Ihr Judenhass macht den Konservativen später das Bündnis mit Hitler leicht
Den Konservativen war an einer rationalen Auseinandersetzung um die Emanzipation nicht gelegen. Mit den übelsten Mitteln erregten sie Emotionen, die eine physische Ablehnung der Juden bewirken sollten. Dazu zählten die Ungeziefer-Metaphern, die sich in den Pamphleten und Flugblättern der Konservativen ebenfalls seit der napoleonischen Zeit finden. So sind für Arndt die Juden »Fliegen, Mücken und anderes Ungeziefer«. Wie solche Vergleiche auf die einfache Bevölkerung wirkten, zeigen die Würzburger und Mindener Flugblätter, in denen die Entfernung dieses »Ungeziefers« gefordert wird.
Die Konservativen überwanden ihren antisemitischen Minderwertigkeitskomplex auch nach der Revolution von 1848 nicht, während der Liberale Friedrich Hecker 1848 zu der Einsicht kam: »In der Unfreiheit der Staaten, in dem Druck, in der Verkümmerung liegt es, warum wir die Juden nicht emanzipieren wollten. Indem wir die Juden knufften, glaubten wir uns freier und höher stehend.« Hecker macht deutlich, weshalb die Deutschen ihrer jüdischen Minderheit die Gleichstellung so lange vorenthielten, bis sie 1871 letztendlich im Deutschen Reich per Gesetz festgelegt wurde.
Ihr Judenhass macht den Konservativen später das Bündnis mit Hitler leicht
Doch bald danach begannen die Antisemitismuskampagnen der Kaiserzeit, und Marcards Parolen fanden 1892 ihren Niederschlag in dem antikapitalistischen und antisemitischen Parteiprogramm der Konservativen, dem sogenannten Tivoli-Programm. Ihr Judenhass machte ihnen später, in den Tagen der Weimarer Republik, das Zusammengehen mit Hitler leicht.
Der Kampf gegen die Emanzipation der Juden zeugt von nicht weniger als der eigenen Unfreiheit, von der sich so viele Deutsche ihrerseits nicht emanzipieren konnten. Ludwig Börne stellte 1837 in seiner letzten Schrift fest: »Ist nicht Deutschland das Ghetto Europas? Tragen nicht alle Deutschen einen gelben Lappen am Hut?« Der »gelbe Lappen« war im Mittelalter das Zeichen für die von der Kirche bestimmte servitudo Judaeorum, die Knechtschaft der Juden. Der »gelbe Lappen am Hut der Deutschen«, die Befangenheit in den eigenen Vorurteilen bis hin zum Rassenwahn, blieb ein Kontinuum der deutschen Geschichte.
Die Ereignisse in Minden stehen am Übergang vom traditionellen christlichen Judenhass zum modernen Antisemitismus. Die Episode mit der Oblate erinnert noch an die mittelalterlichen Vorwürfe des »Hostienfrevels«. Marcard selbst aber, wie auch Arndt und manch anderer völkischer Prediger jener Zeit, steht schon für den neuen, den rassistischen Antisemitismus des 20. Jahrhunderts. Wer nach den »Gründen für Auschwitz« fragt, wird sich mit dieser entscheidenden Phase der deutschen Geschichte beschäftigen müssen.
Der Autor ist Professor (em.) für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg
- Datum 20.01.2010 - 13:30 Uhr
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- Serie Zeitläufte
- Quelle DIE ZEIT, 21.01.2010 Nr. 04
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