Die ZEIT: Herr Özdemir, geht die deutsche Vergangenheit, besonders der Holocaust, die Migranten und ihre Nachfahren in Deutschland etwas an?

Cem Özdemir: Es gehört zu unserer Geschichte dazu. Ohne die Schrecken des Nationalsozialismus wäre die Entstehungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland eine andere. Wer das Land verstehen will, muss den Nationalsozialismus und den Holocaust kennen – wie es Bundespräsident von Weizsäcker gesagt hat: nicht im Sinne von Schuld, sondern von Verantwortung. Ich glaube, in diesem Punkt haben wir eine Gemeinsamkeit, die Deutsche und Nachfahren von Zuwanderern ohne Weiteres teilen können.

ZEIT: Laut unserer Umfrage sagen 68 Prozent der Türken in Deutschland, dass sie wenig oder fast nichts über die Ermordung der Juden durch die Nazis wissen – überrascht Sie das?

Özdemir: Bei den Älteren überrascht es mich nicht, bei den Jüngeren schon, da sie den Holocaust im Geschichtsunterricht durchnehmen. Das zeigt, dass wir ein Problem mit der Vermittlung des Themas haben. Unsere Gesellschaft wird zunehmend multiethnischer – wir müssen die Art des Erinnerns so gestalten, dass auch die Menschen mit Migrationshintergrund mit einbezogen werden.

ZEIT: Muss die Verantwortung der Migranten genauso stark sein wie die der Deutschen?

Özdemir: Die deutsche Geschichte zwingt uns dazu – und zwar alle, die hier leben. Unsere Verfassung, unsere Grundhaltung zu den Menschenrechten sind direkte Ausflüsse dieser Verantwortung. Dazu gehört, dass jeder Bürger dieser Republik Einfluss darauf hat, wie sich unser Zusammenleben gestaltet. Über den Nationalsozialismus kann man im Schulunterricht eine Brücke in die Gegenwart schlagen. Wie müssen sich demokratische Gesellschaften organisieren, damit so etwas nie wieder passiert? Diese Frage geht nicht nur deutsche Schüler etwas an. Allerdings erfordert das pädagogisches Personal, das über das nötige Werkzeug verfügt, den Stoff auch Migrantenkindern zu vermitteln. Sie kennen das Thema von zu Hause nicht – die Einzigartigkeit der Naziverbrechen hat sich vielen älteren Zuwanderern nie erschlossen.

ZEIT: Wie sehr hat die Kultur der Erinnerung an die deutsche Geschichte Sie als Deutschtürken geprägt?

Özdemir: Sehr. Als Schüler hatte ich noch die Möglichkeit, mit Überlebenden des Zweiten Weltkriegs zu sprechen. Einmal kam eine Zeitzeugin aus meiner Heimatstadt Bad Urach in unsere Klasse. Keine klassische Widerstandskämpferin, eine Sozialdemokratin, jemand, der versucht hat, anständig und aufrecht zu leben. Sie stand vor der Entscheidung, Mitglied der NSDAP zu werden oder ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Sie musste ihre Kinder allein großziehen und ist trotzdem nicht eingetreten. Das hat mich stark beeindruckt. Ich besuchte sie später regelmäßig zu Hause. Von ihr habe ich vermutlich mehr über den Nationalsozialismus und die junge Bundesrepublik erfahren als in der gesamten Schulzeit. Solche Möglichkeiten haben künftige Generationen nicht mehr.

ZEIT: In Großstädten wie Berlin mit einem hohen Anteil muslimischer Bevölkerung gibt es einen akuten Antisemitismus. »Jude« scheint ein gängiges Schimpfwort auf Schulhöfen zu sein.

Özdemir: Der Antisemitismus in seiner heutigen Gestalt hat sehr viel mit dem ungelösten Nahostkonflikt und seinem Missbrauch zu tun. Das heißt nicht, dass der Antisemitismus verschwinden würde, wenn der Nahostkonflikt gelöst würde. Umso wichtiger wird die Schule, nicht nur als ein Ort der Wissensvermittlung, sondern als Ort der Demokratievermittlung – der Vermittlung, dass Demokratie auch eine Lebenseinstellung ist, eine Einstellung gegen jede Art von Rassismus, Militarismus oder Antisemitismus. Im Idealfall passiert das mit der Familie zusammen. Wenn es nicht anders geht, gegen das Elternhaus, das vielleicht die Juden für alles Böse auf der Welt verantwortlich macht.

ZEIT: Wie groß ist das Problem?

Özdemir: Man muss es nicht dramatisieren, aber es gibt ein Problem. Nicht jeder, der Kritik an Israel übt, ist gleich ein Antisemit. Aber wer sich offen zu seinem Judentum bekennt, muss sich in einigen Stadtteilen Berlins nicht nur vor Rechtsradikalen in Schutz nehmen, sondern leider auch vor Menschen mit Migrationshintergrund. Doch kein Kind, ob deutsch oder nicht, kommt als Antisemit auf die Welt, sondern es wird dazu gemacht. Deshalb müssen wir unsere Werte in der Zeit vermitteln, in der die Kinder in unseren Bildungseinrichtungen sind. Und dafür braucht es überzeugte und überzeugende Pädagogen, auch und gerade solche mit Migrationshintergrund. Die Vertreter aus den Communities, Imame, Verbands- und Vereinsvertreter sind ebenfalls aufgerufen, hier ihren Beitrag als Vorbilder zu leisten. Sie können ganz anders auf die Jugendlichen einwirken.