DIE ZEIT: Herr Professor Baumert, sollte man die Schulen nicht eine Weile in Ruhe lassen? Ständig wird an ihnen herumgedoktert. Aber man hat nicht den Eindruck, sie würden dadurch besser.

Jürgen Baumert: Die Schulen wurden ja sehr lange in Ruhe gelassen. Das Ergebnis hat im Jahr 2001 die Pisa-Studie gezeigt: Sie sind im internationalen Vergleich nur Mittelmaß, sie sind sozial ungerechter, als sie sein könnten, und sie bringen eine große Gruppe von Bildungsverlierern hervor. Wenn jeder vierte oder fünfte Schüler mit 15 nicht sicher lesen und rechnen kann, sodass der Übergang in die Berufsausbildung gefährdet ist, dann ist Ruhe nicht das passende Rezept.

ZEIT: Aber am besten funktionieren die Schulen doch in reformskeptischen Ländern wie Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg.

Baumert: Dass die konservativen Bundesländer im Süden reformfeindlich seien, ist auch ein Vorurteil. Sie drehen oft früher als andere an den richtigen Schrauben und meistens mit Augenmaß.

ZEIT: An welche Reformen denken Sie?

Baumert: Sachsen etwa hat gleich nach der Vereinigung ein zweigliedriges Schulsystem – Gymnasien und Sekundarschulen – und, gegen den Widerstand aus dem Westen, das Abitur nach zwölf Jahren eingeführt. Baden-Württemberg hat hinsichtlich des Zugangs zum Abitur eines der modernsten und offensten Schulsysteme in Deutschland. Jeder dritte Abiturient hat dort nicht den Weg über das klassische Gymnasium genommen.

ZEIT: Und Bayern? 

Baumert: Geht jetzt endlich einen ähnlichen Weg. Bei allem, gelegentlich belächelten, Traditionsbewusstsein hat Bayern aber immer wieder ein modernes Bildungsverständnis bewiesen. Die Haupt- und Landschulreform der sechziger Jahre etwa war ein großes Modernisierungsprogramm. Viele bayerische Hauptschulen erreichen heute bessere Ergebnisse als Realschulen in anderen Ländern. Früher galt ja das katholische Mädchen vom Lande als Synonym des Bildungsverlierers. Die Zeiten sind lange vorbei.

ZEIT: Aber viele Reformen werden überstürzt durchgesetzt. In fast allen westlichen Bundesländern – auch in Bayern – hat die Verkürzung der Gymnasialzeit, das sogenannte G8, großen Unmut ausgelöst. Verstehen Sie den Groll vieler Schüler, Eltern und Lehrer dagegen?

Baumert: Nur zum Teil. Man hätte die Oberstufenzeit mit einer Lehrplanbereinigung ohne Abstriche an akademischen Ansprüchen von drei auf zwei Jahre verkürzen können. Stoff und Unterrichtsstunden in die Mittelstufe zu schieben hat mehr Unruhe geschaffen als nötig. Plötzlich sind viele Gymnasien bereits in der Mittelstufe de facto zu Ganztagsschulen geworden, aber ohne die nötige Infrastruktur und ohne Konzept für einen neuen Rhythmus aus Unterricht, selbst reguliertem Studium und Entspannung. Insoweit verstehe ich den Unmut.