Es wird scharf geschossen im Zürcher Dada-Haus. Vielleicht weil nur sieben Journalisten zur Pressekonferenz erschienen sind, schraubt der Sprecher der »Erklärung von Bern« den Wortpegel nach ganz oben: »Ein Unternehmen verhält sich ab einer gewissen Größe und Macht häufig wie ein klinischer Psychopath, also ohne Skrupel, Gewissen und Reue«, sagt Oliver Classen, Sprecher des Public Eye Award. Das World Economic Form (WEF) in Davos sei »weniger ein Sanatorium als eine geschlossene Anstalt für die krisengebeutelte Weltwirtschaftselite«. Gegen diese Wahnsinnigen will man jetzt zum elften Mal vorgehen, indem man die Schlimmsten mit einem Schmähpreis bedenkt, dem Public Eye Award. Auf der Kandidatenliste stehen so klingende Namen wie Roche, das Internationale Olympische Komitee und die Royal Bank of Canada.

Später, im direkten Gespräch, sagt NGO-Mann Classen: »Das WEF zehrt von einer Lebenslüge. Es tut so, als würde es die Welt verbessern. Dabei ist es nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Es zementiert und symbolisiert das Primat der Wirtschaft über die Politik.« Und dann kann der Mann richtig laut werden: »Das WEF ist kein neutraler Ort, es versammelt die 1000 größten Firmen der Welt. Und die haben klare Interessen, für die sie in Davos mit Nachdruck bei der großen Politik lobbyieren. Dagegen muss man etwas haben, wenn man bei gesundem Menschenverstand ist.«

Es ist eine von vielen Stimmen, die sich alljährlich im Januar gegen das WEF erheben und die allesamt ein dubioses Bild zeichnen von der Kaminfeuer-Veranstaltung in Davos: das Treffen der Wirtschafts- und Polit-Elite als Geheimparlament der Erde. Ob Illuminaten, Freimaurer, Bilderberg-Konferenzler oder die Weisen von Sion – was uns in den aberwitzigsten Verschwörungstheorien dieser Welt begegnet, erscheint läppisch im Vergleich zur verstohlenen Gestaltungsmacht, den seine Gegner dem WEF zusprechen. Eher unverkniffen gab sich einmal Jean Ziegler, der Soziologe und UN-Berichterstatter, als er das WEF letztes Jahr als »Ball der Vampire« bespöttelte.

Die einen treffen sich zum Klatsch, die anderen wittern eine Verschwörung

Womit Ziegler – wie jeder weiß, der auch schon dort war – der Sache recht nahe kam. An den fünf Tagen in Davos wird getanzt, geschwafelt, getrunken, getafelt, aber eine Agenda für die Welt gesetzt? Nachhaltige Beschlüsse gefasst? Die Welt regiert? Das wird hier nicht. Die Anregungen von Davos versanden zuverlässig im schneeweißen Nichts. Die Veranstaltung beginnt jeweils mit einem inhaltsleeren Motto (dieses Jahr: »Improve the State of the World: Rethink, Redesign, Rebuild«); und sie endet jeweils mit ebenso inhaltsleeren Communiqués und Schluss-Statements (letztes Jahr: »Die Führer in Davos versprechen Zusammenarbeit zur globalen Lösung der globalen Krise«; »Die USA sind bereit, die Führung im Kampf gegen den Klimawandel zu übernehmen«). An einem WEF-Konferenztag hört man kaum je einen überraschenden Satz, in den Workshops herrscht Floskelsprache, die ein- bis zweistündigen Veranstaltungen verbieten ohnehin jede Vertiefung, die Ergebnisse sind entsprechend absehbar, und im Grunde wird gar nicht erst verhehlt, worum es wirklich geht: um den SmallTalk mit anderen Personen derselben Einflussklasse. Um Partynächte, an denen sich Claudia Schiffer neben Rupert Murdoch neben Sergej Brin neben Ernesto Bertarelli neben Al Gore neben dem Kronprinzen von Norwegen am Champagnerglas festhält.