Anschlag auf Künstlerin Frankreich debattiert am Problem vorbei
Das Attentat auf die Dramaturgin Rayhana löst in Frankreich erstaunlich wenig Empörung aus.
© Pierre Verdy/AFP/Getty Images

Die algerische Dramaturgin Rayhana am vergangenen Donnerstag im Pariser "Maison des Métallos", nachdem Unbekannte sie überfallen hatten
In der Pariser Rue Jean-Pierre Timbaud können den Spaziergänger mulmige Gefühle beschleichen. Man muss nicht islamophob sein, um beim Anblick der bärtigen Männer und vermummten Frauen daran zu denken, dass hier, in der Nähe einer als radikal geltenden Moschee, vor anderthalb Jahren der islamkritische Autor Mohamed Sifaoui überfallen wurde.
Am vergangenen Samstag versammelten sich vor dem benachbarten Maison des métallos, einem linken Kulturzentrum, trotz strömenden Regens ein paar Hundert Aufrechte, um gegen eine neuerliche Attacke zu protestieren: Diesmal galt sie einer algerischen Dramaturgin namens Rayhana. Das Maison hatte ein Stück der Feministin aufgeführt, bestehend aus einer Unterhaltung zwischen Frauen in einem algerischen Hamam. Was die sich so erzählten, musste jenen Anhängern des Islam missfallen, die unter Rechtgläubigkeit die Unterdrückung der Frau verstehen.
Bereits Anfang Januar hatte ein Unbekannter der Autorin aufgelauert und ihr »mit maghrebinischem Akzent«, wie sie sagt, Drohungen zugeraunt. Eine »Hure« sei sie, und »ungläubig« dazu. Am Dienstagabend vergangener Woche dann sei sie von zwei Männern festgehalten worden. »Sie sagten: ›Wir haben dich gewarnt‹, begossen mich mit Benzin und hielten eine brennende Zigarette dagegen« – die zündete aber nicht, der Regen war wohl zu stark.
Rayhana wäre nicht die erste Frau in Frankreich gewesen, der das Gesicht verbrannt wurde, weil sie sich zeigte. Sie verbirgt weder ihre prachtvollen Locken unter einem Schleier noch ihre Ansichten hinter angstvoll geschlossenen Lippen. Die Aufführung unmittelbar nach dem Angriff brachte sie couragiert über die Bühne: »Ich habe in Algerien die russische Schule des Theaters gelernt. Mein Lehrer sagte, ›Der Schauspieler muss selbst dann auf die Bühne, wenn er tot ist‹. Das Publikum wusste von nichts.« Tags darauf gab es Zeitungsmeldungen und politische Manöver. »Stellen Sie sich vor«, sagt sie im Interview, »der Minister für Immigration und nationale Identität wollte mich zum Essen einladen!« Ist sie hingegangen? »Unmöglich! So ein Ministerium im Land der Fraternité, das sagt doch wohl alles.« Aber die »Identität«? Oh, sie liebe Frankreich, sei sogar mit einem waschechten Franzosen verheiratet. Der heiße Obermeyer.
Jahrelang habe sie für ihr Stück nur solche Produzenten gefunden, die »eine exotische Aufführung mit Couscous und Düften und badenden Araberinnen« wollten. Schließlich aber traf sie ihren jetzigen Produzenten, alles lief nach Wunsch, ausverkaufte Vorstellungen, Buchversion des Manuskripts, sogar ein Vertrag für die Übersetzung ins Deutsche – und dann, kurz vor dem letzten Vorhang, der Überfall.
Der ist auch deshalb besorgniserregend, weil er die Öffentlichkeit recht wenig bewegte. Dabei hätten nicht nur die Täter, sondern auch die nachfolgenden Proteste kritische Aufmerksamkeit verdient. In die Freiheitsparolen mischte sich Empörung gegen die »Überfremdung«, und schnell ward alles zusammengerührt, die Republik, die Immigration, sogar der Streit um die Ganzkörperschleier. Die nämlich sollen womöglich verboten oder wenigstens ihre Trägerinnen sanktioniert werden. Und wieder geht es gegen die Frauen. Mit Rayhana hat das alles schon nichts mehr zu tun.
- Datum 20.01.2010 - 15:07 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.01.2010 Nr. 04
- Kommentare 16
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









grausam der anschlag. aber sie wundern sich über den geringen protest.wie wäre der in deutschland? nun ja, sicherlich haben sie auch die artikel in der süddeutschen und der taz gelesen, in denen -ich sag es mal sehr einfach mit eigenen worten- diejenigen, die für werte wie demokratie, gleichheit, trennung von staat und kirche etc. eintreten auf einmal als die radikalen gebrandmarkt werden. verkehrte welt.
wenn ein Russlanddeutscher versucht, den Schleier einer verschleierten Frau anzuzünden.
@1: Die Artikel in der SZ und TAZ habe ich gelesen - schockierend! Falls Sie den folgendne Artikel nicht kennen, sollten Sie ihn lesen
http://www.perlentaucher....
das folgende zum Werte-Relativismus (nach welchem jeder, der für eine Überzeugung eintritt, ein Fundamentalist sei, egal, ob er shcreibt, oder ob er mordet) formuliert:
"Sowohl Chamberlain als auch Hitler hatten Schnurrbärte, aber es wäre absurd dieser Ähnlichkeit irgendeine Bedeutung zuzuschreiben."
Ansonsten scheint dieser absurde Werte-Relativismus letztlich nichts anderes als geistige Feigheit zu sein - "Küsst die Faschisten, wo Ihr sie trefft" formulierte schon Kurt Tucholsky.
"Empörung würde es auslösen, wenn ein Russlanddeutscher versucht, den Schleier einer verschleierten Frau anzuzünden."
Und das wäre nun wirklich ungerecht - ist es das, was Sie zum Ausdruck bringen wollen?
das folgende zum Werte-Relativismus (nach welchem jeder, der für eine Überzeugung eintritt, ein Fundamentalist sei, egal, ob er shcreibt, oder ob er mordet) formuliert:
"Sowohl Chamberlain als auch Hitler hatten Schnurrbärte, aber es wäre absurd dieser Ähnlichkeit irgendeine Bedeutung zuzuschreiben."
Ansonsten scheint dieser absurde Werte-Relativismus letztlich nichts anderes als geistige Feigheit zu sein - "Küsst die Faschisten, wo Ihr sie trefft" formulierte schon Kurt Tucholsky.
"Empörung würde es auslösen, wenn ein Russlanddeutscher versucht, den Schleier einer verschleierten Frau anzuzünden."
Und das wäre nun wirklich ungerecht - ist es das, was Sie zum Ausdruck bringen wollen?
.... und in Kombination mit entsprechenden Gesetzen ("Antidiskriminerungsgesetz") und dem jahrelangen Propagieren von Beliebigkeit und Kulturrelativismus führen zu solchen Reaktionen.
Gleichzeitig steht Herr Wilders in Holland vor Gericht, weil er Tatsachen über bestimmte Menschengruppen verbreitet.
Das passt alles gut zusammen. Die Europäer mögen den Kulturkampf nicht aber er wird geführt! Dieses Attentat, der Wilderprozess, der Winter-Prozess in Österreich sind beredte Zeugnisse.... auch wenn in der "Zeit" immer wieder dieser negiert wird.
Sind wir Zeugen, wie der Islam Europa in seinen Grundfesten erschüttert und langsam aber sicher diesen Kontinent in Beschlag nimmt?
"Sind wir Zeugen, wie der Islam Europa in seinen Grundfesten erschüttert und langsam aber sicher diesen Kontinent in Beschlag nimmt?"
Nein, wir sind Zeugen, wie der xenophobe Mob, der in Solingen, Hoyerswerda und Mölln mordete, die Foren der Medien mit seinem Hass vollsudelt, die einstmals als Hort demokratischer Gesinnung galten.
"Sind wir Zeugen, wie der Islam Europa in seinen Grundfesten erschüttert und langsam aber sicher diesen Kontinent in Beschlag nimmt?"
Nein, wir sind Zeugen, wie der xenophobe Mob, der in Solingen, Hoyerswerda und Mölln mordete, die Foren der Medien mit seinem Hass vollsudelt, die einstmals als Hort demokratischer Gesinnung galten.
Wie soll man denn debattieren? Natürlich sollte man den Schwerpunkt auf Integration und Bildung legen wie in Deutschland. Aber wie schützt man dann Personen wie Frau Rayhana? Es waren zwar nur zwei Männer aber hatten die möglicherweise Rückendeckung aus Kreisen der, wie der Autor sagt, radikalen Moschee?. Erwarten kann man eine deutliche Distanzierung offizieller islamischer oder betroffener Offiziellen. Darünber sagt der Artikel aber nichts.
Mir gefallen Ganzkörperschleier auch nicht. Das öffentliche Leben wird schon genug anonymer und rücksichtsloser. Da brauchen wir nicht noch so etwas nach aussen gewendete religiöse Abgeschlossenheit. Ordenstrachten z. B. verdecken das Gesicht nie. Ob man die Ganzkörperschleier verbieten muss, weiss ich nicht. Ein Verbot wäre auch eine Maßnahme gegen die Männer, denn die haben das mit Sicherheit erfunden.
Der Artikel beschreibt die Situation, zur Bewertung der Reaktion Frankreichs fehlen m. E. die Fakten. So gut kenne zumindest ich mich da nicht mehr aus. Es scheint aber, dass die Probelem teilweise massiver sind als hierzulande.
das folgende zum Werte-Relativismus (nach welchem jeder, der für eine Überzeugung eintritt, ein Fundamentalist sei, egal, ob er shcreibt, oder ob er mordet) formuliert:
"Sowohl Chamberlain als auch Hitler hatten Schnurrbärte, aber es wäre absurd dieser Ähnlichkeit irgendeine Bedeutung zuzuschreiben."
Ansonsten scheint dieser absurde Werte-Relativismus letztlich nichts anderes als geistige Feigheit zu sein - "Küsst die Faschisten, wo Ihr sie trefft" formulierte schon Kurt Tucholsky.
Ein Hntertürchen haben sie sich ja gelassen: sie lehnen den moralischen Eiferer ab.
Ein Hntertürchen haben sie sich ja gelassen: sie lehnen den moralischen Eiferer ab.
Ein Hntertürchen haben sie sich ja gelassen: sie lehnen den moralischen Eiferer ab.
Wenn man diesen Schauermärchen auch nur eine Sache abgewinnen kann, dann, dass die verlogenen linke Meinungs-Maffia schon ziemlich bald eine sehr peinliche 180 Grad Wendung hinlegen muss, um nicht noch das letzte Stück Aufrichtigkeit zu verlieren.
"dass die verlogenen linke Meinungs-Maffia schon ziemlich bald eine sehr peinliche 180 Grad Wendung hinlegen muss, um nicht noch das letzte Stück Aufrichtigkeit zu verlieren."
Ihr Beitrag ist nicht nur grammatikalisch krude. Was wollen Sie eigentlich zum Ausdruck bringen?
"dass die verlogenen linke Meinungs-Maffia schon ziemlich bald eine sehr peinliche 180 Grad Wendung hinlegen muss, um nicht noch das letzte Stück Aufrichtigkeit zu verlieren."
Ihr Beitrag ist nicht nur grammatikalisch krude. Was wollen Sie eigentlich zum Ausdruck bringen?
irgendwann werden die Fanatiker die Frau doch erwischen. Das wird nur kurze Empörung auslösen, weil es ja unter Ausländern passiert ist. Erst wenn normale Französisch-Stämmige zu Opfern werden, dann wird radikal-nationale Gesinnung mit dem Kärcher kommen. Und dann werden ein paar gemäßigte Moslems merken, dass es zu spät ist, sich deutlich zu distanzieren und entsprechende Maßnahmen zur Ergreifung der Täter einzuleiten. Die Migranten werden das Problem zu lösen haben.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren