Bildungsreformen "Die Schulen wurden lange in Ruhe gelassen"

Der Bildungsforscher Jürgen Baumert fordert: In erster Linie muss den schwächsten Schülern ein Mindestmaß an Bildung vermittelt werden

DIE ZEIT: Herr Professor Baumert, sollte man die Schulen nicht eine Weile in Ruhe lassen? Ständig wird an ihnen herumgedoktert. Aber man hat nicht den Eindruck, sie würden dadurch besser.

Jürgen Baumert: Die Schulen wurden ja sehr lange in Ruhe gelassen. Das Ergebnis hat im Jahr 2001 die Pisa-Studie gezeigt: Sie sind im internationalen Vergleich nur Mittelmaß, sie sind sozial ungerechter, als sie sein könnten, und sie bringen eine große Gruppe von Bildungsverlierern hervor. Wenn jeder vierte oder fünfte Schüler mit 15 nicht sicher lesen und rechnen kann, sodass der Übergang in die Berufsausbildung gefährdet ist, dann ist Ruhe nicht das passende Rezept.

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ZEIT: Aber am besten funktionieren die Schulen doch in reformskeptischen Ländern wie Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg.

Baumert: Dass die konservativen Bundesländer im Süden reformfeindlich seien, ist auch ein Vorurteil. Sie drehen oft früher als andere an den richtigen Schrauben und meistens mit Augenmaß.

Jürgen Baumert

Jürgen Baumert, 68, gilt als der führende deutsche Bildungsforscher. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er bekannt als Leiter des deutschen Teils der aufsehenerregenden ersten Pisa-Studie, deren Ergebnisse im Jahr 2001 vorgelegt wurden. Seit dem Jahr 1996 ist Baumert Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

ZEIT: An welche Reformen denken Sie?

Baumert: Sachsen etwa hat gleich nach der Vereinigung ein zweigliedriges Schulsystem – Gymnasien und Sekundarschulen – und, gegen den Widerstand aus dem Westen, das Abitur nach zwölf Jahren eingeführt. Baden-Württemberg hat hinsichtlich des Zugangs zum Abitur eines der modernsten und offensten Schulsysteme in Deutschland. Jeder dritte Abiturient hat dort nicht den Weg über das klassische Gymnasium genommen.

ZEIT: Und Bayern? 

Baumert: Geht jetzt endlich einen ähnlichen Weg. Bei allem, gelegentlich belächelten, Traditionsbewusstsein hat Bayern aber immer wieder ein modernes Bildungsverständnis bewiesen. Die Haupt- und Landschulreform der sechziger Jahre etwa war ein großes Modernisierungsprogramm. Viele bayerische Hauptschulen erreichen heute bessere Ergebnisse als Realschulen in anderen Ländern. Früher galt ja das katholische Mädchen vom Lande als Synonym des Bildungsverlierers. Die Zeiten sind lange vorbei.

ZEIT: Aber viele Reformen werden überstürzt durchgesetzt. In fast allen westlichen Bundesländern – auch in Bayern – hat die Verkürzung der Gymnasialzeit, das sogenannte G8, großen Unmut ausgelöst. Verstehen Sie den Groll vieler Schüler, Eltern und Lehrer dagegen?

Baumert: Nur zum Teil. Man hätte die Oberstufenzeit mit einer Lehrplanbereinigung ohne Abstriche an akademischen Ansprüchen von drei auf zwei Jahre verkürzen können. Stoff und Unterrichtsstunden in die Mittelstufe zu schieben hat mehr Unruhe geschaffen als nötig. Plötzlich sind viele Gymnasien bereits in der Mittelstufe de facto zu Ganztagsschulen geworden, aber ohne die nötige Infrastruktur und ohne Konzept für einen neuen Rhythmus aus Unterricht, selbst reguliertem Studium und Entspannung. Insoweit verstehe ich den Unmut.

Leser-Kommentare
  1. wie soll das denn aussehen?
    warum nicht fuer alle schueler die bestmoegliche bildung?
    hier soll dich auch nur ein arbeitsfaehiges heer geschaffen werden welches die grundrechenarten beherrscht und ein wenig deutsch.. nicht zu viel damit sdie nicht gehaltsbedingungeen und lebensqualitaeten fordern kann

    alles humbug.. aber das sprachrohr macht da gerne mit

    warum nie kritisch liebe ZEIT?

  2. 2. A...

    „Der Bildungsforscher Jürgen Baumert fordert: In erster Linie muss den schwächsten Schülern ein Mindestmaß an Bildung vermittelt werden“.
    Reines Wassers sinn- und inhaltslose Demagogie! Was sind schwächste Schülern und was ist Mindestmaß an Bildung? Wenn die Hälfte von Studenten, wie die Unis-Professoren jetzt behaupten, nicht wissen was 1/2 2/3 ergibt
    http://www.welt.de/politik/bildung/article5479527/Das-Studium-an-deutschen-Unis-wird-enrümpelt/
    waren das die schwächeren oder stärkeren Schüler? Was für ein noch niedrigeren Mindestmaß kann es noch geben?! Wir haben zu viele "Bidungsforscher" aller Sorten, das ist unser Problem in dem Schulwesen!
    "Viele bayerische Hauptschulen erreichen heute bessere Ergebnisse als Realschulen in anderen Ländern".
    Das wollen wir in Bayern so haben, wenn aber ein "Bildungsforscher" das, wie eine Elster auf dem Schwanz herum trägt, dann ist es sehr traurig! Mehr gesagt, für das katholische Mädchen fliegt die Zeit, für die Bildungsfabrikanten aber steht sie, nach ZEHN JAHREN seit Pisa-Schock: -"Die Reformen stehen ja noch am Anfang, die Wirkungen können noch gar nicht anders sein als bescheiden". Ziemlich schweinisch sieht es aus...

  3. 3. B...

    "Auch eine andere Maßnahme halte ich für sehr bedeutend...: die Einführung nationaler Bildungsstandards. Mit ihnen wird bundesweit festgelegt, welche Konzepten Schüler am Ende der Grundschule und der Sekundarstufe erworben haben". Der höchster Blödsinn, den man sich vorstellen kann! Und wird dieser Blödsinn dem Staat in 6 Jahren 70. Mio. Euro kosten!! Vom Anfang an hieß auch alles so, so war es vorgesehen: Südd. Z. Nr. 244 20.10.08.-"Revolution der Bildungsforschung", aber schauen Sie den Attikel "Die wilde Bildungsforscherei..." an,
    http://community.zeit.de/...
    wie DAS endete: 60 000 Bürgerinnen und Bürger..., von Grundschule und Standards keine Rede mehr! Hochrangige Bildungs-Lügerei und Rauberei! Man bemüht sich nicht Mal formulieren, um was es geht...

  4. 4. B...

    "Auch eine andere Maßnahme halte ich für sehr bedeutend...: die Einführung nationaler Bildungsstandards. Mit ihnen wird bundesweit festgelegt, welche Konzepten Schüler am Ende der Grundschule und der Sekundarstufe erworben haben". Der höchster Blödsinn, den man sich vorstellen kann! Und wird dieser Blödsinn dem Staat in 6 Jahren 70. Mio. Euro kosten!! Vom Anfang an hieß auch alles so, so war es vorgesehen: Südd. Z. Nr. 244 20.10.08.-"Revolution der Bildungsforschung", aber schauen Sie den Attikel "Die wilde Bildungsforscherei..." an,
    http://community.zeit.de/...
    wie DAS endete: 60 000 Bürgerinnen und Bürger..., von Grundschule und Standards keine Rede mehr! Hochrangige Bildungs-Lügerei und Rauberei! Man bemüht sich nicht Mal formulieren, um was es geht...

  5. 5. C...

    Ich werde die Fragen von Thomas Kerstan nicht kommentieren, sage nur, sie sind einfach der schlechtester Qualität.
    Zeit: Aber am besten funktionieren die Schulen doch in reformskeptischen Ländern wie Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg.
    Was ist „reformskeptischen“? Bei Bayern wird wahrscheinlich die Aussortierung von 10. jährigen Kindern gemeint, an der sich Bayern so fest haltet, was Schulreformen aber angeht, sind in Bayern im vergangenem Jahr mehr Reformen durchgeführt worden, als insgesamt in fünf Jahr früher!
    Und noch: Wer Schulen in Bayern und B.-W. gemäß Standard (Schule-Lehrer-Lernen) mit Schulen in Sachsen vergleicht, der kennt sich im Schulwesen einfach sehr schlecht aus...

    In „A“ ist es 1/2 PLUS 2/3, weiß nicht warum fehlt PLUS? Auch Link welt.de funktioniert bei mir...

  6. BIL, das ist die Zauberkraft,
    die heut niemand mehr versteht,
    mit welcher man nur DUNG erschafft,
    weil man nicht weiß, wie es geht.

    Ich tät mich nicht Bildungsforscher nennen lassen dafür, dass ich jemand etwas vermitteln will, was er schon seit seiner Geburt besitzt und entwickelt. Als Ich-kann-Schule-Lehrer pflege ich einen anderen, realeren Umgang mit den Kräften des Lebens. Ich spreche die Kräfte im Menschen an, bestätige ihnen ihre Güte, begeistere mich für sie und stelle mich auf ihre Seite, gerade wenn dien anderen sie als schwach, auffällig, defekt und sonst noch was abwerten. Dann kannst Du mal sehen, was sich dabei BILDET.
    In der Du-musst-Schule blässt man sich wissenschaftlich auf, sagt den Kräften von oben herab, wie blöd sie sind, und wundert sich noch, wenn diese dann vor soviel Wissenschaftlichkeit die Flucht ergreifen.
    Professorenbildung scheint mir viel dringlicher erforderlich als Kinderbildung. Es ist einfach der Gipfel der Dummheit, wenn wir immer nur die Schablonen zum Einfpgen perfektionieren, um damit andere Mitläufer zu überholen. Mit solch infantilem Verständnis vom Leben verdirbt man Schule nur immer noch mehr.
    In der IKS weiß man noch, dass Lernen bedeutet, nicht in vorbereitete Schablonen hinein sondern über alle Schablonen hinaus zu wachsen.
    Schickt die Schule nochmal in die Schule!
    Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

  7. ...in "b.klick.de" habe ich über Ihre „Ich-kann-Schule“ gelesen, ich würde Ihnen nur raten sich selbst und die Leute mit diesem Unsinn nicht verrückt machen versuchen. Ich lege Ihnen ein Blatt A4 und würde Sie bitten das Konzept dieser „Ich-kann-Schule“ erklären. Nein, sagen Sie, ein Blatt A4 reicht nicht aus, Sie brauchen, wie dieser „genialer“ B. Bueb Papier Romane schreiben um zu erklären, was „Disziplin und starke Lehrerführung“ ist. So auch hier- reine Demagogie! Ich habe mehrmals gefragt: Wer ist gefährlicher, als ein Dummkopf im Schulwesen? Und die Antwort: Ein Dummkopf mit Initiative! Ja, wo ist der Beweis, dass Sie, lieber FJN, selbst wissen, was 6x3 ergibt? Mir nach: Man braucht ja die „Ich-kann-Schule“ eben dann, wenn der Lehrer selbst nichts kennt. Oder umgekehrt: Alle sind so genial, wie Sie, und Jeder treibt, was er für Richtig haltet? Und was ist das Ergebnis? Anarchie -die Mutter der Ordnung und das haben wir jetzt! Es ist weltweit bewiesen, dass lieber alle treiben dieselbe Dummheit, als Wettbewerb von Dummheiten!
    Über Ihren Kommentar kann man eben Romane schreiben, so umstritten ist er.
    BIL=DUNG! Ja, in den meisten zivilisierten Ländern ist es auch heute noch: LERNEN und KENNTNISSEN, bei uns -Bildung und Kompetenz! Warum?

  8. Der Herr Professor hat sich anscheinend ein von Sachkenntnis ungetrübtes Urteil bewahrt. Wir haben in diesem Land 16 permanente Bildungsbaustellen. G8, Primarschule in Hamburg, Abschaffung der Hauptschule in Berlin - wo lebt der Mann eigentlich?

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