Es ist ein Aufbruch in weithin unbekanntes Gelände, eine erste Annäherung an Fragen, die bislang kaum gestellt wurden: Was wissen Deutschtürken über den Holocaust? Was denken sie über den nationalsozialistischen Völkermord? Wie beurteilen sie die deutsche "Vergangenheitsbewältigung" – und welche Schlüsse ziehen sie daraus für aktuelle politische Fragen, zum Beispiel die deutsche Haltung gegenüber Israel?

Dazu hat das Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid im Auftrag der ZEIT in einer repräsentativen Stichprobe anlässlich des Holocaust-Gedenktags am 27. Januar 400 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, teils mit deutschem, teils mit türkischem Pass, befragt.

Die ZEIT fragt Deutschtürken nach ihrem Verhältnis zum Holocaust. - Bitte klicken Sie auf die Grafik, um das PDF zur Umfrage zu öffnen © ZEIT Grafik

Die Ergebnisse sind mitunter widersprüchlich, aber eines zeigen sie deutlich: Die Erinnerung an den Holocaust ist den Deutschtürken nicht fremd, im Gegenteil, sie betrachten sie als ihre eigene Angelegenheit. Etwa die Hälfte der Befragten sagt, die intensive Beschäftigung mit der Judenverfolgung sei heute, fast 70 Jahre später, "eine Sache aller in Deutschland lebenden Bürger", nur 15 Prozent halten sie für eine exklusive Aufgabe von Bürgern deutscher Herkunft. Und 46 Prozent erklären ausdrücklich, in Deutschland lebende Bürger türkischer Herkunft sollten sich mit der Judenverfolgung beschäftigen.

Allerdings ist das offenbar vor allem eine Absichtserklärung, keine Zustandsbeschreibung: Fast 68 Prozent der Befragten räumen ein, "eher wenig" oder "fast nichts" über den Holocaust zu wissen, nur 31 Prozent meinen, sie wüssten darüber "sehr viel" oder "eher viel". Das deckt sich mit einer anderen Zahl: Drei Viertel der Deutschtürken geben an, noch nie eine KZ-Gedenkstätte, ein jüdisches Museum oder das Holocaust-Mahnmal in Berlin besucht zu haben. Dieses Ergebnis hat freilich viel mit dem Bildungsstand zu tun: Fast 50 Prozent der befragten Deutschtürken mit Abitur oder einem Hochschulabschluss waren schon einmal an einem solchen Erinnerungsort.

Auf konkrete Informationen über den Holocaust reagieren die Deutschtürken ganz überwiegende mit Empathie. Nahezu drei Viertel sagen, beim Betrachten von Bildern aus Konzentrationslagern empfänden sie "vor allem Mitleid" mit den Opfern. Nur 23 Prozent antworten, sie spürten "vor allem Abscheu gegen die Deutschen", und 27 Prozent (Mehrfachnennungen waren möglich) erklären, sie empfänden "nur wenig", weil sie damit nichts zu tun hätten. Gefragt nach ihren Einschätzungen zur Einzigartigkeit des Holocaust, sagen 46 Prozent der Befragten, es sei "nahezu ausgeschlossen", dass so etwas wie die Judenverfolgung – in Deutschland oder anderswo – noch einmal vorkommen werde. 47 Prozent halten eine Wiederholung entweder in Deutschland oder im Ausland für möglich.

Sehr klar weisen die befragten Deutschtürken schlichte Opfer-Analogien zurück. Die heftig kritisierte These des ehemaligen Leiters des Essener Zentrums für Türkeistudien, Faruk Sen, die Türken seien die neuen Juden Europas, findet keinerlei Anklang. Die Behauptung, "die heute in Deutschland lebenden Türken müssen einen ähnlichen Druck ertragen wie die Juden in Deutschland vor ihrer Verfolgung", halten nur 15 Prozent der Befragten für "sehr richtig" oder "eher richtig", 20 Prozent finden sie "eher falsch", 58 Prozent sogar "völlig falsch".

Bei allem Interesse an der Auseinandersetzung mit dem Holocaust stößt die offizielle deutsche Vergangenheitspolitik jedoch auf Skepsis. 60 Prozent der befragten Deutschtürken halten den Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte für "eher abschreckend", 25 Prozent betrachten sie als "eher vorbildlich" – eine Einschätzung, die durch alle Bildungsschichten nahezu stabil ist. 43 Prozent sehen in der intensiven Beschäftigung der Deutschen mit der Judenverfolgung "eher ein Zeichen von Schwäche", nur 27 Prozent ein "Zeichen von Stärke und Einsicht". Ein Grund für diesen Befund mag das in der Türkei gepflegte heroische Bild der türkischen Vergangenheit sein: Wer Geschichtsüberlieferung vor allem als Aneinanderreihung von Triumphen kennt, wird die bundesdeutsche Konzentration auf die Katastrophe nur schwer verstehen können. Tatsächlich schütteln ja bisweilen auch Franzosen oder Amerikaner den Kopf über die deutsche Gründlichkeit beim Erinnern.

 

Und was folgt aus dieser Haltung für die politische Gegenwart? Die offizielle Antwort lautet, aus der Erinnerung an den Holocaust erwachse für die Bundesrepublik eine besondere Verantwortung, vor allem gegenüber Israel. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Sicherheit Israels sogar wiederholt als Teil der deutschen Staatsräson bezeichnet. Diesem Axiom deutscher Politik stehen die befragten Deutschtürken eher skeptisch gegenüber. Die Aussage, für die Bundesrepublik sei die Existenz des Staates Israel ein "ganz wichtiges Anliegen", trifft auf ein geteiltes Echo. 40 Prozent halten die Aussage für "sehr" oder "eher richtig", 39 Prozent finden sie "eher" oder "völlig falsch". Bezieht man hingegen den Palästinakonflikt mit ein, ergibt sich ein klareres Bild. 53 Prozent stimmen der Forderung zu, "die Deutschen sollten sich heute weniger mit der Judenverfolgung, dafür mehr mit der Politik Israels gegenüber den Palästinensern beschäftigen"; 14 Prozent finden diese Einschätzung "eher falsch", 17 Prozent sogar "völlig falsch".

Teilhabe an der Erinnerung an den Holocaust, Empathie mit den Opfern, aber kein automatisches Bekenntnis zu Israel – das könnte, auf eine Formel gebracht, die Haltung der Deutschtürken zum Holocaust sein, wie sie sich in der Umfrage der ZEIT spiegelt.

Das ist ein erstaunlicher Befund, aber einer, der womöglich in einen größeren Trend passt. Spätestens seit die Vereinten Nationen den 27. Januar eines jeden Jahres zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt haben, ist die Erinnerung an den nationalsozialistischen Völkermord universell geworden: Sie soll nicht mehr nur Sache von Tätern und Opfern sein, von Deutschen und Juden, sondern Teil des Menschheitsgedächtnisses, das alle Völker, einschließt. Was eine solche Universalisierung des Gedenkens freilich für das künftige Verhältnis Deutschlands und Israels bedeutet, ist noch völlig ungeklärt.