Hundert Millionen Europäer tragen laut einer Studie der EU-Kommission regelmäßig Knöpfe im Ohr, aus denen Geräusche dringen. Angeblich meist Musik, aber 100 Millionen europäische Musikliebhaber – das kann im Ernst niemand glauben. Bestimmt sind die meisten ferngesteuert und empfangen geheime Signale!

Sicher ist immerhin: Aus tragbaren Audiogeräten kommt häufig Krach. Ein Dauerbombardement des Trommelfells mit 120 Dezibel ist nicht selten – so laut ist ein knapp über den Kopf hinwegfliegender Kampfjet. Die EU geht davon aus, dass jeder Zehnte mit Knopf im Ohr sein Gehör schädigt. Es drohen zehn Millionen Schwerhörige. Darum sollen von 2010 an MP3-Player auf 85 Dezibel begrenzt werden – das wäre dann nur noch so laut wie eine bestens frequentierte Hauptverkehrsstraße.

Zwei Problemgruppen gibt es: dumme Junge, die leichtfertig ihr Gehör ruinieren. Und Alte, die dumm dastehen, weil sie kein Rotkehlchen mehr hören können. Für beide Gruppen gibt es jetzt eine technische Lösung aus Japan, den Audio Bone. Dieser "Hörknochen" ist ein Gerät, das Töne nicht wie üblich über die Luft und das Trommelfell an unser Innenohr weiterreicht, sondern via "Knochenleitung" direkt an die Hörschnecke. Ein Trommelfell, das nicht strapaziert wird, nimmt auch keinen Schaden. Und eines, das schon hin ist, kann durch den Audio Bone ersetz werden.

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Dieser Effekt ist schon länger bekannt. Beethoven, als er taub wurde, presste einen Holzstock mit einem Ende an seinen Flügel und klemmte sich das andere zwischen die Zähne. So konnte er ahnen, wie sich anhörte, was er komponierte. Dirigenten nutzen das Prinzip, wenn sie sich auf der Suche nach dem Kammerton eine schwingende Stimmgabel an die Schläfe drücken. Auf den Trick kam übrigens auch Thomas Alva Edison. Der äußerst schwerhörige Erfinder des Grammophons biss einst in die Platte des Tisches, auf dem das Gerät stand – und hörte!

Ende der siebziger Jahre liefen in den USA Leute herum, die einen einen monströsen Schal trugen. Darin verborgen war eine Art portable Stereoanlage zum Überallempfang von Radioprogrammen, in der Luxusversion sogar mit Kassettenrekorder. Schall übertrug der Schal via Schulter- und Brustknochen. Dieses "Bone Fone" war eins der aufsehenerregenden Produkte Joseph Sugarmans, des ersten Elektroversandhändlers überhaupt.

Doch das Ding hatte Nachteile: Es war über 70 Dollar teuer, und die Batterien machten es sauschwer. Die Erfindung des Walkmans gab ihm schließlich den Rest. In Japan bietet Sanyo ein Handy namens new bone fone an, das man zum Hören an die Stirn hält. Das sieht bescheuert aus, aber in lärmiger Umgebung mag es helfen.

Der für den Musikkonsum gedachte "Hörknochen" des japanischen Knochenleitungs-Spezialisten Goldendance ist vergleichsweise elegant. Von hinten legt man sich einen gebogenen Bügel um den Hals und über die Ohrmuscheln. Die kleidsamen Lautsprecher drücken direkt vor dem Ohr auf den Kieferknochen. Doch wer voreilig seinen iPod einstöpselt, wird enttäuscht: In weiter Ferne und kaum hörbar slidet Ry Cooders Gitarre vorbei.