropa, wo das Akkordeon nicht als Schifferklavier abgetan, sondern sein Spiel an Hochschulen gelehrt wird. In den Neunzigern haben verschiedene Eigentümer die Firma »eher geplündert als gefördert«, wie man in Klingenthal hinter vorgehaltener Hand sagt. Erst als Gabriele Herberger die Werke 2005 übernahm, begann ein zaghafter Aufschwung. Sie lässt jedes Jahr ein neues Modell entwickeln, beschäftigt einen ukrainischen Akkordeonvirtuosen, der Sonderanfertigungen betreut. Und sie öffnete ihre Werkstore für Besuchergruppen aus den Hotels der Umgebung.
In Strickjacke und Pantoffeln führt Frau Hüttel durchs Museum
Ein Akkordeon besteht aus 2500 Teilen, und wer hier einen Rundgang macht, bekommt einige als Souvenir zugesteckt: ein Stückchen Blasebalg aus erzgebirgischer Pappe oder einen Bassknopf in Metallicblau. In jedem Raum werkeln andere Spezialisten. Die Zelluloidfrauen wickeln bunten Kunststoff ums Holz – so sind die Gehäuse unempfindlich gegen fettige Finger. Die Feinstimmer sitzen jeder für sich mit einem »Snow« oder »Moonlight« in einem Kämmerchen, versunken in den Klang einer Quart. Und ein Fotograf rückt für den Katalog die neueste Entwicklung ins Blitzlicht: Blasebälge, die regenbogenfarben schillern oder von denen ein rosa Himmel leuchtet – der Europameister im Airbrush-Malen hat sie besprüht.
Manche Instrumentenmacher können selbst im Ruhestand nicht von der Musik lassen. Barbara und Wolfgang Hüttel, die einst Akkordeons und Gitarren bauten, unterhalten jetzt in ihrem Wohnhaus in Mark-neukirchen ein eigenes kleines Museum. An diesem Mittwochvormittag ist es Frau Hüttel, die in Strickjacke und Pantoffeln vorangeht in ihre gute Stube. Rechts und links reihen sich mechanische Musikinstrumente. »Wir sind ihnen verfallen, seit mein Mann bei einem Bekannten eine Jahrmarktorgel bedient hat.« Hüttel zeigt ihre Sammlerstücke: Sie dreht die Invalidenorgel, für Menschen ohne rechten Arm gebaut, tritt die Blasebälge, die dem Pianola Klavierklänge entlocken, zieht den Spieluhr-Rundkäfig auf, in dem rote und gelbe Vögelchen im Takt mit den Schwänzen wippen. Sie führt in eine Welt, in der »on« und »off« noch »anschalten« und »abschalten« hießen; in der Technik greifbar war, sich auf strombetriebene Hämmerchen beschränkte oder auf Luftströme, die durch Orgelpfeifen geblasen wurden. Hüttel stellt sich neben eine Mandolinenzither von 1912, zupft mit der linken Hand die Akkorde, dreht mit der rechten das Lochband mit der Melodie. »Auf der Alm, da gibt’s ka Sünd«, singt sie. Und ihre Plüschpuschen wippen im Takt.
© ZEIT Grafik
Information Vogtland
Anreise: Am einfachsten mit dem Auto, etwa Berlin über Dresden bis nach Plauen oder Markneukirchen; sonst mit der Bahn bis Adorf, von dort fährt der Bus V30 nach Markneukirchen
Die Museen: Framus Museum, Adorfer Str. 25, 08258 Markneukirchen. Geöffnet Di–So 10–18 Uhr, Eintritt 5 Euro, Tel. 037422/5559000
Musikinstrumenten-Museum Markneukirchen, Bienengarten 2, geöffnet Di–So 10–16 Uhr, Eintritt 5 Euro, Tel. 037422/2018
Hüttels Musikwerk-Ausstellung, Hauptstraße 10, 08258 Markneukirchen, geöffnet täglich 9–18 Uhr, Tel. 037422/2069
Musicon Valley: Über den Verband und die Reisepakete, die sich vor allem an Musikgruppen richten, informiert die Website www.musiconvalley.de, Tel. 037422/402940, Preise auf Anfrage
Auskunft: Tourist Information Plauen, Tel. 03741/2911027, www.plauen.de
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- Datum 15.01.2010 - 16:12 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.01.2010 Nr. 03
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mal so einen tollen Artikel über (fast) die alte Heimat zu lesen!
Die Ecke um Klingenthal ist auch landschaftlich und für Sportler hochinteressant, tolle Loipen, eine der modernsten Groß-Skisprungschanzen Europas (Weltcup):
http://www.weltcup-klinge...
Im Sommer ein Paradies für Radler, die es etwas bergig lieben. Bin immer wieder gerne da, obwohl ich wirklich schon viele andere Ecken gesehen habe...
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