ZEITmagazin Autotest Die Fahrerin lenkt, der Boss denkt

Ilka Piepgras fährt den Mercedes-Benz GL 350 BlueTEC

Der Mercedes GL 350 Bluetec steht wuchtig im Wind. Beliebt ist das Modell vor allem bei Kunden in den USA.

Der Mercedes GL 350 Bluetec steht wuchtig im Wind. Beliebt ist das Modell vor allem bei Kunden in den USA.

Um es gleich zu sagen: Autos bedeuten mir nicht viel. Sie sollen mich zuverlässig von A nach B bringen. Gut, das Ganze sollte möglichst bequem geschehen. Aber viel mehr erwarte ich nicht. Vielleicht lag es an dieser Haltung, dass ich zum Mercedes GL 350 von Anfang an ein zwiespältiges Verhältnis entwickelte. Er wollte zu viel – er schien mir permanent beweisen zu wollen, dass er der Boss sei.

Schon der erste Kontakt mit diesem zweieinhalb Tonnen schweren Geländewagen war merkwürdig erniedrigend: Als ich die Heckklappe schwungvoll schließen wollte, stieß ich auf Widerstand. Sie wollte nicht von mir geschlossen werden, das tat sie selber. Untätig musste ich zusehen, wie die Klappe automatisch langsam nach unten surrte. Der Boss stellte meine Geduld auf die Probe.

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Am Steuer galt es dann, anstatt aktiv einen Schlüssel im Zündschloss zu drehen, eine läppische Start-Taste zu drücken – gerade so, als wollte ich einen Staubsauger in Gang setzen. Traute mir das Auto nur Hausarbeit zu? Bockig wollte ich durchstarten, doch das schwere Auto zog nicht mit. Von wendigen Manövern schien es nicht viel zu halten. Ich fügte mich und schlich durch die große Stadt. Der Boss hatte sich durchgesetzt.

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Dann fuhren wir in die Berge. Auf der Autobahn trumpfte der Wagen – nun bis auf einen seiner sieben Plätze besetzt – mächtig auf. Seine enorme Größe zahlte sich insofern aus, als Teenager auf der hintersten Bank stundenlang unbemerkt die dritte Staffel von O.C., California auf dem Laptop schauen konnten. Der Boss machte sich Freunde im Fond.

Der Fahrerin jedoch wies er mittels der Distanzkontrolle wieder eine beschämend passive Rolle zu: Ist die gewünschte Distanz zum Vorderauto einmal eingestellt, bremst und beschleunigt dieser Mercedes von allein. Man muss nur noch lenken, was zu starkem Schlafdrang führen kann. Doch einmal gab sich der Boss eine Blöße. Er bremste auch, als sich ein Wagen seitlich näherte. Er will sogar dann führen, wenn es unsinnig ist.

In den Bergen Österreichs zahlte sich endlich seine Behäbigkeit aus. Der Boss ließ sich weder durch Kühe noch durch steile Straßen beirren. Nur einmal, nachdem er endlose Serpentinen gnadenlos hinaufgejagt worden war, brauchte er eine Verschnaufpause – es dampfte unter der Motorhaube. In diesem Auto ist man ständig versucht zu rasen – man fühlt sich so sicher, dass man das hohe Tempo nicht merkt. Drei Mal wurde die Testfahrerin auf der Strecke von wenigen Hundert Kilometern geblitzt. Offenbar gefällt dem Boss die Rolle des Verführers.

Ilka Piepgras ist Redakteurin beim ZEITmagazin

 
Leser-Kommentare
  1. Was ist denn das für ein blöder Bericht? Das ist eine eigen-inszenierung, mehr nicht.

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    ich wuerde das angenehmerweise gerade nicht als inszenierung
    sehen, sondern als die authentische eigenwahrheit der autorin.

    ich wuerde das angenehmerweise gerade nicht als inszenierung
    sehen, sondern als die authentische eigenwahrheit der autorin.

  2. immer mit guten Beispiel voran.

    Bossen wollen...Durchstarten, Abstand halten macht müde, Autos zum kochen bringen, Geschwindigkeiten überschreiten und quasi stolz darauf sein, man hätte es nicht gemerkt... aber behaupten man möchte nur von A nach B.

    Schreiben Sie über was anderes.

    Vorsicht beim Autofahren!

    • ripuli
    • 20.01.2010 um 12:21 Uhr

    Also "newbrain", was passt ihnen denn jetzt an diesem Bericht nicht?
    Wie es mir scheint, haben Zeitonline-Leser immer etwas an den Autoberichten zu meckern. Ich selber bin Abonnent der Autozeitschrift "Auto Motor und Sport" und habe eine Ausbildung zum Automobilkaufmann bei Mercedes-Benz gemacht - also durchaus mit den Fakten des Fahrzeuges vertraut.
    Und ich genieße es, die Berichte der Zeit zum Thema Automobil zu lesen, denn es sind immer - unvermeidbar zum Teil auch subjektive - unterhaltsame Berichte, die nicht die Leistung, den Verbrauch oder sonstiges bewerten. Und auch der technische Fortschritt wird hier, sehr toll von Ilka Piepgras, auch mal kritisch betrachtet.
    Ein großes Lob an die Journalistin! Auch das typische gehässige Reden über SUV's kommt zum Glück nicht vor.

    Also ich für meinen Teil habe kein Problem mit den Berichten der Zeit!
    Und wenn man einen genormten Test eines Automobils lesen möchte um eine Kaufentscheidung zu treffen oder sonstiges ... dann führt wohl kein Weg an Fachzeitschriften vorbei.

    Und in den Leserbriefen der "Auto Motor und Sport" hat sich bis jetzt noch nie jemand über mangelnde politische Themen beschwert!!!

  3. Ihre Redakteurin ist mit dem Thema Auto, und ganz besonders mit der Aufgabe eines zu testen, heillos überfordert.

    • 2eco
    • 20.01.2010 um 13:19 Uhr

    Ich möchte mich nicht der starken Kritik anschließen und sehe das eher so wie ripulli.

    Nur eins passt mir in diesem Artikel nicht. Der Autorin ist es wichtig nur von A nach B zu kommen und etwas komfortabel soll es sein.

    Wieso wird dann über fehlende Agilität - was bei so einem Auto physikalisch auch nicht machbar ist - gemeckert?

    Und noch skurriler: Wer von A nach B komfortabel reisen möchte ist in diesem Auto doch bestens aufgehoben. Distanzkontrolle, viel Platz, autom. Heckklappe, Startknopf. Das ist Komfort pur, wieso also darüber beklagen?

  4. Naja, erwartungen der (kommentierenden) Leser und Konzept der meisten Artikel hier scheinen einfach auseinader zu gehen. Die Leser scheinen sich einen sachlich nüchteren Bericht über die Merkmale des Autos zu erwarten, wie man ihn vermutlich in einer Zeitschrift wie der erwähnten "Auto Motor und Sport" finden würde. Die Artikel hier dienen aber wohl mehr der Unterhaltung und geben nur persönliche Erfahrungsberichte wieder, somit erzählen sie meist mindestens so viel über den Fahrer wie über das Fahrzeug. Aber das macht die Artikel immerhin interessant...
    Die Autorin ist folglich nicht überfordert damit, ein Auto zu testen und darüber zu nüchtern berichten, sie will es einfach gar nicht. Man muss ja auch irgendwie erkennen, dass ein typischer Autotest nicht so richtig in "Die Zeit" passen würde.

  5. 7. Zitat

    Die Autorin ist folglich nicht überfordert damit, ein Auto zu testen und darüber zu nüchtern berichten, sie will es einfach gar nicht. Man muss ja auch irgendwie erkennen, dass ein typischer Autotest nicht so richtig in "Die Zeit" passen würde.

    Warum schreibt Sie dann einen solchen Bericht,der das Auto an sich so unscheinbar lässt wie die Verfasserin dieses Berichtes?!
    Elektronische Heckklappe und Abstandassistent sind nichts neues und werden hier sogar negativ beschrieben da sie ja zum Tiefschlaf anregen. Sorry

  6. ...sei nur das eine gesagt:

    Stellen sie sich vor, sie fahren mit einem Auto mit ESP mit 200km/h eine langgezogene Autobahnkurve lang.
    Dann müssen etwas Bremsen und der Wagen bekommt eine kleine Tendenz aus der Kurve heraus.
    Das ESP denkt sich nun: Jo, brems ich die kurveninneren Räder etwas ab, das sollte gegen die Tendenz helfen.

    Jetzt kommt der Witz: Wenn jetzt in dem Kennfeld für diese Bremsoperation z.B. ein Vorzeichenfehler ist, werden statt den inneren Rädern die äusseren abgebremst...
    ...ihr Wagen hüpft also über die Leitplanke in den Gegenverkehr...

    Glaubt IRGEND jemand das in so einem Fall jemand denkt: "Ups, ob da wohl ein Programmierfehler in der ESP-Software war?"
    Nö, jeder denkt sich: "Rücksichtsloser Raser, hat die Kontrolle verloren..."

    Ich WILL keine Autos die Mitdenken, ich BRAUCH keine Autos die Mitdenken, denn die SOFTWARE, die denkt, darf nicht so teuer sein wie die in Flugzeugen, und selbst die haben gelegentlich Macken.

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