Es gibt literarische Debüts, die dem Klavierspiel eines jungen Pianisten ähneln, der ein paar Etüden absolviert und wartet, ob sich aus der Reaktion des Publikums eine Ermunterung zum Weitermachen ergibt. Solche Debüts, meist etwas unterkomplexe autobiografische Romane, hat es in den vergangenen zwanzig Jahren in der deutschen Literatur in Mengen gegeben. Mehr, als die Welt im Grunde braucht.

Und es gibt literarische Debüts, bei denen ein Anfänger aus dem Stand heraus voll in die Tasten haut. Dies ist bei dem Roman Axolotl Roadkill von Helene Hegemann der Fall. Da setzt sich eine so abgeklärte wie überhitzte, mit einem Übermaß an Energie und an Empfindsamkeit ausgestattete sehr junge Frau ans Instrument, und was dann durch den Raum saust, ist nicht Etüdenliteratur, sondern eine schrille Sinfonie. Ein Kugelblitz in Prosaform und Prosasprache. Etwas nervtötend, was den Fickundkotz-Jargon und den nicht minder gewollten Theoriejargon der »heterosexuellen Matrix« und Ähnliches betrifft. Aber packend im disharmonischen Gesamtklang, einer Mischung aus schwärzester Verzweiflung und spinnerter Vergnügung. Was man heraushört, ist weniger die Stimme irgendeiner Generation als vielmehr das Grundgeräusch unserer Gegenwart.

Helene Hegemann, die fünf Minuten nach unserer Begrüßung duzt, bei der ersten gemeinsam auf der Straße gerauchten Zigarette loserzählt, in Turnschuhen und indianerhaften Schichten von Wollschals und Wollcapes durch den Berliner Schnee stapft, hat erst siebzehn Lebensjahre hinter sich. In diesen hat sie aber intensiver zugehört, eindringlicher zugeschaut als andere in der dreifachen Zeit. Sie war wohl auch mehr darauf angewiesen, den Innendruck der Tagträume und Denkmühlen auszugleichen mit Bildern, Szenen, Stimmen von außen. Sie habe, erzählt sie, als sie, aus der Wollverhüllung ausgepackt, im Café sitzt, früher »wahnsinnig viel Fernsehen geguckt«. Als sie mit dreizehn, nach dem Tod der Mutter, von Bochum nach Berlin umzog, ging sie »irre viel ins Theater, fünfmal die Woche«, und Stunden um Stunden ins Kino. Die Schule hat sie mit der mittleren Reife abgebrochen. Mit fünfzehn verfasste sie ihr erstes Theaterstück, Ariel 15, mit sechzehn schrieb und drehte sie ihren ersten Film, Torpedo, auch ein Debüterfolg aus dem Stand heraus. Torpedo wurde mit dem Max Ophüls Preis für mittellange Filme ausgezeichnet und kam im Frühjahr 2009 ins Kino.

Sie redet, wie regelmäßig erwähnt wird, wenn es um das Phänomen Helene Hegemann geht, tatsächlich ohne Punkt und Komma. Und bremst augenblicklich ab, wenn vom Gegenüber ein Gedanke ins Gespräch kommt, den sie »vor vier Wochen genauso mal gedacht hat«, beispielsweise der, dass sie, die Tochter des bekannten Theaterdramaturgen Carl Hegemann, eine typische Vatertochter ist, in geistiger Hinsicht. Sie fragt sofort hinterher. Die Schriftstellerin Marguerite Yourcenar? Auch so eine Vatertochter? Genauso wie Françoise Sagan? Stimmt. Die lebte auch mit dem Vater, schrieb auch so jung ihren ersten Roman, Bonjour Tristesse, irgendwann mal gelesen. »Und was«, fragt Helene Hegemann ein paar Sätze später, »sind deine Lieblingssendungen auf RTL?«

Bevor sich der erwartbare Kult um Helene Hegemann entrollt, sich das Publikum (was ebenfalls erwartbar ist) in zwei Fraktionen spaltet, eine, die vor der bösen Radikalität, der expressiven Sprachpotenz dieses Romans in die Knie geht und an Lautréamonts Gesänge des Maldoror denkt, und eine, die hier lediglich das Klischee pseudojugendlicher Wildheitsschreiberei und Tabubrecherei à la Charlotte Roche bedient sieht, sollte man zweierlei festhalten. Erstens: So ein Debüt gibt es wirklich selten. Zweitens: Beide Positionen haben recht. Ebendies macht das Buch interessant, macht seine Doppelbödigkeit aus.

Denn Axolotl Roadkill ist sowohl hemmungslose, halluzinatorische Entladung eines traumatisierten Bewusstseins. Als auch dessen kalkulierte, ziemlich komische Parodie mit postmodernem Beigeschmack. »O.K., die Nacht, wieder mal so ein Ringen mit dem Tod, die Fetzen angstgequälten Schlafes…« So beginnt der Roman, der gleichsam Original und Kopie in einem ist und den Leser durchweg anschielt. Der sieht in Mifti, so heißt die sechzehnjährige Ich-Erzählerin, eine geschundene Kreatur. Und eine Profiteurin des Erfahrungskapitals der eigenen Leidensgeschichte. Beides, Ohnmacht und Strategie, verkörpert im Übrigen auch die weibliche Hauptfigur in Torpedo. Im Film heißt das Mädchen, um das es nun als Mifti im Roman geht, Mia. Sie haben, äußerlich, die gleiche Biografie wie die Autorin. Dass Mifti kein Abbild ihrer realen Person sei, ergebe sich, sagt Helene Hegemann, doch eigentlich von selbst. Denn entweder irrt man so kaputt, desorientiert und anfällig durch die Welt wie ihre Protagonistin. Oder man besitzt die ziemlich erwachsene Disziplin, innerhalb eines Jahres einen Roman von 200 Seiten zu schreiben, nebenher bei Festivals aufzutreten und bei einem Kurzfilm der Regisseurin Nicolette Krebitz mitzumachen. In deren Beitrag für das Gruppenprojekt Deutschland 09 spielt Helene Hegemann einen Teenager namens Helene, welcher amüsiert und desillusioniert der fiktiven Begegnung Susan Sontags mit Ulrike Meinhof beiwohnt. Helene Hegemanns siebzehnjähriges Leben ist ein volles Künstlerprogramm.