Bleibt man stehen und horcht, ist der Nebelwald fast geräuschlos. Vielleicht fährt Wind durch Baumkronen, fallen Eicheln klickend ins Unterholz, flattert irgendwo ein Schluchtenguan davon. Ansonsten Stille. Buschiges Moos sitzt an den Bäumen, Orchideen und Bromelien sind verblüht. Rogelio Rax schaut in den Wald hinein, den Mund geöffnet, den Kopf leicht zur Seite geneigt, und horcht. Ein paar Minuten lang. Wieder nichts. Dann geht er weiter, seine Gummistiefel schmatzen auf dem aufgeweichten Waldboden. Es ist keine leichte Aufgabe, in diesem grünen Wirrwarr ein Exemplar des legendären Quetzals zu finden. Schon gar nicht zu dieser Jahreszeit, wenn der Vogel tiefer gelegene Wälder bevorzugt. Doch Touristen kommen auch im Dezember, und Rogelio wäre der Letzte, der ihnen sagen würde, es gebe gerade keinen Quetzal zu sehen. Man kann es doch versuchen.

Also schlagen wir uns den ganzen Vormittag durch den Wald, ducken uns unter gestürzten Urwaldriesen hindurch, versinken knöcheltief im Matsch, sehen gelbe und schwarze Frösche. Aber keinen Quetzal. Rogelio sagt Dinge wie: Wenn wir hier jetzt eine Stunde warten, ist es sicher, dass wir vielleicht einen sehen. Wir gehen weiter. Der Morgennebel ist bald verschwunden, einzelne Sonnenstrahlen fallen durch das Blätterdach auf Teilabschnitte einer Liane oder auf den eingerollten Trieb eines Baumfarns. Dann sitzt da plötzlich etwas Buntes im Geäst.

Der Glücksmoment eines Vogelbeobachters, Lohn geduldiger Pirsch. Ein Trogon mexicanus, sagt Rogelio. Er schlägt sein Bestimmungsbuch auf und zeigt drauf. Der da. Schön bunt, aber leider kein Quetzal. Auch das gehört zur Vogelbeobachtung, Enttäuschung verbergen. Wir suchen Pharomachrus mocinno, nicht Trogon mexicanus. Am besten ein Männchen, mit gelbem Schnabel, irisierenden Federn, scharlachroter Brust, Irokesenfrisur und goldgrünem Schweif. Nicht unbedingt eines der recht farblosen Weibchen ohne Schweif.

Auf dem Weg zurück ins Dorf Pumaspuren der letzten Nacht. Rogelio nimmt einen Gipsabdruck für die Statistik. Seit einem Jahr arbeitet der 24-Jährige als Touristenführer und seit ein paar Monaten auch als Wildtierzähler im privaten Naturschutzgebiet Chelemhá, einem knapp fünf Quadratkilometer großen Stück Urwald in der Provinz Alta Verapaz, nördlich von Guatemala-Stadt. Quetzale hat Rogelio schon viele gesehen, seit er mit offenen Augen in den Wald geht und zwischendurch auch mal stehen bleibt. Das musste er lernen, für die Touristen. "Die Männer aus dem Dorf rennen achtlos durch den Wald", sagt er. Und die Frauen haben noch nie einen Qu’q gesehen, wie sie den Quetzal hier in der Maya-Sprache Q’eqchi’ nennen. Sie gehen nicht in den Wald, vielleicht aus Angst, vielleicht weil sie zu Hause Maisfladen backen müssen.

Der Quetzal ist in Guatemala ein Mythos. Schon Schulkinder hören die Geschichte von dem grünen Vogel, dessen Brust sich rot färbte, als er sie ins Blut des letzten Quiché-Königs Tecún Umán tunkte. Der Spanier Pedro de Alvarado hatte den Herrscher im Kampf getötet. Für Maya und Azteken war der Quetzal heilig, die Mächtigen schmückten sich mit seinen göttlichen Federn. Später, als aus Guatemala eine Nation werden sollte, machte man den Quetzal gleich zum Nationalvogel. Bis heute findet man ihn auf der Flagge, in der Nationalhymne und vor allem auf Geldscheinen – die Landeswährung ist nach ihm benannt. Es gibt Quetzal-Bäckereien, Quetzal-Schuhgeschäfte, Quetzal-Abschleppdienste.

Sucht man ihn aber im La-Aurora-Zoo von Guatemala-Stadt, findet man nichts als eine gläserne Stele mit seinem Abbild. Es gebührt sich für einen Nationalvogel nicht, in Gefangenschaft zu leben. Ein paar Hundert Meter weiter allerdings, im Naturkundemuseum, hockt ein zerzaustes Exemplar in einer blau gestrichenen Vitrine, ausgestopft vor vielen Jahren. Der Beweis, dass es ihn tatsächlich gibt. Denn für viele Guatemalteken ist der Nationalvogel eher ein Fabelwesen als ein echtes Tier mit schrumpfendem Lebensraum. Es sind die Touristen, die im Wald nach ihm suchen – und ihn manchmal finden.