Debütroman von Helene Hegemann Literarischer KugelblitzSeite 2/2

Mifti führt in den chaotischen Familienverhältnissen einer chaotischen WG am Prenzlauer Berg ein chaotisches Jugendbohemeleben, durchwandert sämtliche seelischen Höllenkreise, verdrängt so gewaltsam, wie nur manisches Erinnern es erzwingt, den Tod der Mutter, einer Alkoholikerin, die vor den Augen der Tochter starb, als diese dreizehn war. Mifti ging nach Berlin zu ihrem Vater, einem kulturschaffenden Intellektuellen, mauserte sich von der Schulschwänzerin zur Schulabbrecherin, ist nun, in der Erzählzeit des Romans, eher nachts als tags anzutreffen, lernt ständig irgendwelche Menschen kennen, hängt ständig über irgendwelchen Abgründen und Kloschüsseln, ist überschlau, aggressiv und destruktiv, ein Nervenzusammenbruch auf zwei Beinen. Mifti ist gegen alles, was ins Blickfeld kommt, »das allgemeine Dahinschimmeln«, und hat keine Ahnung, was sich als Fluchtpunkt dieses Dagegenseins eigentlich anbieten könnte. Der Vater liberal und in freundschaftlicher Halbnähe besorgt. Das Kulturmilieu avantgardistisch, hedonistisch, offen für Neurosen aller Art. Und davon hat Mifti reichlich zu bieten.

Sie ertrinkt geradezu im Wahn. Im Koksnebel, in der akustischen Behämmerung Berliner Clubs. In einer verkorksten Liebesbeziehung zu einer älteren Frau. Im Liebeshass zu Geschwistern, die die WG, samt Zufallspersonal und einer Haushälterin, bevölkern. Mifti ertrinkt in der passagenweise meisterhaft beschriebenen Surrealität ihrer Wahrnehmung. Wo Mifti hinsieht, ist verzerrte, hysterische, infernalische Welt. Dies aber ist nur die halbe Mifti. Ihre andere, putzmuntere, jede Erscheinung schlagfertig und elaboriert benennende, zu Dauerbonmots – »Ich bin kein Verbrecher, ich sehe nur im Moment schlecht aus« – aufgelegte Hälfte schaut dem Inferno eher cool und ironisch zu und organisiert das Material, mit dem eine fetzige Mifti-Geschichte geschmacklich auszustatten ist: harte Drogen, hartes Jugendgerede, harter Sex, harte Kindheit, harte Clubs.

»Die überdimensionale Neutralität der Situation interessiert mich nicht, der lieblos an der Zimmerdecke festgeklebte Diskokugelwolfskopf interessiert mich nicht und dieser sich aus allen Himmelsrichtungen auf die Heftigkeit meines Pulsschlags auswirkende Beat interessiert mich nicht, obwohl mein Blutdruck kurz davor ist, irgendein für die Eigenversorgung des Lungengewebes zuständiges Gefäß zerplatzen zu lassen.« In der rhetorischen Abräumbewegung tendiert Axolotl Roadkill zur apokalyptischen Rede, im literarischen Gestus zur Albernheit, beides erinnert an Feridun Zaimoglus manieristischen Schmähroman German Amok. Mifti schreit ihren Schmerz heraus. Und kichert sich weg, wenn sie sich dabei betrachtet. Sie hat mehr erlebt, als sich ohne Selbstparodie und Selbstdistanz verkraften lässt. Das ist der Kern dieses Debütromans.

Axolotl Roadkill ist kein Entwicklungsroman im üblichen Sinn, er besteht nicht aus fortlaufender Handlung, sondern aus gereihten Szenen. Man merkt, dass Helene Hegemann vom Film und vom Theater kommt. Der plötzliche Situationsentwurf ist ihre Stärke. Ein Höhepunkt szenischen Irrwitzes ist Miftis Besuch einer Hochzeit überzeugter Antispießer gegen Ende des Romans. Zu diesem Zeitpunkt führt sie den titelgebenden Axolotl in einer mit Wasser gefüllten Plastiktüte mit sich. Es handelt sich dabei um einen nachtaktiven mexikanischen Schwanzlurch, dessen Spezialität es ist, das Larvenstadium nicht zu verlassen und nicht zu altern. Für solche Ideen verzeiht man dem Roman einiges.

Auf das notorische Etikett »Wunderkind« würde Helene Hegemann gern verzichten, sie will überhaupt nicht klassifiziert werden, auch nicht als verspätetes Fräuleinwunder. Das ist sie wahrlich nicht. Ihr ungestümer literarischer Auftritt spielt sich vielmehr auf der Bühne einer männlichen, in der deutschen Kulturgeschichte seit je idealisierten Künstlertypologie ab: der des früh gereiften, genialischen, gegebenenfalls etwas wahnsinnigen jungen Mannes. Von Lenz und Büchner bis zum jungen Handke, der die Gruppe 47 aufmischt, zum jungen Grünbein, zum jungen Kehlmann reicht die Reihe der jähen Künstlerjünglinge. Es hat auch erfolgreiche junge Schriftstellerinnen gegeben. Aber ihre Wirkung war eher musisch als provokant. »Ja, könnte stimmen«, sagt Helene Hegemann ein bisschen darüber verlegen, so bombastisch eingereiht zu werden. Aber so war es gar nicht gemeint. Sondern als Kennzeichen ihrer speziellen Geschichte.

 
Leser-Kommentare
    • yokito
    • 23.01.2010 um 6:32 Uhr

    sollte endlich eingestellt werden!

  1. [...]
    [entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Beleidigungen. Danke, die Redaktion/vv]
    und die pseudointellektuelle Hornbrillen-Kultur Berlins (was sie allerdings selbst nicht satirisch-kritisch anmerkt, sondern plakativ uns selbst vorführt). Sollte uns das interessieren, sollte uns ein weiterer Fall von menschlicher Ziellosigkeit in der Dekadenz dieses kapitalistischen Systems noch weiter echauffieren? trinken wir lieber Tee und nutzen unseren Tag effektiver als mit der Lektüre dieses "Wunderkinds"...

  2. 3. ?

    superintelligente Kommentare. Herzlichen Glückwunsch!

  3. Schlimmer als Berlin ist ja eigentlich nur noch Möchtegern-Genie-und-Wahnsinn-Berlin. Junge Frau, wären Sie mal lieber in Bochum geblieben!

  4. Es ist schon erstaunlich, wie aufgrund eines Artikels und aufgrund einiger unverrückbarer Tatsachen (z.B., dass jemand in Berlin lebt) und vor allem aufgrund von Vorurteilen und Klischees und vor allem anderen aufgrund von schlichtem und unverhohlenem Neid ein schnelles Urteil gefällt wird.
    Das Buch kennt man nicht, aber da ist jemand 17 und noch dazu jung (haha!), das reicht. Das kann nichts sein... oder doch: nur ein Hype.

    Spricht alles für sich, bestimmt nicht gegen die ZEIT und auch nicht gegen die Autorin.

    • DJ
    • 25.01.2010 um 16:14 Uhr

    Die Stimme als Grundgeräusch der Generation. Würde es gehört ohne den Verstärkerfaktor Vater? Prominentenbonus innerhalb der Literatur.

    Mehr, als die Welt im Grunde braucht?

  5. Egal, wo man liest, in allen Artikeln erfährt man sehr viel über Frau Hegemann und sehr wenig über das Buch. Schade

  6. Ein Beispiel erbärmlicher Un-Literatur, der nur durch eine noch erbärmlichere Literatur-Un-Kritik übertroffen wird. Das ist keine Geschmacks-Frage, sondern eine minimaler Urteilskraft. Wie peinlich für die ZEIT! Da es sich bei diesem hohlen Gehype um keinen Einzelfall handelt - s. Ursula März, Nina Apin, Mara Delius, Julia Schafferhofer - vermute ich ein serielles Phänomen der Kompensation unerfüllter, heimlicher Jugendträume.Ich wünschte, es meldete sich dazu eine weitsichtigere Stimme - vielleicht wie die Sigrid Löfflers zu Wort - aber die hat gewiß Sinnvolleres zu tun.

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