Die Deutschtürken und der Holocaust Meine StaatsräsonSeite 2/2
ZEIT: Wenn Sie als Vorsitzender der Grünen Israel besuchen…
Özdemir: …dann fahre ich auch nach Jad Vaschem, weil ich nicht nur Sohn meiner Eltern bin, die aus Anatolien stammen, sondern Vorsitzender einer deutschen Partei. Aber da fahre ich auch ins Westjordanland und in den Gaza-Streifen, und ich treffe mich mit meinen israelischen Freunden.
ZEIT: Sind die Sicherheit und das Existenzrecht Israels Teil der deutschen Staatsräson, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel es ausgedrückt hat?
Özdemir: Absolut. Aber wenn wir sagen, dass das Verhältnis zu Israel – und übrigens für mich auch die transatlantischen Beziehungen – zur Staatsräson Deutschlands gehört, können wir in Zukunft nicht davon ausgehen, dass sich das automatisch begründet. Jede Generation muss das immer wieder neu begründen. Und das insbesondere in Schulklassen, in denen nicht nur Marie-Luise und Maximilian sitzen, sondern auch Ayşe und Ali.
ZEIT: Wie weit geht diese Staatsräson für einen deutschen Politiker mit Ihrem biografischen Hintergrund? Anders gefragt: Könnten wir in Zukunft deutsche Soldaten muslimischen Glaubens für die Sicherheit Israels in den Einsatz schicken?
Özdemir: Ich wünschte, die Europäische Union wäre so weit, dass wir im Rahmen einer Friedenslösung mit Palästina Sicherheitsgarantien für Israel geben könnten. Die Rolle der EU ist hier begrenzt, das ist vor allem Aufgabe der Amerikaner. Das bedauere ich als überzeugter Europäer. Auf der anderen Seite denke ich als Freund Israels, dass die Besatzung auf Dauer die israelische Demokratie vergiftet.
ZEIT: Wurden Sie bei Ihren Besuchen in Israel als deutscher oder als türkischer Politiker wahrgenommen?
Özdemir: Die meiste Zeit war ich Repräsentant einer deutschen Partei. Bei einem einzigen Termin allerdings war ich nicht der deutsche Politiker: als ich mich mit den Nachfahren der Juden aus der Türkei getroffen habe, die dort die kemalistische Tradition museal fortführen. Die sahen die demokratische Öffnung der Türkei als direkten Weg in den Islamismus und missverstanden das militärische Zweckbündnis zwischen Israel und der Türkei als Völkerfreundschaft.
ZEIT: Wird Ihre israelfreundliche Position in der türkischen Community kritisiert?
Özdemir: Das kommt gelegentlich vor, sei es auf Veranstaltungen oder im Taxi in Berlin. Wer aber selbst nicht ausgegrenzt werden möchte oder Erfahrungen mit Rassismus gemacht hat, sollte selbst kein Rassist sein. Und Antisemitismus ist eine besonders widerliche Form des Rassismus.
Das Gespräch führten Özlem Topçu und Heinrich Wefing
- Datum 23.01.2010 - 17:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 21.01.2010 Nr. 04
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