In Port-au-Prince stehen die Menschen Schlange für Lebensmittel © Jewel Samad/AFP/Getty Images

Ich bin einer jener Menschen, die den 12. Januar 2010 überlebt haben. Trotz des Erdbebens habe ich noch ein Haus. Meine nächsten Familienangehörigen sind am Leben, wir haben keinen Verlust zu beklagen. Ich habe das Glück, noch Strom und Internet zu haben. Halleluja! Wenn ich meinen Computer einschalte und jemand Neues aus der Liste meiner Kontakte online ist, atme ich jedes Mal tief durch. Ayibobo! Um den Lebensalltag aufrechtzuhalten, teilen wir, was wir haben, mit unserer Nachbarsfamilie.

Erdstöße, bis zur Mittagszeit, noch vier Tage später. Ich bin traumatisiert, dessen bin ich mir bewusst, und doch kann ich meinen Körper einfach nicht kontrollieren, wenn er in Panik gerät. Ich vermute, etwa zwei Millionen Menschen leiden unter demselben Trauma: Wir hören das unheimliche Krachen, das mit dem Erdbeben einhergeht, und wir spüren, wie die Erde unter unseren Füßen erzittert. Aber wir wissen nicht immer, ob dies eingebildet oder wirklich ist. L’enfer va-t-il encore danser sous nos pieds? Wird die Hölle wieder unter unseren Füßen tanzen? Ich nenne es das Erdstoßsyndrom.

Ich leide auch noch unter etwas anderem: dem Syndrom der offenen Tür. Wenn ich im Inneren des Hauses bin, muss in meinem Blickfeld immer eine Tür offen stehen. Um schneller laufen zu können als der Tod. Obwohl das eine Illusion ist: Die Überlebenden haben überlebt, weil die Häuser, in denen sie waren, nicht eingestürzt sind. Die anderen hatten nicht die Zeit hinauszueilen. In wenigen Sekunden war alles vorbei, zwei Mal krampften sich die inneren Organe der Erde zusammen, und unser Schicksal stand kopf. Noch immer schlafen wir unter freiem Himmel. Gott, was sind die Nächte schön!

Die Menschen in Haiti versuchen ihr Überleben zu sichern. Bilder aus dem Erdbebengebiet © Olivier Laban mattei/AFP/Getty Images

In den Vierteln der kleinen Leute unten in Port-au-Prince leben die Menschen neben verwesenden Kadavern. Der Schmerz brütet über der Stadt, er bewohnt sie. Die Ausstattung des Centre National de l’Equipement ist überaltert, man brauchte 50-mal mehr Lastwagen, um die Toten fortbringen, verbrennen, begraben zu können. Die am stärksten betroffenen Gegenden durchweht ein pestartiger Geruch, wer sie durchschreitet, muss sich übergeben.

Exodus in die Provinz. Manche Straßen sind völlig überfüllt mit Menschen, die in die verschiedensten Richtungen laufen. Es gilt, die Hauptstadt, mit ihren Straßen wie platzende Adern, zu verlassen. Diebesbanden suchen die Innenstadt heim. Geschäfte werden geplündert, Fußgänger überfallen, Leute des wenigen, was sie noch haben, beraubt. Manche Gebiete sind stärker zerstört als andere.

Betroffen jedoch sind alle. Elendsviertel, Nobelviertel. Zum ersten Mal spielt die Spaltung der Gesellschaft in Haiti keine Rolle: Das Erdbeben kennt weder Klassen noch Hautfarben. Alle beweinen ihre Toten, und jeder Anruf, jeder Besuch offenbart uns neue Schicksale. Wunden, deren ganze Konsequenz wir noch nicht leben können. Le choc est là, on voudrait en avoir rêvé. Die Erschütterung ist da, man möchte sie nur geträumt haben.

Internationale Hilfe ist präsent, die ganze Welt hat das Grollen vernommen, das Haiti in seine Untergründe gerissen hat. Dieses Land, von dem ohnehin immer nur in tragischen Zusammenhängen die Rede ist. Dieses Land, das von dem Mal des Blutes gezeichnet ist. Die Behörden sind mit der Situation überfordert. Von der Regierung hört man nichts: Sie schweigt, sie spricht nicht zu ihrem Volk. Sie bestätigt uns nur ihre Schwäche. Wir Haitianer haben bislang das Gefühl, im Stich gelassen zu werden. Indessen ist Hilfe angekommen und kommt weiter an. Die Regierung der benachbarten Dominikanischen Republik war unter den Ersten, die reagierten – allen Konflikten um die Zuwanderung aus Haiti zum Trotz. Die USA, Frankreich, Kanada, Europa, Japan, China, alle mobilisieren sich, alle wollen sie noch auf unserem überfüllten Flughafen landen. Dort gibt es keinen Kontrollturm mehr. Es kam sogar zu einem diplomatischen Zwischenfall, als die dort kontrollierenden ausländischen Behörden einem europäischen Lazarettflugzeug die Landeerlaubnis verweigerten.

Die internationale Hilfe sickert indes nicht bis zu den Straßen durch: noch keine Zelte, noch keine Ambulanzen, noch keine Linderung. Die Krankenhäuser sind überlastet, es fehlt an Medikamenten, Behandlung ist nicht möglich. Die obdachlosen Massen warten immer noch, ängstlich und verschüchtert, auf den Straßen und Plätzen. Immer noch liegen Männer, Frauen und Kinder lebendig unter den Trümmern. Für sie, für die, die nach ihnen suchen, die auf sie warten, verringert sich mit jeder Minute die Hoffnung. Wer kann, verlässt das Land über die Grenze. 

Auf den öffentlichen Plätzen drängt alles durcheinander: Man verrichtet seine Notdurft, wo man kann, man hat Durst, Hunger, man leidet. Und man betet, die ganze Nacht. Schon die fünfte Nacht in Folge wurde gebetet, die Hände zum Himmel gereckt. Jesus! Jesus! Ein Name auf aller Lippen. Wir haben zu viel gesündigt, das ist die göttliche Strafe. Bereut! Eine solche Prüfung kann nur eine Strafe Gottes sein, der unsere Sünden leid ist. Es ist schwer, das aus den Köpfen zu bekommen, schwer, nicht an einen Fluch zu glauben. Besonders da neunzig Prozent der christlichen Kirchen in Schutt und Asche liegen. Der Kampf des Guten gegen das Böse. Der Erzbischof von Port-au-Prince hat den Tod gefunden.