Schulreformen Klassenreise durch Deutschland

Reformwütige Politiker, aufgebrachte Eltern, genervte Lehrer – sie alle glauben zu wissen, was für die Schule am besten ist. Fünf Beispiele wie Lehranstalten umgekrempelt werden - von Neumünster bis Tübingen

Spätestens seit dem Schock der Pisa-Studie vor bald zehn Jahren sind Deutschlands Lehranstalten Dauerbaustellen. Wo bleibt der Erfolg?

Auf der Suche nach Antworten sprachen wir mit Ministern, Experten, Lehrern, Eltern und Schülern. Das Fazit: Nicht jede neue Idee macht eine Schule tatsächlich besser.

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Was funktioniert und was scheitert, darüber entscheidet nur der harte Praxistext.

Die Reformen der Länder

Ein Überblick geordnet nach Bundesländern und Reformvorhaben als PDF

Leser-Kommentare
    • joG
    • 21.01.2010 um 9:01 Uhr

    ...dass das Problem günstig gelöst wird, wenn man die Bildung in zentralistischer Hand belässt. Private Schulen sind besser nicht weil sie bessere Lehrer haben, was sie natürlich meistens haben sondern weil sie nicht alle der gleichen vorgegebenen Form unterworfen sind. Sie probieren Dinge aus. Manchmal versagen sie und ihre Schüler haben das Nachsehen. Wenn das aber geschieht, so versagt nicht das ganze Land und weil mit anderen Ländern abgestimmt letztlich die ganze Nation.

  1. bzw. hört man es heraus welchen Schultyp es besucht. Ist das nicht ein Vergehen am visionären Wesen Kind? Ausserdem zementieren verschiedene deutsche Schulabschlusse den Zugang zu vielen ausländischen Universitäten. Da hilft die ach noch so hochgepriesene deutsche Berufsausbildung auch nicht weiter.

  2. Bezieher hoher Einkommen wollen eine geringe Staatsquote. Privatschulen und Einheitsschulen sind billiger. Wenn Bildung privatisiert wird und das Volk mit einem sogenannten Abitur abgespeist wird, sind Aufstiegschancen dahin. Dann zählt nicht mehr Leistung sondern Geld und Beziehung.

  3. Es geht ein Ruck in Deutschland ... in Richtung neue Lernkonzepte und Aufhebung mehrgliedriger Systeme. Der sog. PISA-Shock hat vieles in Bewegung gebracht.

    Auch Hamburg.

    Frau Goetsch kann sich zu Recht fragen, was schief gelaufen ist. Die Schulreform ist zweifellos notwendig, und trägt den Namen "Reform" zu Recht. Vieles wird umgekrempelt, alte Unzulänglichkeiten über Bord geworfen, neue – aber erprobte – Lernmethoden eingeführt. Da kommt eine Menge in Bewegung, und der Behörde wird von den Fachleuten, Schulen, Elternkammer usw. bescheinigt, gute und fundierte Arbeit geleistet zu haben und nicht still im Kämmerlein etwas ausgedacht zu haben. Also hier macht die Behörde um der Senatorin Goetsch das meiste anscheinend richtig, was den inhaltlichen Teil anbelangt.

    Was jedoch eine Katastrophe ist, dass Frau Goetsch gedacht hat: wenn alle fachbezogene Personen und Organisationen zustimmen, dann werden die Eltern schon mitziehen. Sie war zwar redlich bemüht, über Regionalkonferenzen mit Elternbeteiligung, bunte Broschüren und in den Schulen herumeilenden Referenten zu informieren, aber das hat nur ein kleiner Teil der Eltern erreicht.
    (...)

  4. Der größere Teil war verunsichert, weil immer wieder in der etwas einseitige Hamburger Presselandschaft Meldungen kursierten, die sich gegen den Reform stemmten. Auffallend oft wurde ein politisch ambitionierte Herrn Scheuerl zitiert, der eine Initiative namens "Wir-wollen-lernen" gründete und als Medienanwalt beste Verbindungen zur Hamburger Medienlandschaft hatte, vor allem zu eine bestimmte in Hamburg herrschende Verlagsgruppe.

    Als Herr Scheuerl dann die Pressemeldungen beherrschte, wurde die Unruhe immer größer unter der Elternschaft, vor allem in den wohlhabenderen Stadtteilen mit hohen gymnasiale Anteile. Parolenhaft wurde gegen die Primarschule gewettert, u.a. wegen der Kritik an der Geschwindigkeit der Umsetzung aber vor allem wegen dem wegfallenden Elternwahlrecht fanden sie viele Unterstützer. Dazu kamen Verbündete, denen es gar nicht so um den Reform geht, sondern ihnen ein Dorn im Auge ist, dass die GAL erfolgreich mitregiert. Da sprechen die Online Kommentare der hiesigen Zeitungen Bände.

    Hier hat der Schulsenatorin und der Bürgermeister, aber auch alle anderen Befürworter schlichtweg die Entwicklung unterschätzt und nicht gegen angesteuert.

    Mit für ein bürgerliches Volksbegehren beispielloser finanzieller Aufwand und Unterstützung aus der Wirtschaft und Verlage war die Initiative dann erfolgreich. Deshalb kommt es erst dazu, dass über Kernpunkte noch einmal mit Reformgegner diskutiert werden muss.

  5. Der erste Verhandlungstag ist vorbei, und es ist für die Reformkritiker bereits befremdlich, mit welcher Beharrlichkeit Scheuerl auf seinen Maximalforderungen besteht.

    Die meisten Eltern, die beim Volksbegehren unterschrieben haben, wollten das Elternwahlrecht erhalten. Das haben sämtlichen Umfragen, egal welcher Couleur, bestätigt. Nun hat Hamburg angeboten, es entgegen aller fachlicher Empfehlungen durch ein Probejahr wieder einzuführen. Das hätten die meisten Eltern bereits zufrieden gestellt.

    Weiter hat Hamburg angeboten die Primarschulen nach gemeinsam festgelegten Qualitätsstandards stufenweise einzuführen, obwohl viele Eltern und Schulen sie zum Sommer erhoffen.

    Alles lehnt die Scheuerl-Gruppe brüsk durch keinerlei Verhandlungsbereitschaft ab, um bewußt in einem chaotischem Stimmungskampf zu steuern ... die Gründen dafür sind nicht nachvollziehbar. 180.000 abgegebene Unterschriften (nicht JA-Stimmen, denn man konnte keine NEIN-Stimme abgeben) berechtigen keinen zur maßlosen Überheblichkeit.

    Die Schulen mit den Eltern und Kinder, vor allem die Hunderten von Viertkläßlern aus den 23 Starterschulen (Schulen, die bereits 2009 Primarschule wurden) werden in Geiselhaft genommen...

  6. Liebe Hamburger ... Ihr habt selbst Schuld!

    >Die Macher, die es nicht verstanden haben, die Schulreform verständlich zu erklären und Öffentlichkeitsarbeit zu machen.
    >Die Befürworter als Einzelperson, Verbände, Organisationen, die bis jetzt geschlafen, oder sich nicht getraut haben was zu sagen.
    >Die Eltern, die eigentlich mehrheitlich für längeres gemeinsames Lernen sind, aber wegen dem Elterwahlrecht Herr Scheuerl die Legimitation gab, den Reformprozess zu stören (denn inhaltlich zu Verbesserungen beizutragen ist er nicht bereit).

    Nun fragen sich einige: wieso stören? Es heißt doch überall in den Medien, er verhindert sie doch!

    Nein, der Reform wird nicht verhindert, nur behindert. Denn eines hat das Verhalten von Herrn Scheuerl und seiner Gruppe bewirkt: alle sind aufgewacht und positionieren sich hinter der Reform. Bis auf die FDP, einige Größen aus Wirtschaft und Medien und konservative Lehrerverbände unterstützen nun Alle wichtigen Parteien, Organisationen, Verbände und wissenschaftliche Institutionen endlich öffentlich die Reform und deren Ideen. Erste übergreifende Bündnisse wie "Chancen für Alle" , oder Elterninitiativen wie "PROSchulreform" sind bereits gegründet. Und da das Elternwahlrecht wieder eingeführt wird, stehen auch mehrheitlich die Eltern dahinter und werden sicherlich verhindern wollen, dass ihre Primarschulen 2 Monate vor Beginn durch ein Volksentscheid gekippt werden.

    Herr Scheuerl soll das erkennen und Mitwirken, so lange er es kann ... aber ...

  7. @mothers finest

    Wie in der Schweiz wohl auch, findet bei den Linken ein Umdenkprozess statt, dass wohlhabende Interessenverbände das Verfahren auch wirkungsvoll nutzen können. So wie in Hamburg ... Da ist Ihr Seitenhieb durchaus gut, aber nicht bei mir ;-)

    Weiter:
    Keiner der Starterschulen wurde gezwungen, bereits 2009 Primarschule zu werden. Das haben die Schulen mit den Eltern über Schulkonferenzen selbst beschlossen. Einige davon waren bereits Modellschulen, die die neuen Lernmethoden und Klassenstrukturen länger umgesetzt hatten. Es wären sogar mehr Schulen gewesen, aber einige Anträge wurden abgelehnt.

    Wenn ich Sie richtig interpretiere, meinen Sie das Hamburg sich erst einmal die Initiative im Vorfeld hätte beugen müssen und den ganzen Reform-Apparat stoppen, um erst einmal abzuwarten wie Herr Scheuerl sich die Schulpolitik denkt. Da vertreten Sie genau die Ansicht der reformkritischen Hardliner, die das immer herbei schreien wollten. Die Senatorin hat ja bereits Anfang 2009 die Reform um ein Jahr ausgesetzt, was der Sache auch gut tat. Aber um ein weiteres Jahr?

    Die Umsetzung wird halt mit Störfeuer weiter voran getrieben. Der Reformprozess in Hamburg ist sehr tiefgreifend, vieles wie der Bildungsplan, Lehrerstundenmodelle, Rahmenvereinbarungen stehen fest, Hunderte von Lehrern sind in der Fortbildung und, und, und. Das kann man nicht einfach stoppen. Und wenn doch, dann ist an eine große Schulreform auch in DE in der nächsten Dekade nicht mehr zu denken.

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