Kein Zweifel: Einen effektvollen Zeitpunkt für die eigenen Aktionen zu erwischen, davon verstehen die Strategen des deutschen Kartellamtes viel. Im vergangenen April untersuchten sie ausgerechnet am Tag der wichtigsten Pressekonferenz von Edeka die Hamburger Konzernzentrale wegen des Verdachts, der Lebensmittelriese habe seine Nachfragemacht missbräuchlich genutzt. Den Journalisten blieb das Spektakel natürlich nicht verborgen. Sie waren sozusagen live dabei.

Auch der nächste spektakuläre Schlag kam Ende vergangener Woche gezielt. Pünktlich zum Start der internationalen Grünen Woche, auf der sich die Lebensmittelbranche alljährlich präsentiert, veranstalteten die Kartellwächter eine parallel laufende Razzia bei Einzelhändlern und Markenherstellern, die den Machtanspruch der Behörde eindruckvoll belegt: Als ginge es um Schwerverbrechen, stürmten 56 Mitarbeiter gemeinsam mit 62 Polizisten die Zentralen von 15 Unternehmen. In diesem Fall lautet der Verdacht, dass sich Markenhersteller mit Einzelhandelsunternehmen über die Gestaltung einiger Ladenpreise abgestimmt haben könnten. Der Zweck solcher Kontrollen ist es, den Wettbewerb zu schützen und die Verbraucher vor missbräuchlichen Preiserhöhungen zu bewahren. Das ist gut so. Ein Lob den Berliner Marktwächtern.

Gleichwohl: Der Zeitpunkt mag im Sinne der Medienprofis in der Behörde gut gewählt sein, in der Sache aber irritiert er. Schließlich kann in diesen Tagen von zu wenig Wettbewerb oder missbräuchlich hohen Preisen im Einzelhandel keine Rede sein. Ganz im Gegenteil. Der Wettbewerb ist gnadenlos, und die Preise kennen nur eine Richtung: nach unten. Und zwar so dramatisch, dass sich Verbraucherministerin Ilse Aigner angesichts des ruinösen Preiskampfes um die Qualität der Lebensmittel sorgt und vor der Wegwerfgesellschaft warnt. Die offiziellen Zahlen belegen den Verfall eindeutig. Die niedrige Inflation 2009 wurde wesentlich durch die Preisrückgänge bei Nahrungsmitteln geprägt. Die verbilligten sich im Dezember 2009 gegenüber Dezember 2008 um zwei Prozent.

Für die Händler bedeutet das empfindlich schrumpfende Geschäfte. Sie sparen deshalb, wo sie können. Zum einen nutzen die Großen unter den Händlern ihre Nachfragemacht, um Lieferanten zu pressen. So beklagt die Ernährungsindustrie einen Umsatzrückgang von vier Prozent. Das sei der stärkste Einbruch seit Bestehen der Bundesrepublik gewesen, so die Hersteller. Die Entwicklung hat nichts damit zu tun, dass die Verbraucher weniger essen und trinken. Mengenmäßig sind die Produktion und der Absatz von Lebensmitteln und Getränken nämlich konstant geblieben. Die Konsumenten zahlten einfach nur weniger für die Nahrungsmittel.

Gespart wird aber auch woanders. Selbst wenn man in vielen Läden inzwischen vergeblich nach Beratung sucht, zählt der Einzelhandel nach wie vor zu den personalintensiven Branchen. Was liegt da näher, als den Kostenfaktor Mensch zu reduzieren. Wie das geht, hat gerade die Drogeriemarktkette Schlecker vorgemacht: Verkäuferinnen entlassen und über eine Leiharbeitsfirma wieder einstellen. Zu viel geringerem Gehalt natürlich, Urlaubs- und Weihnachtsgeld werden bei der Gelegenheit gestrichen. Wer das nicht akzeptiert, dem droht Hartz IV. Zwar wird immer wieder behauptet, dass Schlecker ein Einzelfall sei. Seltsam ist nur, dass es keine hinreichenden Zahlen über den Einsatz von Leiharbeitern im Einzelhandel gibt.

Auch der Lebensmitteldiscounter Lidl schaffte es regelmäßig, seinem schlechten Image gerecht zu werden. Seitdem die Gewerkschaft ver.di vor gut drei Jahren das Schwarzbuch über die Arbeitsverhältnisse im Konzern mit dem Titel Billig auf Kosten der Beschäftigten veröffentlicht hat, wurden laufend neue Skandale bekannt: Überwachung an den Kassen mit versteckten Kameras; Protokolle darüber, wann Mitarbeiterinnen zur Toilette gehen; penible Buchführung über Krankheiten der Mitarbeiter. Und ein solcher Überwachungswahn zum Zwecke der Kostenkontrolle scheint nicht auf Lidl begrenzt.

 

Selbst Edeka, lange Zeit als fairer Arbeitgeber bekannt, hat plötzlich ein Problem. Einer der selbstständigen Unternehmer der Edeka-Gruppe war Ende vergangenen Jahres in den Verdacht geraten, Mitarbeiter ausspioniert und Sozialkassen betrogen zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit.

Es scheint für manche Unternehmer und Konzernlenker unbegreiflich, dass das Sparen zulasten der Mitarbeiter und wachsendes Misstrauen gegenüber den Beschäftigten ein Klima schafft, das den Geschäften abträglich ist. Ob eine Verkäuferin motiviert oder frustriert und verschüchtert ihre Arbeit macht, merkt jeder Kunde. Auf Dauer sind gehetzte Mitarbeiter keine gute Werbung.

Personalkosten zu kappen und Einkaufspreise weiter zu drücken ist zwar eine kurzfristig wirksame, aber keine nachhaltige Methode, um im dramatischen Wettbewerb zu bestehen. Die Branche kann sich selbst allerdings nur bedingt helfen. Wer wollte schließlich der Erste sein, der selbstmörderisch die Preise erhöht? Deshalb wäre es nicht verwunderlich, wenn stimmen sollte, was die Wettbewerbshüter vermuten. Sie hegen den Verdacht, dass sich Handel und Hersteller bei einigen ausgewählten Produktgruppen, nämlich Süßwaren, Kaffee und Tiernahrung, darauf geeinigt haben, eine bestimmte Preisgrenze im Laden nicht zu unterschreiten. Angesichts des dramatischen Preisverfalls klingt das fast wie Notwehr gegen eine Entwicklung, die alle nur nach unten zieht.

Trotzdem muss die Kartellbehörde natürlich Missbrauch verhindern. Die Politik aber sollte dafür sorgen, dass Arbeitnehmer nicht zum Opfer von Billigstrategien werden. Reguläre Voll- und Teilzeitbeschäftigte im Handel muss ein Mindestlohn schützen. Und das altbewährte Prinzip – gleicher Lohn für gleiche Arbeit – sollte auch für Leiharbeiter gelten. Auf dieser Basis kann sich reger Wettbewerb entfalten. Und falls nicht, kämen die kundigen Kartellwächter dann immer zur rechten Zeit.