Kanton JuraDer untote Konflikt

Auch 30 Jahre nach seiner Gründung kommt der Kanton Jura nicht zur Ruhe. Die Wahrscheinlichkeit wächst, dass das Volk nochmals über die Jurafrage abstimmen muss. Ein Besuch bei den Aktivisten von Stefan von Bergen

Sanft steigt der gepflästerte Rathausplatz im Herzen des Jurastädtchens Moutier an. Aber hängt da am Hôtel de Ville, dem Rathaus, nicht eine falsche Fahne? Tatsächlich: Anstelle des Berner Bärs flattert das Jurabanner mit dem feuerroten Bischofsstab. Obwohl Moutier im Kanton Bern liegt. Jenseits des Juras würde man so eine Beflaggung für einen Irrtum oder einen Scherz halten. In Moutier aber ist sie ernst gemeint. Sehr ernst. Denn die Kantonszugehörigkeit des Städtchens ist heftig umstritten.

»Wir sind Jurassier und haben das Recht, an unserem Rathaus die Fahne des jurassischen Volks und der historischen sechs Jurabezirke aufzuhängen«, sagt Moutiers Stadtpräsident Maxime Zuber. Die pathetischen Worte passen nicht recht zur Erscheinung des eloquenten Politikers. Der 45-jährige Träger einer Designerbrille ist kein Fantast, sondern Mathematiker. Dennoch bezieht er sich auf jene hochemotionale Epoche vor über 30 Jahren, in der die jurassischen Autonomisten mit Parolen und Sprengstoff den einst mächtigen Kanton Bern herausforderten.

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1978 beendete das Schweizer Volk an der Urne die Eskalation. Vorläufig. Der Nordjura konnte sich von Bern abspalten und wurde zu einem eigenen Kanton. Die drei südlichen Jurabezirke aber, zu denen Moutier gehört, entschieden sich an der Urne für einen Verbleib im Kanton Bern. Maxime Zuber hat deshalb einen Traum: weg von Bern und heim in den vereinigten Jura. Dieses Programm übersetzt er gewandt in die Moderne: Er kämpfe »für die lokale Identität und eine effiziente Region«, die nicht von einer fernen, fremdsprachigen Kantonshauptstadt aus verwaltet werde.

Zubers nicht beendeter Jurakonflikt kümmert den Rest der Schweizer wenig. Aber das könnte sich bald ändern. Die Wahrscheinlichkeit wächst, dass sich die Schweizer an der Urne erneut zum leidigen Verlauf der Kantonsgrenzen im abgelegenen Jura äußern müssen. Dem Jurakonflikt zum Comeback verholfen hat jenes Gremium, das ihn im Auftrage des Bundes beenden sollte: die interjurassische Versammlung, bestehend aus Vertretern der Kantone Bern und Jura. Im vergangenen Mai legte sie ihren lange erwarteten Bericht über die Zukunft des Juras vor – und riss damit alte Wunden auf. Sie schlug neben einer verstärkten Kooperation der zwei Kantone als zweite Option die Vereinigung der sechs Jurabezirke vor. Modern verpackt als neuer Kanton mit sechs Großgemeinden und Maxime Zubers Moutier als Hauptstadt.

Sogar Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf, die die Oberhoheit über die Juraverhandlungen innehat, war bei der Präsentation des heiklen Berichts zugegen. Und äußerte in ihrer Ansprache Bedenken gegen eine abermalige Verhärtung der Fronten. Sie hat mittlerweile recht bekommen. Die Regierung des Kantons Jura feiert den Erweiterungsvorschlag. Diejenige des Kantons Bern, der sein Juragebiet aufgeben müsste, weist ihn bärbeißig zurück. Nun läuft in beiden Kantonen eine Frist bis Ende Jahr, in der sie ihre Bevölkerung konsultieren müssen. Die Autonomisten heizen schon mal die Stimmung an gegen die »Berner Herrschaft«. Wie vor über 30 Jahren. 

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    • Quelle DIE ZEIT, 21.01.2010 Nr. 04
    • Schlagworte Konflikt | Eveline Widmer-Schlumpf | Jura | Schweiz | Bern
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