ForschungDie jüngsten 13.000 Jahre

Der Universalgelehrte Jared Diamond hat die menschliche Galle erforscht, die Vogelwelt von Papua-Neuguinea – und die großen Linien der Geschichte. von Stefan Klein

Journalist Stefan Klein (links) im Gespräch mit dem Universalgelehrten Jared Diamond (rechts)

Journalist Stefan Klein (links) im Gespräch mit dem Universalgelehrten Jared Diamond (rechts)  |  © Gabor Ekecs

Jared Diamond lebt in einem Flusstal oberhalb von Los Angeles . Alte Pappeln, Eichen und Kamelien umstehen sein Haus. Gerade ist der Forscher von seiner morgendlichen Vogelbeobachtung heimgekehrt und bittet in einen großen Empfangsraum. Ein Flügel beschwört die Atmosphäre einer bürgerlichen Villa herauf, doch aus der Südsee mitgebrachte Masken, Statuen und ein hölzerner Fisch lassen eher an das Heim eines Tropenforschers vergangener Zeiten denken.

Sobald Diamond zu erzählen beginnt, glaubt man sich in den Dschungel von Papua-Neuguinea versetzt. 24 Expeditionen führten ihn dorthin. Aus den Erfahrungen seiner Reisen gingen die Weltbestseller Arm und Reich und Kollaps hervor, in denen er die großen Züge der Weltgeschichte zu erklären versucht. In wenigen Tagen wird der 71-Jährige erneut zu einer mehrwöchigen Feldforschung auf Borneo aufbrechen.

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Stefan Klein: Professor Diamond, Sie haben so viele Berufe ausgeübt: Physiologe, Ornithologe, Geograf, Naturschutzaktivist, Anthropologe, Evolutionsbiologe, Paläontologe, Historiker. Selbst ein Buch »Warum macht Sex Spaß?« haben Sie geschrieben. Was sind Sie eigentlich?

Jared Diamond: In unserer Jugend sind wir alle vielseitig interessiert. Ich habe schon als Kind begonnen, Vögel zu beobachten. Ich liebte aber auch Geschichte, zudem alte und moderne Sprachen, die mir meine Mutter beibrachte, die Lehrerin war. Später sagt man uns ja, dass wir uns spezialisieren müssen, und die meisten Menschen verlieren diese Breite. Ich habe damals Medizin studiert und begann, die inneren Organe zu erforschen. Nach der Doktorarbeit dämmerte mir, dass ich mein Leben fortan der Gallenblase widmen würde. Diese Aussicht erschien mir grausam.

Klein: Und wie sind Sie diesem Schicksal entkommen?

Diamond: Ich fuhr mit einem Freund an den Amazonas . Im Dschungel gab es wenig zu tun. Also beobachteten wir Vögel – und sahen so viele, dass wir nach unserer Rückkehr in die USA gleich zwei Forschungsberichte verfassten.

Klein: Was fasziniert Sie so sehr an Vögeln?

Jared Diamond

Der Universalgelehrte Jared Diamond wurde 1937 in Boston geboren. Er war Professor für Medizin und erforschte die Vogelwelt Neuguineas. Heute lehrt er Geografie in Los Angeles. Seine Bücher sind Weltbestseller

Diamond: Schon als ich mit sieben Jahren den Spatzen vor dem Schlafzimmer meiner Eltern zusah, verspürte ich eine Liebe buchstäblich auf den ersten Blick. Vögel können so mühelos von einem Ort zum anderen gelangen...

Klein: ...die uralte Sehnsucht, selbst fliegen zu können.

Diamond: Ja. Hinzu kommt, dass ich gut sehe und dass ich musikalisch bin. Das hilft, die Arten an ihrem Gesang zu erkennen. In den Urwäldern Neuguineas hören Sie für jeden Vogel, den Sie sehen, Hunderte.

Klein: Warum bereisten Sie später just Neuguinea?

Aus dem aktuellen ZEITmagazin, Nr. 4/2010

Aus dem aktuellen ZEITmagazin, Nr. 4/2010  |  © DIE ZEIT

Diamond: Aus Abenteuerlust. Die Vögel waren anfangs eher der Vorwand für unsere Expeditionen. Ich kam in eine Welt, in der für mich alles neu und wunderbar war. Gleich nach unserer ersten Ankunft übernachteten wir in einem Dorf. Als ich aufwachte, sah ich draußen die Kinder mit Pfeil und Bogen Krieg spielen.

Klein: Sie waren mutig. Viele Völker Neuguineas hatten damals noch keinen Kontakt zu Fremden gehabt, und der Kannibalismus war erst kurz vor Ihrer ersten Reise verboten worden.

Diamond: Ja, im Jahre 1959. Aber ich fürchtete mich nicht, weil ich gedankenlos und leichtsinnig war. Mehrmals gerieten wir in Lebensgefahr – etwa, als wir mit einem Kanu, das von einem Außenborder angetrieben wurde und mit aberwitzigem Tempo fuhr, auf dem offenen Ozean kenterten. 15 Minuten vor Sonnenuntergang rettete uns ein Boot, das zufällig vorbeikam.

Leserkommentare
  1. 1. danke

    etwas mehr zurückhaltung vom interviewer wäre toll gewesen. doch auch so bleibts ein guter text.

    • Chaled
    • 26. Januar 2010 9:33 Uhr

    Vielen Dank an Stefan Klein für das gute Interview.
    Weiter so.

  2. 3. Jepp

    Schönes Interview!

    Osterinsel: Da war doch mal die Studie über die Ureinwohner Australien (Aborigines), welche von ca. 40k Jahren vom Norden aus eingewandert sind. Angefangen haben die "Insel" leerzufressen und niederzubrennen. Das Ergebnis sehen wir heute, die Lebensbedingungen dort haben sich sehr verschlechtert. Wenn diese Studie richtig ist, bestätigt sie die Geschichte der Osterinsel auf erstaunliche weise.

    • Selinho
    • 26. Januar 2010 17:38 Uhr
    4. O.F.?

    Agree: Interesting interview.
    Facinating, versatile man.
    Thanks!
    Question:
    If - per chance - the interview was originally conducted in English, ... is there a way or place to view an original English-language transcript?

  3. Der 3. Schimpanse war für mich eine Offebbarung!
    Allein die Fülle am Fakten ( die ich noch nie vorher irgendwo erwähnt fand ) ist beeindruckend.
    Kenne keinen Wissenschaftsautor, der ähnlich klar und
    nachvollziehbar die wesentlichen Zusammanhänge unseres Daseins niederlegt.

    • R_B
    • 05. Februar 2010 18:20 Uhr
    6. .

    nettes Interview, aber von der Historie hat der Mann keine Ahnung.Kein Wunder das er nach eigener Aussage zu keiner Veranstaltung geschichtswissenschaftlicher Provenienz eingeladen wird...

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