In dem flotten Animationsfilm, der über die Leinwand in der Wolfenbütteler Lindenhalle flimmert, wirkt das Höllenfahrtskommando geradezu elegant: Ferngesteuerte Greifarme packen tief unten im Salzstock Asse II radioaktive Fässer; Laster und Förderbänder fahren sie zu einer unterirdischen Sammelstelle, wo sie automatisch auf Strahlung geprüft und zusammengepresst werden – bevor sie in handlichen Paketen nach oben ans Tageslicht befördert und dort fachgerecht gelagert werden.

Die Computeranimation, unterlegt mit rhythmischen Synthesizerklängen, wirkt wie professionelles Wissenschaftsentertainment. Doch als sie zu Ende ist, klatscht in der überfüllten Lindenhalle niemand. Und als der anwesende NDR-Moderator kritisch fragt, ob in der Realität wohl auch funktioniere, was in der Animation so einfach aussehe, da geht ein hundertfaches zustimmendes Gemurmel durch den Saal.

Denn an diesem Montagabend sind sie alle da: die Bürgerinitiativen und Umweltverbände, die Aktivisten mit den gelben "aufpASSEn"-Stickern, die mit einem großen Transparent neben der Bühne stehen, das Anti-Atom-Plenum Weserbergland und natürlich die Einwohner aus den Ortschaften Remlingen, Wittmar, Groß und Klein Vahlberg, deren Felder über dem ehemaligen Salzbergwerk Asse II liegen.

Am Freitag vergangener Woche hat das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) präsentiert, wie es die skandalösen Zustände in der Asse beenden wolle, in der 126.000 Fässer radioaktiven Mülls lagern, teils mit undeklariertem Inhalt und bedroht von permanentem Wassereinbruch, der zum Einsturz des Salzstocks führen kann. Drei Optionen hatte das BfS verglichen und dann empfohlen, die strahlende Fracht aus der Tiefe zurückzuholen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Kernenergie würde damit ein untertägiges Atommülllager aufgelöst und radioaktiver Abfall aus bis zu 750 Meter Tiefe wieder an die Oberfläche geschafft – ein Albtraum für alle Endlagerexperten.

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Drei Tage nach der Pressekonferenz des BfS sollen nun die betroffenen Bürger informiert werden. In der Lindenhalle, in der sonst Familienfeiern und Konzerte stattfinden, geht es nicht nur um technische Details, sondern vor allem um grundlegende Fragen: Wer soll für die immensen Kosten der geplanten Sanierung aufkommen, die auf zwei bis vier Milliarden Euro beziffert werden? Was bedeutet dies für die anstehenden Verhandlungen mit den Energiekonzernen über die Restlaufzeiten der Kernkraftwerke und die Zukunft der Atomenergie in Deutschland? Und, vielleicht die wichtigste Frage: Wie lässt sich das Vertrauen von Bürgern zurückgewinnen, die das Gefühl haben, von staatlichen Institutionen über Jahre hinweg belogen und betrogen worden zu sein? Kann ausgerechnet im Klima des Misstrauens jene Form von Bürgerbeteiligung gelingen, die Risikoexperten auch für den Umgang mit Gentechnik, Stammzellforschung und anderen Streitthemen empfehlen?

Mit der Entscheidung des Bundesamtes für Strahlenschutz, so war in der Frankfurter Allgemeinen zu lesen, werde "ein weiterer Nagel in den Sargdeckel der Kernenergie in Deutschland eingeschlagen". Man kann die Sache aber auch umgekehrt sehen: Besteht nicht die Mission von BfS-Präsident Wolfram König gerade darin, das Vertrauen der Deutschen in die Kernenergie wiederherzustellen und zu demonstrieren, dass selbst mit einem Informations-GAU wie dem der Asse am Ende noch verantwortlich umgegangen wird?

Es steht an diesem Montagabend viel auf dem Spiel in Wolfenbüttel. Und Wolfram König, der als Erster ans Rednerpult tritt, weiß genau, dass es nicht nur auf den Inhalt seiner Sätze ankommt, sondern auch darauf, wie er sie formuliert. Auch ihm sind die Ergebnisse der Risikoforschung bekannt, die zum Beispiel lehrt, dass Menschen freiwillig bis zu tausendfach höhere Risiken akzeptieren als unter Zwang; dass unbekannte Gefahren viel bedrohlicher wirken als bekannte; und dass für die meisten Bürger das wissenschaftliche Gefährdungspotenzial weniger wichtig ist als die Glaubwürdigkeit der Handelnden. Im Umgang mit der Öffentlichkeit, so formulieren es Risikoberater, komme es daher nicht so sehr auf Fakten und Statistiken an, sondern vor allem auf das richtige "Empörungsmanagement". Und das beherrscht König perfekt.

Er lobt die Bürgerinitiativen und die Lokalpolitiker der "Begleitgruppe Asse II", mit denen er in den vergangenen Monaten so konstruktiv diskutiert habe, spricht viel von "Offenheit" und "Transparenz" und sagt den schönen Satz: "Sicherheit ist nicht nur eine Frage der Einhaltung der Grenzwerte, sondern auch des Vertrauens." Das ist Balsam auf die Seelen der Zuhörer. Denn der frühere Betreiber der Asse, das Helmholtz-Zentrum München (HMGU), hat viel Vertrauen zerstört.