Augenzeugenbericht aus Haiti Ich habe überlebtSeite 2/2
Wo sind die Voodoo-Gläubigen? A ucun tambour n’a résonné dans la beauté des nuits criblées d’étoiles. Kein Trommelklang tönte bisher durch die schönen sternendurchlöcherten Nächte. Die christliche Überlegenheit offenbart sich in ihrer ganzen Stärke. Voodoo vollzieht sich in Haiti ohnehin nur mehr im Halbschatten, in abgeschwächter Form, anerkannt auf einer ästhetischen Ebene und von einer Künstlergeneration verteidigt, die im Voodoo ein kulturell bedeutsames Element sieht, einen vor allem für die Künste unerschöpflichen Rohstoff – der indes von den Christen, besonders den Reformierten, abgelehnt wird.
Voodoo durchströmt unsere Geistesstruktur, der Haitianer ist von Natur aus Mystiker, er lebt traumnah. Genau deshalb darf dieses spirituelle Erbe nicht aus unserer Kultur verschwinden. Doch es lebt in einer heuchlerischen Position. Wer jetzt das Risiko einginge, Voodoo zu praktizieren, würde vermutlich gelyncht. Dies ließ sich bereits in heiklen politischen Krisensituationen der Vergangenheit beobachten. Der Voodoo-Glaube muss im Untergrund bleiben. Les esprits de nos ancêtres devront aussi souffrir de la soif et de la faim. Die Geister unserer Ahnen, auch sie werden hungern und dursten müssen.
Gerade noch stritt man sich wegen der kommenden Parlamentswahlen, lagen die Politiker einander buchstäblich in den Haaren, um einen Sitz im Senat oder in der Abgeordnetenkammer zu ergattern. Das erscheint nun alles lächerlich. Die Machthaber wollen sich stets nur selbst erhalten; eine Art Instinkt treibt die haitianischen Politiker dazu, sich zu entmenschlichen. Immer wieder die gleiche Geschichte: Eine kleine Gruppe möchte alles besitzen und alle anderen auf dem Status quo des Elends sitzen lassen.
Doch auch die Regierung wurde nun mit voller Wucht getroffen: Fast alle Staatsgebäude sind in sich zusammengefallen und rissen dabei Dutzende, Hunderte von hohen Regierungsbeamten mit sich. Die gebrechlichen Strukturen verhindern die Verteilung der internationalen Hilfsgüter bis zum Morgen dieses fünften Tages. Unruhen und weitere Plünderungen sind unvermeidlich, wenn es Militär und Polizei nicht gelingt, einen Sicherheitsgürtel um die Stadt zu ziehen. Man erwartet Tausende von amerikanischen Soldaten in den kommenden Tagen. Aber kann die Verbitterung so lange noch warten, oder bricht sie sich vorher Bahn?
Die Zivilgesellschaft erwacht, versucht, sich zu sammeln, um zu helfen, Notfalleinheiten zusammenzustellen. Die Toten mussten in aller Hast begraben werden, doch noch immer liegen zahllose Leichen unbestattet im Stadtgebiet, in der Umgebung von Port-au-Prince, südlich in den Städten der Region Léogâne, südöstlich bei Jacmel, im Westen bei Cabaret und in vielen weiteren Orten. Nun müssen wir alle unsere Energien zu einer großen Welle der Solidarität bündeln, der größten, die unsere Geschichte von uns fordert.
Denn die kommenden Tage werden düster. Möglicherweise muss das Schuljahr abgebrochen werden, alle öffentlichen Dienste sind stark in Mitleidenschaft gezogen. Epidemien drohen. In einem ohnehin armen, endemisch unterentwickelten Land muss alles wieder aufgebaut werden. Das Ausmaß der Aufgabe ist überwältigend. Doch besser, man schaut jetzt nicht auf das große Ganze, sondern blickt auf den Erstbesten, dem man die Hand reichen muss, um die heftigsten Qualen zu lindern.
Rester en vie et perpétuer la vie. Am Leben bleiben und das Leben fortführen. Tag für Tag, Stunde um Stunde.
Wir befinden uns in einem Moment unserer Biografie, in dem uns nur der Glaube aufrecht hält. Der Glaube an ein Land, das Haiti heißt und das trotz aller Schläge, die es einstecken musste, nicht verenden darf. An eine Nation, die unter merkwürdigen Umständen geboren wurde – in Feuer, Eisen und Blut. An eine Nation, die eine schwere Bürde hinter sich herschleppt. Dieses Erdbeben trifft uns bereits auf Knien, mit der Nase im Dreck, in völliger Hilflosigkeit.
Ist das der Todesstoß für Haiti? Wir sagen Nein. Vielleicht ist es eine Chance, eine Renaissance. Vielleicht entspringt dieser Bewährungsprobe eine Kraft, die uns die Augen öffnet, die uns zu erkennen hilft, wer wir sind. Wir haben das Recht, jetzt mit reiner Leidenschaft zu träumen. Und doch brauchen wir auch die Kraft anderer gewiss für lange Zeit.
Aus dem Französischen von Louisa Reichstetter
Kettly Mars, geboren 1958, wurde 2006 mit dem Prix Senghor ausgezeichnet. Ihr Roman »Fado« ist auf Deutsch im Verlag Litradukt Kehl erschienen
- Datum 21.01.2010 - 08:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 21.01.2010 Nr. 04
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