Genuss Käs que c’est

Die deutsche Käsetheke ist die Bühne, auf der sich das Gourmet-Bürgertum selbst inszeniert

Vielleicht empfinden viele jüngere Menschen den Loriotschen Humor darum als so großartig, weil Loriot eine Bürgerlichkeit porträtiert, die mit der heutigen nicht mehr viel gemein hat, jedenfalls äußerlich. Über Loriots Betten- und Anzugkäufer kann man leicht lachen, weil man ja weiß: So verklemmt wie die bin ich nicht und sehe auch nicht so komisch aus. Schriebe Loriot heute noch Sketche (was schön wäre), spräche viel dafür, dass sie in Käsefachgeschäften spielten. Von allen Lebensmitteln des täglichen Gebrauchs hat der Käse in den letzten Jahren den größten gesellschaftlichen Aufstieg hinter sich. Käse war früher das Synonym für »Quatsch«, heute ist er eine Sache, der man sich mit großem Ernst widmet.

Längst sind die Käsetheken im Land der tausend Wurstsorten besser bestückt als Wursttheken. Manufactum eröffnet jährlich in einer Großstadt eine neue Käsetheke, zuletzt kamen die Frankfurter am Main in den Genuss einer solchen – sie erinnert an das neue ZDF-Nachrichtenstudio. Wer eine dieser besseren Käsetheken der Republik aufsucht, wird sich an Dialoge erinnert fühlen, die ihm sonst eher aus Weinhandlungen bekannt waren.

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»Hallo, Frau Mischke, darf es wieder was von dem Morbier sein?« – »Ja, gerne, und das da vorne, ist das der Schichtkäse, den ich letztens hatte?« – »Nein, das ist ein Frischkäse aus Rohmilch von der Käserei Freimaier in der Uckermark, nachhaltige Bewirtschaftung, die Senfkörner geben ihm etwas ganz Eigenes.« – »Schmeckt der sehr intensiv, ich meine, zu senfig?« – »Ganz leicht, er hat ein ganz zartes Bouquet, man isst ihn am besten zu einem Weißbrot, der Senf zieht nur ganz leicht ein, man bemerkt ihn praktisch gar nicht, den Senf.« Bei Loriot würde dies zu einem Streit führen, wozu denn dann überhaupt Senf.

Der Käseladen ist ein Versammlungsort der gebildeten, gut verdienenden Schicht. Hier vergewissert sie sich ihrer selbst. Man kommt vom Käse auf die Soße, den Braten, den Wein, den man gerade probiert habe, und erzählt so beiläufig, wie kultiviert es daheim in der Küche zugeht. Mit etwas Glück hören es Nachbarn und Bekannte. Wer den Käse beherrscht und nicht nur verlegen nach einem Camembert fragt, wer Pouligny Saint-Pierre fehlerfrei aussprechen und erkennen kann, beweist den hinter ihm in der Schlange Wartenden Weltläufigkeit. So wie der Kinokenner die Filme nicht nach Schauspielern, sondern nach Regisseuren sortiert, so sortiert der Käsekenner nicht nach Marken, sondern nach Sorten.

Aus dem aktuellen ZEITmagazin, Nr. 4/2010

Aus dem aktuellen ZEITmagazin, Nr. 4/2010

Der Käseverkäufer ist in manchen Läden zur Käse-Diva herangereift, die weniger käsegebildete Kunden ihre Verachtung spüren lässt, wenn diese »etwas Mildes« zu kaufen wünschen. Dann schaut die Käse-Diva so genervt wie der Barkeeper, wenn er eine Cola ausschenken soll. Es kommt vor, dass Käse-Diven sich weigern, von einem Stück Comté nur die Hälfte zu verkaufen oder Gorgonzola aufzuschneiden, dies sei »wirklich die allerletzte Arbeit«. Dieser Käse kostet 4,90 Euro pro hundert Gramm. Der Pouligny noch mehr.

Der Kunde kauft solchen Käse dennoch, ohne mit den Ohren zu schlackern. Dass der Preis kaum noch eine Rolle spielt in der Käseecke, ist auch daran zu erkennen, dass die jahrzehntelang übliche Frage »Darf’s ein bisschen mehr sein?« nicht mehr gestellt wird. Wenn der Verkäufer überhaupt noch nach der Menge fragt, dann, indem er die Größe des Käsestückes vor dem Schneiden andeutet.

Es ist natürlich zu begrüßen, dass man heute mehr Käsesorten kaufen kann als Edamer und Emmentaler. Einen Käsegeschmack kann man jedoch, ähnlich wie beim Wein, nur entwickeln, wenn man davon reichlich probiert. Und wenn ein Käse schmeckt, dann sollte man sich dessen Namen und Etikett merken und ihn beim nächsten Mal wieder verlangen.

Wer sich aber von dem Fachgesimpel an der Theke allzu sehr beeindrucken lässt, der wird nicht erleuchtet in Käsedingen, dem wird nur ganz dumm im Kopf. Wer den Geschmack erklären will, zerstört den Genuss, wie es den Humor Loriots zerstört, wenn man ihn zu erklären versucht.

 
Leser-Kommentare
  1. Aus der hier dokumentierten intimen Kentnis dieser "Szene" schließe ich, daß der Autor diesen ganzen Käse auch mitmacht Aber dann soll er das das doch für sich behalten, statt sich hier so manieriert zu verquasen.
    Und so was wegen vier Zeilen auch noch mit einem Klick-Umbruch zu versehen ... Noch größerer Käse.
    Wo ist mein Romadur?

  2. in Göttingen habe ich vor ein paar Monaten entdeckt. Leider kann ich nichts davon bestätigen. Entweder liegt es daran, dass es ein französischer Laden ist oder dass Göttingen tatsächlich voller gebildeter Leute ist, die sich wie beschrieben nie unterhalten würden. Es sind immer nur ein oder zwei Peronen darin, die nicht zeigen wollen wie gesellschaftlich gehoben sie sind. Es geht hier vorzugsweise um den Käse, der nämlich um Längen besser schmeckt als jener von der Theke im Supermarkt. Dass man sich ab und zu mit der Verkäuferin unterhält (die nebenbei bemerkt eben nicht so arrogant und genervt daher kommt, sondern immer geduldig probieren und sich fragen lässt) gehört einfach dazu.

  3. es sind meist Damen zwischen 30 und 45.
    Gut gekleidet, sehr höflich, keine Karrierefrauen, eher Frauen von Karrieremännern. Möchten von allem nur ein bisschen haben und von dem was sie nicht kennen, wissen wie es schmeckt und ein mal kurz probieren.
    Von mir aus, aber bitte nicht wenn 5 Leute hinter einem warten! In dieser Schicht wird aber Geduld groß geschrieben. Man ist ja selbst nicht gestresst, Stress ist was für Aufsteiger und die Unterschicht. Man selbst ist arriviert.

  4. herzlichen dank für diesen wunderbaren artikel. ich sage nur "marketing ist alles" oder? um käse zu kaufen, braucht es nicht solche läden wie manufactum. dass der käse unter anderem auch so teuer ist, weil diese läden wahrscheinlich ein miete haben, über die ich gar nicht nachdenken will, darüber machen sich die käufer offenbar überhaupt keine gedanken. für mich immer wieder faszinierend zu sehen, wie es die "schickeria" (denn normalsterbliche können sich diesen käse nicht leisten oder wollen vielleicht auch gar nicht) in solche läden zieht. also ich kaufe meinen käse auf dem markt. und, liebe leser, sie werden es nicht glauben. aber dort gibt es die gleichen käsesorten aber für 15 bis 20 euro das kilo und nicht 50 oder 60 euro. guten appetit

    Eine Leser-Empfehlung
  5. ja danach klassifizieren, welche Stämme bei der homofermentative Milchsäuregärung verantwortlich sind oder welcher biotechnologisch hergestellte Enzymmix verwendet wurde.
    Und auf welchem Weg bei der "Reifung" anschließend das Lactat zu Propionat weitervergoren wurde. Das ist derselbe die selbe Bilanzreaktion wie bei Aknebakterien.

    Eine alternative Klassifizierung wäre auch die Gattung, mit deren Hilfe der Rohstoff, eine apokrines Körpersekret, gewonnen wurde.

    Zu schön wäre es, solche Gespräche laut in einem solchen Schickeria-Laden zu führen. Die Blicke der ´"neuen alternativen Spießbürger" möchte ich sehen.....

    Eine Leser-Empfehlung
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    Mit diesen Kriterien würden Sie den Käseangebot der Diskounter (Deutscher Emmenthaler von Aldi) wirklich gerecht. Sie dürfen jedoch gerne den industriellen Käseersatz auf Ihrer Pizza geniessen. Geschmack ist eben Erfahrungssache, sollen die Schickis doch das Dreifache zahlen, den kleinen Käsereien hilft es zu überleben.

    Mit diesen Kriterien würden Sie den Käseangebot der Diskounter (Deutscher Emmenthaler von Aldi) wirklich gerecht. Sie dürfen jedoch gerne den industriellen Käseersatz auf Ihrer Pizza geniessen. Geschmack ist eben Erfahrungssache, sollen die Schickis doch das Dreifache zahlen, den kleinen Käsereien hilft es zu überleben.

  6. Ich mag vor allem die tolle Überschrift. Davon darfs dann auch gerne "ein bisschen mehr sein". Danke.

    • Yadgar
    • 22.01.2010 um 14:07 Uhr

    'Die Blicke der "neuen alternativen Spießbürger"'

    Was bitte ist denn daran "alternativ"? Alternativ, dabei bleibe ich, sind lange Haare, Zottelbärte, Hollandräder, Citroen 2CVs, Norwegerpullover, selbstverwaltete Betriebe, Landkommunen, Anti-Atom-Demos und Überlandtrips nach Indien (quer durch Afghanistan, versteht sich!)... was sich an den Edelkäsetheken abspielt, ist nicht die Bohne alternativ, sondern Matthias Horx in der Midlife-Crisis - der hasste seit jeher nichts so sehr wie die Banalität und musste sich daher Mitte der 80er Jahre, als sich auch im biederen Vorstadtreihenhausmilieu plötzlich Ansätze von Umweltbewusstsein zeigten, umgehend einen neuen Identitäts-Trip ausdenken: ostentativer Luxus als ultimative Revolte!

  7. Der Artikel ist formidabel. Kaese ist eine Wissenschaft für sich, egal wieviele Sorten einem geboten werden.

    Wir kaufen stets vom gleichen Kaser - u.zw. vom Wochenmarkt-Freiluft-Kaeseladen. Den weissen Kaese, der uns dort nicht nur geboten, sondern mit einer Kostprobe der Begutachtung unterbreitet wird, finden wir in keinem Geschaeft, auch nicht in Spezial-Lebensmittelabteilungen von Kaufhaeusern. Dazu kommen dann noch Lokal-Kaesesorten, zT "Dorfkaese" geheissen, Frischkaesesorten natürlich auch einschl. Quark, ferner Tilsiter bzw. Kaschkaval..etc., flankiert durch exzellente Tafel-Oliven, Dörrfleisch, Pilze und Dorfeier.

    Klar, was sich noch im Wochenmarkt-Rahmen bewegt, kann zum Gipfel der Kaesewissenschaft ausufern, das dann aber anderswo.Dennoch kann nichts die Wonne ersetzen, die man bei der Kaesewahl und Kostprobe beim Kaser am Wochenmarkt empfindet.

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    Diese Ansammlung an Fremdwörtern versteht auch nur ein Biophysiker und damit verzapfen Sie genau den gleichen Käse um den es im Artikel hier geht...

    Ja, Loriot hätte daran seine wahre Freude. Aber Loriot würde sich auch in einem Bio-Laden ala "Basic" gut machen.
    In diesen Läden ist die arrivierte Mittelschicht unter sich (zusammen mit 'nen paar alternden Ökos, die die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt haben), genau so wie beim Auswählen eines neuen Autos der "Premium"-Hersteller.
    Wir haben gar keine Probleme mit sowas wie Elite: wir benehmen uns ja schon wieder elitär! Wir bilden eine Konsum-Elite heraus, die sich distinguiert von Ihren Mitbürgern durch das "richtige" Konsum-Verhalten.

    Diese Ansammlung an Fremdwörtern versteht auch nur ein Biophysiker und damit verzapfen Sie genau den gleichen Käse um den es im Artikel hier geht...

    Ja, Loriot hätte daran seine wahre Freude. Aber Loriot würde sich auch in einem Bio-Laden ala "Basic" gut machen.
    In diesen Läden ist die arrivierte Mittelschicht unter sich (zusammen mit 'nen paar alternden Ökos, die die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt haben), genau so wie beim Auswählen eines neuen Autos der "Premium"-Hersteller.
    Wir haben gar keine Probleme mit sowas wie Elite: wir benehmen uns ja schon wieder elitär! Wir bilden eine Konsum-Elite heraus, die sich distinguiert von Ihren Mitbürgern durch das "richtige" Konsum-Verhalten.

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