Schulreformen Klassenreise durch Deutschland
Reformwütige Politiker, aufgebrachte Eltern, genervte Lehrer – sie alle glauben zu wissen, was für die Schule am besten ist. Fünf Beispiele wie Lehranstalten umgekrempelt werden - von Neumünster bis Tübingen
Spätestens seit dem Schock der Pisa-Studie vor bald zehn Jahren sind Deutschlands Lehranstalten Dauerbaustellen. Wo bleibt der Erfolg?
Auf der Suche nach Antworten sprachen wir mit Ministern, Experten, Lehrern, Eltern und Schülern. Das Fazit: Nicht jede neue Idee macht eine Schule tatsächlich besser.
Was funktioniert und was scheitert, darüber entscheidet nur der harte Praxistext.
Die Reformen der Länder
Ein Überblick geordnet nach Bundesländern und Reformvorhaben als PDF
NEUMÜNSTER: Lehrer erfinden ihre Schule neu
Wenn Lars Hansen von der Zukunft redet, kommt er aus den Superlativen nicht heraus. »Das ist eine einzigartige Chance. Jahrelang habe ich darüber geredet, was eine großartige Schule ausmacht. Jetzt können wir es umsetzen.« Hansen, 43, sitzt im Rektorenzimmer des heruntergekommenen Sechziger-Verwaltungsbaus der Freiherr-vom-Stein-Schule Neumünster, doch die Aussicht ist hervorragend: Gegenüber steht das neue Schulhaus mit den großen Fenstern, der mehrgeschossigen Eingangshalle und Klassenräumen mit Parkettboden. Die von Arbeitslosigkeit geplagte Stadt mag pleite sein, aber diesmal hat sie sich nicht lumpen lassen: Aus der Realschule ist eine so genannte Gemeinschaftsschule geworden. Jetzt kann jedes Kind kommen, unabhängig von seiner Begabung, alle Schüler werden gemeinsam unterrichtet .
Vor drei Jahren hat die damalige schleswig-holsteinische CDU-SPD-Koalition beschlossen, alle Real- und Hauptschulen in Regionalschulen umzuwandeln. Nach gemeinsamem Unterricht in Klasse 5 und 6 sollen die Kinder nach Real- und Hauptschulempfehlung getrennt unterrichtet werden. Alternativ können die Schulen sich in Gemeinschaftsschulen umwandeln, und tatsächlich: In Neumünster haben sie keine halben Sachen gemacht. Jetzt gliedert sich der Schultag nicht mehr in Fächer auf, sondern in Einheiten namens Werkstatt oder KULT. KULT steht zum Beispiel für »Kulturtechniken« und beinhaltet Deutsch, Mathematik, Englisch. Jedes Kind entscheidet selbst, ob es sich die Einführung neuer Inhalte anhört oder lieber in Stillarbeit Aufgaben löst.
Es ist eine Kulturrevolution, die sich da vollzieht, und längst nicht überall löst sie Begeisterung aus, im Gegenteil: Die Abwehrreaktionen gegen die verordnete Umwandlung sind gewaltig. In Uetersen nordwestlich von Hamburg etwa. Der Rektor der dortigen Gustav-Heinemann-Realschule erzählt zur Begrüßung, er sei hierher geflüchtet, als Kollegen vor ein paar Jahren seine alte Schule unbedingt zur Gesamtschule machen wollten. 2011 aber kann Wolfgang Balasus, 59, der »Reformitis«, wie er sie nennt, nicht mehr entkommen, dann wird seine Real- mit der benachbarten Hauptschule zwangsfusioniert. »Man darf Lehrern nicht das Gefühl geben, dass alles, was sie bislang gemacht haben, Mist war«, sagt er und verspricht, auch nach der Umwandlung wenig zu ändern, denn integrativen Unterricht lehnt er ab. »Entscheidend für den Erfolg sind die Lehrerpersönlichkeit und die persönliche Leistung des Schülers, nicht die Schulstruktur.« Natürlich müsse Schule sich ständig weiter entwickeln, aber viele vermeintliche Reformen bedeuteten in Wirklichkeit »mehr Heckmeck und inhaltsleeres Unterrichtsentertainment, das um Aufmerksamkeit buhlt«. Schüler müssten auch Langeweile aushalten können, »zum Beispiel abschreiben, was an der Tafel steht«.
»Diese Reform macht eine funktionierende Schulart kaputt«, sagt die Landesvorsitzende des Verbands Deutscher Realschullehrer (VDR), Grete Rhenius. Da steht sie im Keller ihres Geschäftsführers, wo sich die Umschläge mit Namenslisten stapeln. Der VDR hat eine Unterschriftenaktion für ein Volksbegehren organisiert, die Frist ist gerade abgelaufen. Ob sie die nötige 110.000er-Marke geknackt haben? Rhenius wiegt den Kopf. Wohl kaum. »Aber man musste etwas tun.« Künftig würden vor allem die starken Schüler leiden, wenn alle auf die Schwachen schauten.
Seit dem Kieler Regierungswechsel ist die Lage noch unübersichtlicher. Die schwarz-gelbe Koalition will die Reform nicht rückgängig machen, aber einige der 40 restlichen Realschulen könnten je nach Erfolg der VDR-Aktion bestehen bleiben. Am Ende würde es so traditionelle Realschulen neben Regionalschulen geben, die wie in Uetersen nicht viel mehr sein wollen als Haupt- und Realschulen unter einem Dach. Dazu kämen progressive Gemeinschaftsschulen wie Neumünster und Regionalschulen, die wie Gesamtschulen Kurse mit verschiedenen Niveaus anbieten. Was war noch ein Ziel der Reform gewesen? Eine klare und einheitlichere Schulstruktur. Jan-Martin Wiarda
HAMBURG: Eltern kämpfen gegen die Pläne der Senatorin
Sie hat es doch schon hundert Mal gesagt, warum Hamburg diese Schulreform braucht, dass das längere gemeinsame Lernen nicht verhandelbar ist, dass sich alle Schulen verändern müssen, ohne Ausnahmen, Sonderwege, Modellversuche. Hat ihr denn niemand zugehört?
Zerknirscht sitzt Hamburgs grüne Schulsenatorin Christa Goetsch hoch oben über der Stadt, im 16. Stockwerk ihrer Behörde. Unten ducken sich die Häuser unter der eisigen Kälte. Wenn der Schnee geschmolzen ist und der Sommer in die Stadt kommt, wird es die vierjährige Grundschule in Hamburg möglicherweise nicht mehr geben. Nach dem Willen des schwarz-grünen Senats sollen Hamburgs Kinder in Zukunft sechs Jahre lang gemeinsam lernen, bevor sie sich in der siebten Klasse auf die weiterführenden Schulen verteilen. Zur Auswahl stehen dann das Gymnasium mit dem Abitur nach zwölf Jahren und die Stadtteilschule, die alle Schulabschlüsse anbietet und nach 13 Jahren zum Abitur führt. Das neue Schulgesetz ist beschlossen, der Hamburger Schulentwicklungsplan steht bis 2017 – und trotzdem ist die Euphorie erst einmal weg, das Kämpferische aus dem Gesicht von Christa Goetsch verschwunden. Jetzt muss sie sich ständig fragen lassen, welche Fehler sie gemacht hat, warum ihre Botschaft nicht angekommen ist. 184.500 Hamburger haben ihr in einem Volksbegehren im November 2009 bescheinigt, dass sie die geplante Schulreform nicht wollen. Dass sie sich nicht bevormunden lassen und ihnen ihre Kinder zu kostbar sind für Experimente.
Der Mann, der der Protestbewegung »Wir wollen lernen« ein Gesicht gibt, heißt Walter Scheuerl, hat selbst zwei Kinder und sitzt nur wenige Autominuten von der Hamburger Schulbehörde entfernt bei Latte macchiato und Keksen in einer Anwaltskanzlei. Ab und zu huscht ein schadenfrohes Lächeln über sein Gesicht. Nun kommt die Schulsenatorin nicht mehr an ihm vorbei. Seit fast zwei Jahren bekämpft er ihre Pläne. Die ganze Stadt hat er mobilisiert. Nie zuvor wurde auf Hamburgs Straßen so viel über das Reizthema Schule diskutiert. Und immer geht es um die Frage, ob Schulreformen per Zwangsverfügung und ohne klares Wählermandat einfach so über die Menschen kommen dürfen.
Der Stadt droht jetzt ein Volksentscheid, dessen Ausgang verbindlich wäre. Um die Zerreißprobe zwischen Politik und Elternschaft zu beenden, reden nun plötzlich alle davon, einen Schulfrieden zu schließen. Auf Bitten des Senats hat sich der Unternehmer Michael Otto vermittelnd zwischen die festgefahrenen Fronten begeben. Selbst Christa Goetsch, die bisher das Gespräch mit Walter Scheuerl verweigerte, spricht nun davon, »alle Gruppen zu beteiligen und auf die Initiative zuzugehen«. Zu spät? Walter Scheuerl sieht wenig Spielraum – er kämpft weiter für den Erhalt des Elternwahlrechts beim Übergang auf die weiterführenden Schulen und um eine vierjährige Grundschule. »Die Primarschule als Zwangsmodell ist für uns kein mögliches Verhandlungsergebnis«, sagt er. Also versuchten es die Fraktionen von CDU und Grünen beim ersten Spitzentreffen der verfeindeten Parteien zunächst mit einem Entgegenkommen beim Elternwahlrecht nach Klasse 6. Das aber gehört gar nicht zu den Forderungen der Initiative, die ja davon ausgeht, dass die Grundschule nur vier Jahre dauert. »Die Emotionalisierung des Elternwahlrechts habe ich völlig unterschätzt«, sagt Christa Goetsch. Ihr sei es vor allem um die Sache gegangen. Um eine bessere Pädagogik, qualifiziertere Lehrer, individuelle Förderung. Seit 30 Jahren ist sie im Hamburger Schuldienst, war Lehrerin, Fortbildnerin, Lehrbeauftragte. Viel zu lange habe sie erlebt, dass einzelne Modellschulen in der Fläche nichts verändert haben. Jetzt diskutiert man wieder eine Entschleunigung der Reform. »Ich kann mich nicht auf Kompromisse einlassen, die pädagogisch und fachlich nicht haltbar sind«, sagt Christa Goetsch. Am Freitag gehen die Verhandlungen in die nächste Runde. Bleiben sie ohne Ergebnis, entscheiden die Bürger. Jeannette Otto
TROISDORF: Ein Schulleiter baut sein Gymnasium um
Wie still es ist, obwohl hier gerade um die 1100 Schüler versammelt sind, das fällt den Lehrern aus Köln als Erstes auf. Julia Conrad und Michael Walden sind zu Besuch an das Gymnasium zum Altenforst in Troisdorf gekommen, um sich anzuschauen, wie die Kollegen mit der auf acht Jahre komprimierten Gymnasialzeit umgehen. »Haben Sie eine besondere Schalldämmung?«, fragt Conrad den Schulleiter am Altenforst. Gerhard Fischer schüttelt den Kopf und blinzelt. Seit 24 Jahren ist der 61-Jährige Schulleiter in Troisdorf. Gut drei Jahre ist es her, dass die ersten Rückmeldungen von Schülern, Eltern und Lehrern kamen, die davon berichteten, wie erschöpft die G8-Jahrgänge nach vollgestopften Vormittagen mit bis zu sieben Schulstunden waren. Seitdem ist am Altenforst vieles nicht mehr so wie zuvor. Schulstunden dauern jetzt 60 Minuten. An jedem Vormittag gibt es vier davon, danach eine Mittagspause von einer Stunde. An drei Nachmittagen in der Woche geht der Unterricht nach dem Mittagessen weiter. Die Schulklingel ist abgeschafft, die Klassenzimmer werden nicht mehr abgeschlossen – die Schüler können auch in den Pausen in ihren Räumen bleiben. Die Klassenzimmer haben Glastüren. »Wenn die Schule wirklich ein Lebensort sein soll, dann muss sie sich auch für ihre Schüler öffnen«, sagt Fischer auf dem Weg in die provisorische Mensa. Nur im Foyer muss er sich bücken, um ein Bonbonpapier aufzuheben. Es drängelten sich eben nicht mehr 150 Kinder auf den Gängen, um auf ihre Lehrer und den Einlass zu warten. Probleme mit Lärm und Schmutz hätten sie kaum noch.
Gerhard Fischer aber will mehr: eine neue Kultur des Lernens. Dafür wurden lehrerzentrierte Sitzordnungen aufgelöst, es wurden Tafeln von der Mitte der Wand an die Seiten verschoben, Wochenpläne mit Arbeitsaufgaben für die Kinder entwickelt, die sie je nach Lerngeschwindigkeit bearbeiten. Der nächste Schritt: Fischer will den Ganztag offiziell einführen. Darüber entscheidet die Schulkonferenz – ein Gremium aus Lehrern, Eltern und Schülervertretern –, und die hat bereits dreimal gegen den gebundenen Ganztag am Altenforst gestimmt. Mit den Veränderungen durch das G8 habe es einen tiefen Einschnitt im Erleben von Schule gegeben, vermutet der Schulleiter.
Mit dem Schuljahr 2010/11 sollen in Nordrhein-Westfalen 216 Realschulen und Gymnasien zu Ganztagsschulen ausgebaut werden. Dafür will das Land diesen Schulen 20 Prozent mehr Lehrerstellen zur Verfügung stellen. Bereits heute bleiben Schüler der Stufen fünf und sechs an einem Nachmittag in der Schule. In der gebundenen Ganztagsschule würden sie auch an zwei weiteren Tagen über den Mittag hinaus in der Schule bleiben; Fischer stellt sich zum Beispiel vor, dass die Klassenlehrer dann alles, was mit dem Verhalten in Gruppen zu tun hat – das Üben von Rücksichtnahme und eigener Durchsetzungsfähigkeit –, endlich außerhalb des Fachunterrichts anpacken könnten. Und so geht es für ihn darum, Überzeugungsarbeit zu leisten – heute spricht er mit Vertretern des Lehrerrates. »Ich habe die Rückmeldung von Eltern, die befürchten, dann weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können«, sagt eine Lehrerin und spielt mit ihrem Schlüsselbund: »Und ich sage das auch als Mutter.«
»Ich höre von Eltern, die vermuten, selbst mit zwei Betreuungslehrern würde die Hausaufgabenbetreuung in großen Klassen schlechter funktionieren als eins zu eins zu Hause«, sagt ihr Kollege.
»Wie viele Eltern betrifft das wirklich?«, fragt Fischer. »Sicher nicht die alleinerziehenden Mütter.«
Es ist ein Konflikt, in dem es für Lehrer und für Eltern darum geht, zu überprüfen, welche Rolle sie der Schule in ihrem Leben beizumessen bereit sind. Für den Schulleiter Gerhard Fischer geht es am Ende gut aus: Die Schulkonferenz stimmt für den Ganztag. Judith Scholter
JENA: Ein Minister will die Gemeinschaftsschule
Es deutet nichts darauf hin, dass die ausgetretenen, staubigen Steinstufen im Teichgraben 4 in Jena zum Kultusminister von Thüringen führen. Christoph Matschie hat in diesem Hinterhof sein Wahlkreisbüro, hier haben ihm seine Anhänger zum Amt verholfen. Jena ist ein guter Ort, um über Bildungsreformen zu reden. Die Schulen der Stadt haben schon immer mehr ausprobiert als der Rest des Landes. Die staatliche Jenaplan-Schule gehört zu den erfolgreichsten in ganz Thüringen. Die Schüler können von der Vorschule bis zum Abitur dort bleiben, niemand sortiert sie nach der vierten Klasse aus. Und die Schule kann sich vor Anmeldungen kaum retten.
Keine andere Geschichte eignet sich für den SPD-Kultusminister Christoph Matschie so gut wie diese, um sich den zukünftigen Erfolg der neuen Gemeinschaftsschule auszumalen. Thüringens Schüler dürfen in Zukunft, wenn sie wollen, mindestens acht Jahre gemeinsam lernen, gerne auch länger. Die Schule passt sich ihrem Lerntempo an, lässt ihnen alle Wege zum bestmöglichen Schulabschluss offen. Reformpädagogische Schulen will Matschie entstehen lassen und Thüringen damit zum Vorbild und Leuchtturm der deutschen Bildungslandschaft machen. Dass er auf Freiwilligkeit setzt und keine Schule zu Veränderungen zwingt, zeigt, wie viel Matschie aus den Bildungskämpfen gelernt hat, die derzeit in anderen Bundesländern toben. »Wir wollen keine neuen ideologischen Glaubenskriege. Wir werden nichts von oben anordnen, was die Schulen nicht wollen.« Am Ende werde sich die beste Schulform durchsetzen, so die Hoffnung.
Gemeinschaftsschule. Mindestens acht Jahre gemeinsames Lernen in möglichst gemischten Klassen. Das kommt vielen Eltern in Thüringen bekannt vor. Auch Christoph Matschie hat die Erfahrung der DDR-Einheitsschule geprägt. »Für mich ist die Frage des längeren gemeinsamen Lernens letztlich eine Frage des sozialen Zusammenhalts einer Gesellschaft. Wenn man Menschen schon früh in unterschiedliche Qualitätsgruppen sortiert, lernt niemand mehr, auch mit anderen Begabungen und Fähigkeiten umzugehen.« Bei seinen eigenen Klassentreffen spüre der Kultusminister noch heute, wie die gemeinsame Schulzeit verbinde und dass es dabei keine Rolle spiele, ob einer Handwerker oder Professor geworden sei.
Für die Umsetzung seiner Bildungsreform allerdings verlässt sich Christoph Matschie in diesen Tagen eher auf den Begabungstypus Professor. Roland Merten, Professor für Sozialpädagogik und seit einigen Monaten Staatssekretär im Erfurter Kultusministerium, brütet über der neuen Thüringer Schulstruktur. Die nun zu entwerfende Gemeinschaftsschule wird alle Schulabschlüsse anbieten und absolut durchlässig sein. Schüler können ab Klasse fünf in jedem Schuljahr auf das Gymnasium wechseln, wenn sie das wollen. Andererseits hat jeder, der von einem Gymnasium auf eine Gemeinschaftsschule wechselt, auch dort die Chance, noch zum Abitur zu gelangen. Thüringens Schulsystem soll gerechter werden, übersichtlicher wird es durch die neue Gemeinschaftsschule nicht. Schließlich wird sie als zusätzliche Schulform zu den bestehenden Grundschulen, Regelschulen, Gymnasien, integrierten und kooperativen Gesamtschulen, Beruflichen Gymnasien und Förderschulen hinzukommen.
»Lasst tausend Blumen blühen«, sagt Roland Merten voller Überschwang. »Wir wollen ein buntes Bildungssystem, das sich nicht an der alten Struktur orientiert.« Aber werden sich die Eltern vom neuen Strukturchaos überzeugen lassen? Werden sie überhaupt die Notwendigkeit sehen, dass Thüringen eine weitere Schulform braucht? »Vor Chaos habe ich keine Sorge«, sagt Merten. »Meine Sorge ist eine ganz andere: Seit über 80 Jahren tradieren wir die gleiche starre Schulstruktur, obwohl wir genau wissen, welche Schüler dabei hinten runterfallen und warum. Trotzdem unternehmen wir nichts.« Auch in Thüringen verlassen zu viele junge Menschen die Schule ohne Abschluss. Sieben Prozent der Schüler besuchen Förderschulen, im OECD-Durchschnitt sind es nur zwei.
Aber wird es genügen, einige versprengte Gemeinschaftsschulen zu Bastionen der Bildungsgerechtigkeit zu machen? Niemand weiß bisher, wie groß die Bereitschaft unter Thüringens Schulen sein wird, sich darauf einzulassen. Ab und zu klingelte in den vergangenen Wochen schon das Telefon im Kultusministerium. Rund 15 Schulen meldeten Interesse an, Gemeinschaftsschule werden zu wollen, darunter alle Schultypen, sogar Gymnasien.
»Kindzentriert« sollen die neuen Schulen nach dem Willen des Ministeriums arbeiten, mit individuellen Lernplänen für jeden einzelnen Schüler. Ob sie Noten geben oder das Sitzenbleiben abschaffen, welches pädagogische Konzept sie am Ende verfolgen, ob Montessori, Salzmann, Jenaplan oder Waldorf – das bleibt jeder Schule überlassen, aber reformpädagogisch muss es sein. Das wird das wesentliche Unterscheidungskriterium zu allen anderen Thüringer Schulen sein. Wenn der Plan von Roland Merten aufgeht, werden die Eltern mit den Füßen abstimmen, welche Schulform die beste für ihre Kinder ist. Sein Ziel: »hundert Gemeinschaftsschulen in absehbarer Zeit«. Jeannette Otto
TÜBINGEN: Realschüler und Gymnasiasten lernen gemeinsam
Auch so kann Schule aussehen: Da liegen vier Jungs im Flur auf dem Boden und würfeln. »Wir müssen bei dem Spiel Nomen oder Präpositionen in Sätze einfügen«, erklärt einer. Ein paar Schritte weiter sitzen fünf Mädchen im Kreis und schreiben an einer Fortsetzungsgeschichte. Es geht um einen Affen, der einer Maus einen Streich gespielt hat. Jetzt soll die Maus sich rächen. Die Tür zu Raum 323 steht offen, es ist ein »Lernatelier«, auch hier sieht man Schüler selbstständig arbeiten. Im Hintergrund wartet eine Lehrerin auf Fragen. Es ist elf Uhr vormittags, auf dem Stundenplan der Fünftklässler steht »IA«, Individuelle Arbeitszeit. Sie gehen auf die Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen, ein sogenannter Schulverbund mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium, knapp 1500 Schüler insgesamt, 900 auf dem Gymnasium, 470 auf der Real-, 64 auf der Hauptschule, gebaut in den Siebzigern, in manchen Klassenzimmern hat man einen schönen Blick auf die Schwäbische Alb.
Seit September gedeiht hier am Rand der Universitätsstadt ein ungewöhnliches Experiment: Schüler, die eine Empfehlung für das Gymnasium haben, werden gemeinsam unterrichtet mit Schülern, die eigentlich auf die Haupt- oder Realschule sollten. »Erko« nennt sich der Schulversuch, erweiterte Kooperation. Die Schwachen sollen genauso gefördert werden wie die Starken. Es gibt vier Lerngruppen zu je 27 Schülern, 17 haben eine Empfehlung für die Hauptschule, 27 für das Gymnasium, 64 für die Realschule.
Joachim Friedrichsdorf leitet die Realschule und betreut das Experiment. Er sitzt am Schreibtisch in seinem Büro und erzählt aus dem Labor. Das Wort Gemeinschaftsschule möchte er dabei nicht in den Mund nehmen. »Wir wollen keine Schulstrukturdebatte, wir wollen das Lernen verändern.«
Wie macht man das? »Wir müssen weg von der Vorstellung, dass es homogene Klassen gibt«, sagt er, »und hinkommen zu einer größtmöglichen individuellen Förderung.« Ihm gegenüber sitzt Heidi Schneider und nickt. Sie ist 58 Jahre alt, seit 29 Jahren Lehrerin, seit September Lernbegleiterin. So heißen die Lehrer bei Erko. Was bedeutet das, Frau Schneider? »Früher war es ja so:«, sagt sie, »Ich hatte eine vorbereitete Stunde, die Schüler hörten zu – oder auch nicht. Ich machte 45 Minuten für alle das Gleiche. Dabei sind die Schüler aber auf ganz unterschiedlichen Niveaus.«
Jetzt gibt es sogenannte Inputstunden, die in ein Thema einführen. Sie sind noch am ehesten vergleichbar mit herkömmlichem Unterricht, nur werden sie kleinen Gruppen mit sechs bis acht Schülern verabreicht. Das radikal andere ist die »individuelle Arbeitszeit«, bei der die Schüler selber entscheiden, für welches Fach sie lernen, für Deutsch, Mathe oder Englisch, auf welchem Niveau sie lernen, wo sie lernen, wie sie lernen, alleine oder in einer Lerngruppe. Die Lehrer stehen dabei helfend zur Seite, begleitend eben, nicht als Alleinunterhalter an der Tafel. Ein Wochenplan gibt für jedes Fach das Lernpensum vor.
Die Lehrer haben erst nach dem ersten Elternabend erfahren, wer welche Empfehlung hatte. Sie hätten natürlich nachschauen können, wollten es aber nicht. So stellte sich heraus: Bei Weitem nicht jede Empfehlung scheint sich zu bestätigen. Und wie funktioniert das mit den Klassenarbeiten? Es gibt einen Basisteil, der ist Pflicht für alle, dazu einen Realschulteil, einen Gymnasialteil. »Die mit Hauptschulempfehlung«, sagt Heidi Schneider, »kämpfen wie die kleinen Teufel, um alles mitzumachen.«
Manchmal möchte auch einer in die andere Richtung. Heidi Schneider erzählt von einem etwas schwächeren Realschüler, der bei einem Englischtest zu ihr kam und sagte: »Frau Schneider, ich habe doch Realschul- und Hauptschuleignung, da reicht es doch, wenn ich den Hauptschulteil mache?«
Bis 2016 soll der Versuch laufen. Und dann? Dann sehen wir weiter, sagt der Rektor. Am weißen Brett in seinem Büro ist ein Zettel angeheftet, »1.2. Minister« steht da. Am ersten Februar will Kultusminister Helmut Rau, CDU, vorbeikommen und sich den Schulversuch anschauen. Es überrascht ein wenig, dass er ihn genehmigt hat, gilt Rau doch als Verfechter eines traditionellen Schulsystems. Aber man ist im Kultusministerium in Reformlaune: So üben sich gerade knapp 20 Schulen in Baden-Württemberg an einer engeren Zusammenarbeit von Haupt- und Realschule. Das sei aber kein Ausstieg aus dem gegliederten Schulsystem, heißt es aus dem Ministerium, es gehe darum, leistungsstarken Hauptschülern mehr Aufstiegsmöglichkeiten zu bieten. Und noch ein Reformvorhaben steht an: Vom kommenden Schuljahr an soll es im Land eine sogenannte Werkrealschule geben, die Hauptschülern den mittleren Schulabschluss ermöglicht. Lediglich Etikettenschwindel sei das, wettern Opposition und GEW. Eine kleine Veränderung, um im Großen und Ganzen beim Alten zu bleiben, beim gegliederten Schulsystem mit Hauptschule. Ob der Besuch des Ministers im Tübinger Unterrichtslabor daran etwas ändert? Einen Versuch ist es wert. Arnfrid Schenk
- Datum 20.01.2010 - 15:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 21.01.2010 Nr. 04
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...dass das Problem günstig gelöst wird, wenn man die Bildung in zentralistischer Hand belässt. Private Schulen sind besser nicht weil sie bessere Lehrer haben, was sie natürlich meistens haben sondern weil sie nicht alle der gleichen vorgegebenen Form unterworfen sind. Sie probieren Dinge aus. Manchmal versagen sie und ihre Schüler haben das Nachsehen. Wenn das aber geschieht, so versagt nicht das ganze Land und weil mit anderen Ländern abgestimmt letztlich die ganze Nation.
bzw. hört man es heraus welchen Schultyp es besucht. Ist das nicht ein Vergehen am visionären Wesen Kind? Ausserdem zementieren verschiedene deutsche Schulabschlusse den Zugang zu vielen ausländischen Universitäten. Da hilft die ach noch so hochgepriesene deutsche Berufsausbildung auch nicht weiter.
Bezieher hoher Einkommen wollen eine geringe Staatsquote. Privatschulen und Einheitsschulen sind billiger. Wenn Bildung privatisiert wird und das Volk mit einem sogenannten Abitur abgespeist wird, sind Aufstiegschancen dahin. Dann zählt nicht mehr Leistung sondern Geld und Beziehung.
Es geht ein Ruck in Deutschland ... in Richtung neue Lernkonzepte und Aufhebung mehrgliedriger Systeme. Der sog. PISA-Shock hat vieles in Bewegung gebracht.
Auch Hamburg.
Frau Goetsch kann sich zu Recht fragen, was schief gelaufen ist. Die Schulreform ist zweifellos notwendig, und trägt den Namen "Reform" zu Recht. Vieles wird umgekrempelt, alte Unzulänglichkeiten über Bord geworfen, neue – aber erprobte – Lernmethoden eingeführt. Da kommt eine Menge in Bewegung, und der Behörde wird von den Fachleuten, Schulen, Elternkammer usw. bescheinigt, gute und fundierte Arbeit geleistet zu haben und nicht still im Kämmerlein etwas ausgedacht zu haben. Also hier macht die Behörde um der Senatorin Goetsch das meiste anscheinend richtig, was den inhaltlichen Teil anbelangt.
Was jedoch eine Katastrophe ist, dass Frau Goetsch gedacht hat: wenn alle fachbezogene Personen und Organisationen zustimmen, dann werden die Eltern schon mitziehen. Sie war zwar redlich bemüht, über Regionalkonferenzen mit Elternbeteiligung, bunte Broschüren und in den Schulen herumeilenden Referenten zu informieren, aber das hat nur ein kleiner Teil der Eltern erreicht.
(...)
Der größere Teil war verunsichert, weil immer wieder in der etwas einseitige Hamburger Presselandschaft Meldungen kursierten, die sich gegen den Reform stemmten. Auffallend oft wurde ein politisch ambitionierte Herrn Scheuerl zitiert, der eine Initiative namens "Wir-wollen-lernen" gründete und als Medienanwalt beste Verbindungen zur Hamburger Medienlandschaft hatte, vor allem zu eine bestimmte in Hamburg herrschende Verlagsgruppe.
Als Herr Scheuerl dann die Pressemeldungen beherrschte, wurde die Unruhe immer größer unter der Elternschaft, vor allem in den wohlhabenderen Stadtteilen mit hohen gymnasiale Anteile. Parolenhaft wurde gegen die Primarschule gewettert, u.a. wegen der Kritik an der Geschwindigkeit der Umsetzung aber vor allem wegen dem wegfallenden Elternwahlrecht fanden sie viele Unterstützer. Dazu kamen Verbündete, denen es gar nicht so um den Reform geht, sondern ihnen ein Dorn im Auge ist, dass die GAL erfolgreich mitregiert. Da sprechen die Online Kommentare der hiesigen Zeitungen Bände.
Hier hat der Schulsenatorin und der Bürgermeister, aber auch alle anderen Befürworter schlichtweg die Entwicklung unterschätzt und nicht gegen angesteuert.
Mit für ein bürgerliches Volksbegehren beispielloser finanzieller Aufwand und Unterstützung aus der Wirtschaft und Verlage war die Initiative dann erfolgreich. Deshalb kommt es erst dazu, dass über Kernpunkte noch einmal mit Reformgegner diskutiert werden muss.
Der erste Verhandlungstag ist vorbei, und es ist für die Reformkritiker bereits befremdlich, mit welcher Beharrlichkeit Scheuerl auf seinen Maximalforderungen besteht.
Die meisten Eltern, die beim Volksbegehren unterschrieben haben, wollten das Elternwahlrecht erhalten. Das haben sämtlichen Umfragen, egal welcher Couleur, bestätigt. Nun hat Hamburg angeboten, es entgegen aller fachlicher Empfehlungen durch ein Probejahr wieder einzuführen. Das hätten die meisten Eltern bereits zufrieden gestellt.
Weiter hat Hamburg angeboten die Primarschulen nach gemeinsam festgelegten Qualitätsstandards stufenweise einzuführen, obwohl viele Eltern und Schulen sie zum Sommer erhoffen.
Alles lehnt die Scheuerl-Gruppe brüsk durch keinerlei Verhandlungsbereitschaft ab, um bewußt in einem chaotischem Stimmungskampf zu steuern ... die Gründen dafür sind nicht nachvollziehbar. 180.000 abgegebene Unterschriften (nicht JA-Stimmen, denn man konnte keine NEIN-Stimme abgeben) berechtigen keinen zur maßlosen Überheblichkeit.
Die Schulen mit den Eltern und Kinder, vor allem die Hunderten von Viertkläßlern aus den 23 Starterschulen (Schulen, die bereits 2009 Primarschule wurden) werden in Geiselhaft genommen...
Liebe Hamburger ... Ihr habt selbst Schuld!
>Die Macher, die es nicht verstanden haben, die Schulreform verständlich zu erklären und Öffentlichkeitsarbeit zu machen.
>Die Befürworter als Einzelperson, Verbände, Organisationen, die bis jetzt geschlafen, oder sich nicht getraut haben was zu sagen.
>Die Eltern, die eigentlich mehrheitlich für längeres gemeinsames Lernen sind, aber wegen dem Elterwahlrecht Herr Scheuerl die Legimitation gab, den Reformprozess zu stören (denn inhaltlich zu Verbesserungen beizutragen ist er nicht bereit).
Nun fragen sich einige: wieso stören? Es heißt doch überall in den Medien, er verhindert sie doch!
Nein, der Reform wird nicht verhindert, nur behindert. Denn eines hat das Verhalten von Herrn Scheuerl und seiner Gruppe bewirkt: alle sind aufgewacht und positionieren sich hinter der Reform. Bis auf die FDP, einige Größen aus Wirtschaft und Medien und konservative Lehrerverbände unterstützen nun Alle wichtigen Parteien, Organisationen, Verbände und wissenschaftliche Institutionen endlich öffentlich die Reform und deren Ideen. Erste übergreifende Bündnisse wie "Chancen für Alle" , oder Elterninitiativen wie "PROSchulreform" sind bereits gegründet. Und da das Elternwahlrecht wieder eingeführt wird, stehen auch mehrheitlich die Eltern dahinter und werden sicherlich verhindern wollen, dass ihre Primarschulen 2 Monate vor Beginn durch ein Volksentscheid gekippt werden.
Herr Scheuerl soll das erkennen und Mitwirken, so lange er es kann ... aber ...
@mothers finest
Wie in der Schweiz wohl auch, findet bei den Linken ein Umdenkprozess statt, dass wohlhabende Interessenverbände das Verfahren auch wirkungsvoll nutzen können. So wie in Hamburg ... Da ist Ihr Seitenhieb durchaus gut, aber nicht bei mir ;-)
Weiter:
Keiner der Starterschulen wurde gezwungen, bereits 2009 Primarschule zu werden. Das haben die Schulen mit den Eltern über Schulkonferenzen selbst beschlossen. Einige davon waren bereits Modellschulen, die die neuen Lernmethoden und Klassenstrukturen länger umgesetzt hatten. Es wären sogar mehr Schulen gewesen, aber einige Anträge wurden abgelehnt.
Wenn ich Sie richtig interpretiere, meinen Sie das Hamburg sich erst einmal die Initiative im Vorfeld hätte beugen müssen und den ganzen Reform-Apparat stoppen, um erst einmal abzuwarten wie Herr Scheuerl sich die Schulpolitik denkt. Da vertreten Sie genau die Ansicht der reformkritischen Hardliner, die das immer herbei schreien wollten. Die Senatorin hat ja bereits Anfang 2009 die Reform um ein Jahr ausgesetzt, was der Sache auch gut tat. Aber um ein weiteres Jahr?
Die Umsetzung wird halt mit Störfeuer weiter voran getrieben. Der Reformprozess in Hamburg ist sehr tiefgreifend, vieles wie der Bildungsplan, Lehrerstundenmodelle, Rahmenvereinbarungen stehen fest, Hunderte von Lehrern sind in der Fortbildung und, und, und. Das kann man nicht einfach stoppen. Und wenn doch, dann ist an eine große Schulreform auch in DE in der nächsten Dekade nicht mehr zu denken.
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