Alles rechtmäßig in diesem Haus, dem Angermuseum, untergebracht, sagt die Kulturdezernentin von Erfurt

Wer heute in der Erfurter Löbervorstadt durch die Schillerstraße mit ihren gut restaurierten Altbaufassaden bummelt, findet keinen Hinweis mehr darauf, welche Kulturschätze sich einmal hinter den Fenstern im ersten Stock des sandsteinfarbenen Hauses mit der Nummer 32 befunden haben. Nichts deutet mehr auf jenes Drama hin, das sich hier am Nikolausabend vor 35 Jahren abspielte, als Matthias Dietel aus dem »kapitalistischen Ausland« nach Erfurt in der DDR kam, um das Erbe seines Vaters anzutreten. Erst im Januar hat die Stadtverwaltung darüber zum ersten Mal offiziell den städtischen Kulturausschuss informiert.

Dass sein Vater, der Werbegrafiker Heinz Dietel, Kunst und Kunsthandwerk gesammelt hatte, wusste der in den USA lebende Sohn. Dass die Sammlung Dietel aber zu den bedeutendsten Privatsammlungen der DDR zählte, wurde auch ihm erst klar, als er am Abend nach seiner Ankunft in der väterlichen Wohnung auf gepackte Kisten stieß. Dessen ehemalige Lebensgefährtin und ein Rechtsberater des Vaters, Horst Pollack, hatten sich bereits herausgesucht, was ihnen angeblich noch zu Lebzeiten des Sammlers versprochen worden war. Der Rest stand bereit zum Abtransport ins Angermuseum der Stadt Erfurt. Dort befinden sich bis heute mindestens 77 Stücke aus der Sammlung Dietel.

»Ich gehe davon aus, dass diese Dinge rechtmäßig im Angermuseum sind«, sagt die Kulturdezernentin Tamara Thierbach. »Deshalb haben wir auch nichts zu restituieren. Die Stadtverwaltung muss das Vermögen der Kommune schützen.«

»Das Angermuseum besitzt diese Kunstgegenstände ohne jede Rechtsgrundlage«, hält dem der Berliner Rechtsanwalt Ulf Bischof entgegen, der den Dietel-Erben vertritt. »Sie hätten nur mit dem Einverständnis des Erben an das Museum übergeben werden dürfen. So regelte es das bis Ende 1975 in der DDR gültige Bürgerliche Gesetzbuch, und dies änderte sich auch nicht durch das ab 1976 gültige Zivilgesetzbuch der DDR. Dieses Einverständnis hat es aber nachweislich nie gegeben.«

Hintergrund der fragwürdigen Transaktion von 1975 war ein offenbar fingiertes Steuerverfahren gegen Heinz Dietel. Wenn es darum ging, den wenigen privaten Kunstsammlern in der DDR ihren Besitz abzupressen, entwickelten die Behörden große Fantasie. Wie weit das Regime zu gehen bereit war, wenn aus bürgerlichen Sammlungen volkseigenes Eigentum werden sollte, bekam Heinz Dietel im Frühjahr 1975 zu spüren. Ein halbes Jahr zuvor war der damals 63-jährige Werbegrafiker in Untersuchungshaft genommen worden. Er sollte wissentlich eine Holzplastik angekauft haben, die aus einem Diebstahl stammte. Als Dietel nach einem halben Jahr freigesprochen wurde, erwartete ihn bereits die nächste Anschuldigung. In seiner Abwesenheit hatten die Behörden seine Wohnung durchsucht und den Wert dessen, was der Sammler im Laufe der Jahrzehnte zusammengetragen oder -getauscht hatte, auf 2.105.245 Mark geschätzt.

Den DDR-Behörden war bekannt, dass Heinz Dietel eine umfangreiche private Sammlung besaß, zu der vor allem Ostasiatika, aber auch Silber- und Glasarbeiten, Keramik, Porzellan und Münzen gehörten. Seit Langem schon beobachtete die Staatssicherheit seine Aktivitäten. Denn der staatliche Kunsthandel der DDR hatte ein nie versiegendes Interesse daran, wertvolle Stücke aus Privatbesitz heimlich gegen Devisen in den Westen zu verkaufen. Günter Schade, damals Direktor des Kunstgewerbemuseums Köpenick und danach Generaldirektor der Ostberliner Museen, gab später zu Protokoll: »Seit Ende der sechziger Jahre ist mir bekannt, dass der Erfurter Grafiker Dietel eine der bedeutendsten Sammlungen auf den Gebieten Silber, Glas und Keramik, Porzellan und Ostasiatika besitzen soll.« Um dieser Sammlung habhaft zu werden, erhoben die DDR-Behörden den Vorwurf, Heinz Dietel sei kein Sammler; er habe sich ausschließlich als Kunsthändler betätigt. Seine Wohnung sei als Kunsthandlung, jedes Stück der Sammlung als Ware und deren im Laufe der Jahre ohne Dietels Zutun erfolgte Wertsteigerung als Gewinn aus einem Gewerbebetrieb zu betrachten. Deshalb schulde er der sozialistischen Volksgemeinschaft mehr als 1,1 Millionen Mark vor allem an nicht gezahlter Einkommensteuer. Diese Behandlung von Kunstsammlern als Kunsthändler hatte Methode und wurde von einem Untersuchungsausschuss des 12. Deutschen Bundestages als rechtsstaatswidrig charakterisiert.

Dietel versuchte zunächst, die Vorwürfe zu entkräften. In einer Beschwerde an den Rat der Stadt Erfurt wies er darauf hin, dass er als freiberuflicher Grafiker unter anderem bei der DEWAG-Werbung und dem VEB Funkwerk Erfurt gut leben könne und außerdem »über keine Bank- und Sparkassenguthaben verfüge, die erheblich wären, noch über Bargeld«. Irgendwann aber musste der alte Mann, dem die Untersuchungshaft gesundheitlich stark zugesetzt hatte, seinen Widerstand gegen das Regime aufgeben. Über das Ankaufsgeschäft des Staatlichen Kunsthandels der DDR in Erfurt musste er schließlich, um die Steuern zahlen zu können, kurz vor seinem Tod Objekte im Wert von rund einer halben Million Mark verkaufen. Sie wurden über den Bereich Kommerzielle Koordinierung des berüchtigten Stasi-Offiziers im besonderen Einsatz Alexander Schalck-Golodkowski in den Westen verkauft.

Als Heinz Dietel Mitte November 1975 starb, machte ausgerechnet dessen Rechtsberater Horst Pollack die Finanzabteilung in Erfurt darauf aufmerksam, dass die Steuerschuld des Sammlers noch nicht vollständig beglichen sei. Fünf Tage später half er in der Schillerstraße gemeinsam mit Dietels früherer Lebensgefährtin dem ebenfalls anwesenden Direktor des städtischen Angermuseums, Karl Römpler, bei der Auswahl geeigneter Stücke für das Angermuseum. Gegen ihren Erwerb sollte die angebliche Steuerschuld verrechnet werden.