Schulreformen Klassenreise durch Deutschland
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Tübingen: Realschüler und Gymnasiasten lernen gemeinsam

TÜBINGEN: Realschüler und Gymnasiasten lernen gemeinsam

Auch so kann Schule aussehen: Da liegen vier Jungs im Flur auf dem Boden und würfeln. »Wir müssen bei dem Spiel Nomen oder Präpositionen in Sätze einfügen«, erklärt einer. Ein paar Schritte weiter sitzen fünf Mädchen im Kreis und schreiben an einer Fortsetzungsgeschichte. Es geht um einen Affen, der einer Maus einen Streich gespielt hat. Jetzt soll die Maus sich rächen. Die Tür zu Raum 323 steht offen, es ist ein »Lernatelier«, auch hier sieht man Schüler selbstständig arbeiten. Im Hintergrund wartet eine Lehrerin auf Fragen. Es ist elf Uhr vormittags, auf dem Stundenplan der Fünftklässler steht »IA«, Individuelle Arbeitszeit. Sie gehen auf die Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen, ein sogenannter Schulverbund mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium, knapp 1500 Schüler insgesamt, 900 auf dem Gymnasium, 470 auf der Real-, 64 auf der Hauptschule, gebaut in den Siebzigern, in manchen Klassenzimmern hat man einen schönen Blick auf die Schwäbische Alb.

Seit September gedeiht hier am Rand der Universitätsstadt ein ungewöhnliches Experiment: Schüler, die eine Empfehlung für das Gymnasium haben, werden gemeinsam unterrichtet mit Schülern, die eigentlich auf die Haupt- oder Realschule sollten. »Erko« nennt sich der Schulversuch, erweiterte Kooperation. Die Schwachen sollen genauso gefördert werden wie die Starken. Es gibt vier Lerngruppen zu je 27 Schülern, 17 haben eine Empfehlung für die Hauptschule, 27 für das Gymnasium, 64 für die Realschule.

Joachim Friedrichsdorf leitet die Realschule und betreut das Experiment. Er sitzt am Schreibtisch in seinem Büro und erzählt aus dem Labor. Das Wort Gemeinschaftsschule möchte er dabei nicht in den Mund nehmen. »Wir wollen keine Schulstrukturdebatte, wir wollen das Lernen verändern.«

Wie macht man das? »Wir müssen weg von der Vorstellung, dass es homogene Klassen gibt«, sagt er, »und hinkommen zu einer größtmöglichen individuellen Förderung.« Ihm gegenüber sitzt Heidi Schneider und nickt. Sie ist 58 Jahre alt, seit 29 Jahren Lehrerin, seit September Lernbegleiterin. So heißen die Lehrer bei Erko. Was bedeutet das, Frau Schneider? »Früher war es ja so:«, sagt sie, »Ich hatte eine vorbereitete Stunde, die Schüler hörten zu – oder auch nicht. Ich machte 45 Minuten für alle das Gleiche. Dabei sind die Schüler aber auf ganz unterschiedlichen Niveaus.«

Jetzt gibt es sogenannte Inputstunden, die in ein Thema einführen. Sie sind noch am ehesten vergleichbar mit herkömmlichem Unterricht, nur werden sie kleinen Gruppen mit sechs bis acht Schülern verabreicht. Das radikal andere ist die »individuelle Arbeitszeit«, bei der die Schüler selber entscheiden, für welches Fach sie lernen, für Deutsch, Mathe oder Englisch, auf welchem Niveau sie lernen, wo sie lernen, wie sie lernen, alleine oder in einer Lerngruppe. Die Lehrer stehen dabei helfend zur Seite, begleitend eben, nicht als Alleinunterhalter an der Tafel. Ein Wochenplan gibt für jedes Fach das Lernpensum vor.

Die Lehrer haben erst nach dem ersten Elternabend erfahren, wer welche Empfehlung hatte. Sie hätten natürlich nachschauen können, wollten es aber nicht. So stellte sich heraus: Bei Weitem nicht jede Empfehlung scheint sich zu bestätigen. Und wie funktioniert das mit den Klassenarbeiten? Es gibt einen Basisteil, der ist Pflicht für alle, dazu einen Realschulteil, einen Gymnasialteil. »Die mit Hauptschulempfehlung«, sagt Heidi Schneider, »kämpfen wie die kleinen Teufel, um alles mitzumachen.«

Manchmal möchte auch einer in die andere Richtung. Heidi Schneider erzählt von einem etwas schwächeren Realschüler, der bei einem Englischtest zu ihr kam und sagte: »Frau Schneider, ich habe doch Realschul- und Hauptschuleignung, da reicht es doch, wenn ich den Hauptschulteil mache?«

Bis 2016 soll der Versuch laufen. Und dann? Dann sehen wir weiter, sagt der Rektor. Am weißen Brett in seinem Büro ist ein Zettel angeheftet, »1.2. Minister« steht da. Am ersten Februar will Kultusminister Helmut Rau, CDU, vorbeikommen und sich den Schulversuch anschauen. Es überrascht ein wenig, dass er ihn genehmigt hat, gilt Rau doch als Verfechter eines traditionellen Schulsystems. Aber man ist im Kultusministerium in Reformlaune: So üben sich gerade knapp 20 Schulen in Baden-Württemberg an einer engeren Zusammenarbeit von Haupt- und Realschule. Das sei aber kein Ausstieg aus dem gegliederten Schulsystem, heißt es aus dem Ministerium, es gehe darum, leistungsstarken Hauptschülern mehr Aufstiegsmöglichkeiten zu bieten. Und noch ein Reformvorhaben steht an: Vom kommenden Schuljahr an soll es im Land eine sogenannte Werkrealschule geben, die Hauptschülern den mittleren Schulabschluss ermöglicht. Lediglich Etikettenschwindel sei das, wettern Opposition und GEW. Eine kleine Veränderung, um im Großen und Ganzen beim Alten zu bleiben, beim gegliederten Schulsystem mit Hauptschule. Ob der Besuch des Ministers im Tübinger Unterrichtslabor daran etwas ändert? Einen Versuch ist es wert. Arnfrid Schenk

 
Leser-Kommentare
    • joG
    • 21.01.2010 um 9:01 Uhr

    ...dass das Problem günstig gelöst wird, wenn man die Bildung in zentralistischer Hand belässt. Private Schulen sind besser nicht weil sie bessere Lehrer haben, was sie natürlich meistens haben sondern weil sie nicht alle der gleichen vorgegebenen Form unterworfen sind. Sie probieren Dinge aus. Manchmal versagen sie und ihre Schüler haben das Nachsehen. Wenn das aber geschieht, so versagt nicht das ganze Land und weil mit anderen Ländern abgestimmt letztlich die ganze Nation.

  1. bzw. hört man es heraus welchen Schultyp es besucht. Ist das nicht ein Vergehen am visionären Wesen Kind? Ausserdem zementieren verschiedene deutsche Schulabschlusse den Zugang zu vielen ausländischen Universitäten. Da hilft die ach noch so hochgepriesene deutsche Berufsausbildung auch nicht weiter.

  2. Bezieher hoher Einkommen wollen eine geringe Staatsquote. Privatschulen und Einheitsschulen sind billiger. Wenn Bildung privatisiert wird und das Volk mit einem sogenannten Abitur abgespeist wird, sind Aufstiegschancen dahin. Dann zählt nicht mehr Leistung sondern Geld und Beziehung.

  3. Es geht ein Ruck in Deutschland ... in Richtung neue Lernkonzepte und Aufhebung mehrgliedriger Systeme. Der sog. PISA-Shock hat vieles in Bewegung gebracht.

    Auch Hamburg.

    Frau Goetsch kann sich zu Recht fragen, was schief gelaufen ist. Die Schulreform ist zweifellos notwendig, und trägt den Namen "Reform" zu Recht. Vieles wird umgekrempelt, alte Unzulänglichkeiten über Bord geworfen, neue – aber erprobte – Lernmethoden eingeführt. Da kommt eine Menge in Bewegung, und der Behörde wird von den Fachleuten, Schulen, Elternkammer usw. bescheinigt, gute und fundierte Arbeit geleistet zu haben und nicht still im Kämmerlein etwas ausgedacht zu haben. Also hier macht die Behörde um der Senatorin Goetsch das meiste anscheinend richtig, was den inhaltlichen Teil anbelangt.

    Was jedoch eine Katastrophe ist, dass Frau Goetsch gedacht hat: wenn alle fachbezogene Personen und Organisationen zustimmen, dann werden die Eltern schon mitziehen. Sie war zwar redlich bemüht, über Regionalkonferenzen mit Elternbeteiligung, bunte Broschüren und in den Schulen herumeilenden Referenten zu informieren, aber das hat nur ein kleiner Teil der Eltern erreicht.
    (...)

  4. Der größere Teil war verunsichert, weil immer wieder in der etwas einseitige Hamburger Presselandschaft Meldungen kursierten, die sich gegen den Reform stemmten. Auffallend oft wurde ein politisch ambitionierte Herrn Scheuerl zitiert, der eine Initiative namens "Wir-wollen-lernen" gründete und als Medienanwalt beste Verbindungen zur Hamburger Medienlandschaft hatte, vor allem zu eine bestimmte in Hamburg herrschende Verlagsgruppe.

    Als Herr Scheuerl dann die Pressemeldungen beherrschte, wurde die Unruhe immer größer unter der Elternschaft, vor allem in den wohlhabenderen Stadtteilen mit hohen gymnasiale Anteile. Parolenhaft wurde gegen die Primarschule gewettert, u.a. wegen der Kritik an der Geschwindigkeit der Umsetzung aber vor allem wegen dem wegfallenden Elternwahlrecht fanden sie viele Unterstützer. Dazu kamen Verbündete, denen es gar nicht so um den Reform geht, sondern ihnen ein Dorn im Auge ist, dass die GAL erfolgreich mitregiert. Da sprechen die Online Kommentare der hiesigen Zeitungen Bände.

    Hier hat der Schulsenatorin und der Bürgermeister, aber auch alle anderen Befürworter schlichtweg die Entwicklung unterschätzt und nicht gegen angesteuert.

    Mit für ein bürgerliches Volksbegehren beispielloser finanzieller Aufwand und Unterstützung aus der Wirtschaft und Verlage war die Initiative dann erfolgreich. Deshalb kommt es erst dazu, dass über Kernpunkte noch einmal mit Reformgegner diskutiert werden muss.

  5. Der erste Verhandlungstag ist vorbei, und es ist für die Reformkritiker bereits befremdlich, mit welcher Beharrlichkeit Scheuerl auf seinen Maximalforderungen besteht.

    Die meisten Eltern, die beim Volksbegehren unterschrieben haben, wollten das Elternwahlrecht erhalten. Das haben sämtlichen Umfragen, egal welcher Couleur, bestätigt. Nun hat Hamburg angeboten, es entgegen aller fachlicher Empfehlungen durch ein Probejahr wieder einzuführen. Das hätten die meisten Eltern bereits zufrieden gestellt.

    Weiter hat Hamburg angeboten die Primarschulen nach gemeinsam festgelegten Qualitätsstandards stufenweise einzuführen, obwohl viele Eltern und Schulen sie zum Sommer erhoffen.

    Alles lehnt die Scheuerl-Gruppe brüsk durch keinerlei Verhandlungsbereitschaft ab, um bewußt in einem chaotischem Stimmungskampf zu steuern ... die Gründen dafür sind nicht nachvollziehbar. 180.000 abgegebene Unterschriften (nicht JA-Stimmen, denn man konnte keine NEIN-Stimme abgeben) berechtigen keinen zur maßlosen Überheblichkeit.

    Die Schulen mit den Eltern und Kinder, vor allem die Hunderten von Viertkläßlern aus den 23 Starterschulen (Schulen, die bereits 2009 Primarschule wurden) werden in Geiselhaft genommen...

  6. Liebe Hamburger ... Ihr habt selbst Schuld!

    >Die Macher, die es nicht verstanden haben, die Schulreform verständlich zu erklären und Öffentlichkeitsarbeit zu machen.
    >Die Befürworter als Einzelperson, Verbände, Organisationen, die bis jetzt geschlafen, oder sich nicht getraut haben was zu sagen.
    >Die Eltern, die eigentlich mehrheitlich für längeres gemeinsames Lernen sind, aber wegen dem Elterwahlrecht Herr Scheuerl die Legimitation gab, den Reformprozess zu stören (denn inhaltlich zu Verbesserungen beizutragen ist er nicht bereit).

    Nun fragen sich einige: wieso stören? Es heißt doch überall in den Medien, er verhindert sie doch!

    Nein, der Reform wird nicht verhindert, nur behindert. Denn eines hat das Verhalten von Herrn Scheuerl und seiner Gruppe bewirkt: alle sind aufgewacht und positionieren sich hinter der Reform. Bis auf die FDP, einige Größen aus Wirtschaft und Medien und konservative Lehrerverbände unterstützen nun Alle wichtigen Parteien, Organisationen, Verbände und wissenschaftliche Institutionen endlich öffentlich die Reform und deren Ideen. Erste übergreifende Bündnisse wie "Chancen für Alle" , oder Elterninitiativen wie "PROSchulreform" sind bereits gegründet. Und da das Elternwahlrecht wieder eingeführt wird, stehen auch mehrheitlich die Eltern dahinter und werden sicherlich verhindern wollen, dass ihre Primarschulen 2 Monate vor Beginn durch ein Volksentscheid gekippt werden.

    Herr Scheuerl soll das erkennen und Mitwirken, so lange er es kann ... aber ...

  7. @mothers finest

    Wie in der Schweiz wohl auch, findet bei den Linken ein Umdenkprozess statt, dass wohlhabende Interessenverbände das Verfahren auch wirkungsvoll nutzen können. So wie in Hamburg ... Da ist Ihr Seitenhieb durchaus gut, aber nicht bei mir ;-)

    Weiter:
    Keiner der Starterschulen wurde gezwungen, bereits 2009 Primarschule zu werden. Das haben die Schulen mit den Eltern über Schulkonferenzen selbst beschlossen. Einige davon waren bereits Modellschulen, die die neuen Lernmethoden und Klassenstrukturen länger umgesetzt hatten. Es wären sogar mehr Schulen gewesen, aber einige Anträge wurden abgelehnt.

    Wenn ich Sie richtig interpretiere, meinen Sie das Hamburg sich erst einmal die Initiative im Vorfeld hätte beugen müssen und den ganzen Reform-Apparat stoppen, um erst einmal abzuwarten wie Herr Scheuerl sich die Schulpolitik denkt. Da vertreten Sie genau die Ansicht der reformkritischen Hardliner, die das immer herbei schreien wollten. Die Senatorin hat ja bereits Anfang 2009 die Reform um ein Jahr ausgesetzt, was der Sache auch gut tat. Aber um ein weiteres Jahr?

    Die Umsetzung wird halt mit Störfeuer weiter voran getrieben. Der Reformprozess in Hamburg ist sehr tiefgreifend, vieles wie der Bildungsplan, Lehrerstundenmodelle, Rahmenvereinbarungen stehen fest, Hunderte von Lehrern sind in der Fortbildung und, und, und. Das kann man nicht einfach stoppen. Und wenn doch, dann ist an eine große Schulreform auch in DE in der nächsten Dekade nicht mehr zu denken.

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