Roman von Alissa Walser Was fließt denn da?Seite 2/2
Die zentrale Frage aber ist: Was passiert zwischen Resi, der virtuosen »Klavieristin«, und dem unorthodoxen Arzt? In heutige Terminologie übersetzt: Die Wiener Bürgerstochter absolviert eine Vorform der Psychoanalyse mit extremer Gegenübertragung seitens des Arztes. Die Anrüchigkeit der Beziehung macht zugleich ihren Reiz aus: Schon Mesmers Fantasie, dass Resis Augen als Erstes ihn – ihn und niemand anderen – erblicken sollen! Nach wenigen Wochen einer talking cure haben sich Resis wüste, harte Augen normalisiert, und »es« soll geschehen. Er nimmt die Augenbinde ab, Pause, dann lacht sie sich erst einmal schief über seine Nase.
Das weit größere Malheur: Mit dem zurückgewonnenen Augenlicht werden ihre Finger unsicher. Mesmer: Nun müsse sie trainieren, bis sie beides könne, spielen und sehen. Am Ende werde sie mit offenen Augen Mozart spielen; das ist sein Traum – der sich nicht erfüllt. Leibarzt Störck und Konsorten machen dem Heilerfolg einen Strich durch die Rechnung mit ihren Verleumdungen. Die Behandlung wird abgebrochen, Resi gegen ihren Willen von Mesmer entfernt. Ein Jahr später, als sie längst wieder vollständig erblindet ist und erneut genial musiziert, schreibt sie ihm in Gedanken einen Brief voller Dankbarkeit. »Heute sei ihr klar geworden«, formuliert sie, »dass die Möglichkeit, alles sagen zu können, es unnötig mache, alles zu sagen.«
Es läuten die Glocken der weiblichen, artistischen Emanzipation, der Befreiung von Väter-Fesseln. Wie apart, dass Alissa Walsers Romanheld vom Alter Ego »Meßmer« ihres eigenen Vaters, des Schriftstellers Martin Walser, auch er ein Alemanne wie Doktor Mesmer, lautlich nicht zu unterscheiden ist. Das neben der Musik wichtigste Leitmotiv darf nicht unterschlagen sein: die Tiere. Neben Tauben, Raben, Pferden und Blutegeln spielt die Hauptrolle ein schwarzer Hund. Mesmers Hund, ein Zugelaufener. Mit seiner nassen, sicheren Schnauze ist er mehr als ein Medium, er könnte der lebende Beweis des magnetischen Fluidums sein, wenn es dieses denn gäbe.
Als Mesmer und Resi einander 1884 in Paris noch einmal begegnen, läuft auch der Hund durchs Bild: »Mon Dieu! Le Diable!« Kein Pudel, aber ein Teufel doch. Er wisse alles über sie, sagt Resi einmal. Im Unterschied zu Mesmer, wie wir am Ende einsehen müssen.
- Datum 21.01.2010 - 14:43 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 21.01.2010 Nr. 04
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren