Wie am Stammtisch der Revolutionäre sitzen die Männer in einer Kiewer Kneipe zusammen: Jewgenij, einst Spezialist für Straßenaktionen der Jugendorganisation Pora ("Es ist Zeit"), hat sich von der Politik verabschiedet. Er trägt, wie er feststellen musste, nicht das nötige Machtgen in sich. Andrej, der Rastlose und Beredsame, arbeitet in unzähligen Organisationen, vom Umweltschutz bis zum "Bürgerkomitee Fußballeuropameisterschaft 2012". Der 30-jährige Oleg saß Anfang des Jahrzehnts wegen seiner Proteste gegen den damaligen Präsidenten Leonid Kutschma für zweieinhalb Jahre im Gefängnis. Und Igor, der freundliche Patriot, strebt nach Harmonie aller Ukrainer mit jener entwaffnenden Liebenswürdigkeit, mit der er schon während der Kiewer Revolutionstage den hungrigen Gegendemonstranten aus dem Osten des Landes Wurstbrote in die Zugwaggons reichte. Am kommenden Sonntag wählt die Ukraine einen neuen Präsidenten – und damit geht für die vier Freunde eine Epoche zu Ende, in die sie viel Kraft und Hoffnung gesteckt haben: die Orange Revolution.

Im Winter vor fünf Jahren gingen in Kiew Hunderttausende Menschen nach massiven Wahlfälschungen unter orangefarbenen Fahnen für den Oppositionskandidaten Wiktor Juschtschenko auf die Straße. Demonstranten schliefen bei minus zehn Grad in den Zeltstädten. Sympathisanten verschenkten ihre alten Mäntel und tütenweise Antigrippemittel an die Frierenden. Igor leitete damals als "Feldkommandant" das Zeltdorf auf dem Kiewer Hauptboulevard Kreschtschatik. Er hatte früher schon christliche Zeltlager organisiert und galt als Spezialist. Er sorgte für Feuerholz und Lebensmittel und kümmerte sich um die Beerdigung eines Aktivisten, dem vor Aufregung das Herz versagte.

Nein, meinen die Freunde, der Kampf von damals war nicht vergeblich

Andrej befehligte die Blockade des Präsidentenpalasts. Gemeinsam mit Oleg stand er Auge in Auge den Truppen der Sonderpolizei Berkut gegenüber. "Wäre ein Stein in deren Reihen geflogen, hätte es ein Blutvergießen gegeben", sagt Oleg. "Unser Kommandeur beschwor uns: ›Ihr müsst Berkut vor dem Volk schützen!‹ Das war komisch – wir passten nun auf unsere Polizeifeinde aus früheren Demonstrationen auf." Die Revolution blieb friedlich, Juschtschenko wurde Präsident – und hat fast alle Hoffnungen enttäuscht. Viele, die einst aktiv waren, haben sich entmutigt ins Private zurückgezogen.

Die Orange Revolution, diese Volksaufwallung gegen ein autoritäres Regime und für ein selbstbestimmtes Leben, ist Geschichte. Sie hinterlässt Bitterkeit. Andrej erinnert sich an die Lehrerin, die sich und ihren Kollegen das Brot absparte, fünf Euro sammelte und zu den Zelten brachte. "Das war eine Heldentat bei den miserablen Lehrergehältern", sagt Andrej. "Derweil wurden Hunderttausende aus den Revolutionskassen gestohlen. Das ist leider die Wahrheit."

Als vor zwei Monaten wieder an die Revolution erinnert wurde, stand gerade einmal eine Hundertschaft auf dem Unabhängigkeitsplatz und schwang orangefarbene Fahnen. Präsident Juschtschenko zog einen Empfang mit ukrainischen Schlagersternchen vor. Und eine neue Farbe dominierte den Unabhängigkeitsplatz – das Lila auf den riesigen Werbebanden einer Schokoladenfirma.

Die Politiker der Orangen Revolution haben sich im alten, etwas liberalisierten System eingenistet, ohne ihre Versprechen zu erfüllen. Wie ihre Vorgänger bedienen sie die Interessen der Oligarchen, die hinter ihnen stehen. Gemeinwohl und Demokratie sind für sie meist nicht mehr als ein Mittel zum Zweck. Junge Politikeinsteiger, die ihre Wahlziele ernst nehmen, stören da nur. "Wir haben eine große Menge von würdigen Menschen mit neuen Ideen", sagt Andrej. "Aber sie fürchten das Vernichtungsfeuer der Medien, die wie die Richter und Staatsanwälte von Finanzgruppen beherrscht werden. Wer neu auf dem politischen Radar erscheint, wird zum Abschuss freigegeben."