Joachim GauckEine Freiheitslehre

Joachim Gauck hat seine Erinnerungen geschrieben von Alexander Cammann

Joachim Gauck, geboren 1940, feiert am 24. Januar seinen 70. Geburtstag. Er war Pfarrer und von 1990 bis 2000 Bundesbeauftragter für die Unterlagen des DDR-Staatssicherheitsdienstes

Joachim Gauck, geboren 1940, feiert am 24. Januar seinen 70. Geburtstag. Er war Pfarrer und von 1990 bis 2000 Bundesbeauftragter für die Unterlagen des DDR-Staatssicherheitsdienstes  |  © Boris Streubel/Bongarts

Revolutionen in Deutschland spülen stets eine neue soziale Figur überraschend nach vorne. War es 1848 der politische Professor und 1918 der Soldat, so tauchte 1989 in der DDR plötzlich der politische Pfarrer in der umkämpften Szenerie auf. Und wie der Paulskirchenprofessor war der Pfarrer zwar Träger einer revolutionären Bewegung, doch ebenso rasch wie jener wurde er mit Spott, Verachtung, ja Hass überzogen – nicht nur von den gestürzten Eliten des Ancien Régime. Vor allem jene Mitläufer der Diktatur machten sich über ihn lustig, die sich zuvor um Freiheit nicht geschert hatten.

Und vermeintliche Politprofis aus Westdeutschland mokierten sich über die Prediger als Laienspieler in Parlamenten und Kabinetten. Rainer Eppelmann, Martin Gutzeit und Markus Meckel waren die prominentesten unter den belächelten evangelischen Pfarrern; rasch jedoch verschwanden diese demokratischen Aktivisten aus dem Scheinwerferlicht. Joachim Gauck hingegen, der kommenden Sonntag seinen 70. Geburtstag feiert, blieb dort. Er wurde zu einer prägenden Gestalt der deutschen Politik, ohne sich je in den heißen Zonen der Macht aufzuhalten. Manch einer hat ihn sich zu Recht als idealen Bundespräsidenten vorstellen können; die zaghafte Kanzlerin wollte stattdessen lieber einen Ex-IWF-Chef.

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Wer ist dieser Rostocker Pfarrer, den die Deutschen als einstigen Herrn über die Aktenberge des Ministeriums für Staatssicherheit kennen? Zehn Jahre lang, von 1990 bis 2000, war Joachim Gauck Bundesbeauftragter für die Unterlagen des MfS und als solcher die personifizierte Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Nie hätte er 1989 gedacht, bekennt Gauck in seinen Memoiren, dass ausgerechnet er seine Energien auf die schmutzige Hinterlassenschaft der SED-Diktatur verwenden würde.

Deutschland ist mit der Wiedervereinigung nördlicher und protestantischer geworden, was Angela Merkel und der Mecklenburger Joachim Gauck beweisen. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er in Wustrow auf der Halbinsel Fischland, unweit von Ahrenshoop: eine Kindheit in idyllischer Landschaft zwischen Ostsee und Bodden. Doch Gauck erlebt bald die Urszene. Dem elfjährigen Joachim eröffnet die Mutter an einem Junitag 1951: »Sie haben Vater abgeholt.« Vier Jahre wird die Familie nicht wissen, ob der Vater noch lebt. Als er 1955 aus Sibirien zurückkehrt, sieht der Sohn einen hageren, fremden Mann fast ohne Zähne. Gebrochen war sein Vater aber nicht; wer den Gulag überlebt hatte, dem konnte die DDR nichts mehr anhaben. Kompromisse mit dem System gab es in der Familie schon vorher nicht; der freche und faule Sohn Joachim macht in der Schule kein Hehl aus seiner politischen Haltung.

Gesamtdeutsch war diese DDR-Welt der fünfziger Jahre ohnehin: Selbstverständlich reist der junge Joachim vor dem Mauerbau 1961 durch die Bundesrepublik, ist 1955 gar für einen Tag in Paris, vergnügt sich der Rostocker Theologiestudent mit Kommilitonen in West-Berlin, liest Sartre und Camus – und kehrt trotz der Flüchtlinge um ihn herum in seine Heimat zurück, nicht zuletzt aus innerer Verpflichtung. Als Pfarrer in Mecklenburg geht er selbstbewusst eigene Wege. Zwanzig Jahre lang missioniert der charismatische Gauck erfolgreich in seiner Gemeinde im Plattenbauviertel Rostock-Evershagen, vom MfS permanent überwacht. Dass Helmut Schmidt beim Rostocker Kirchentag 1988 in der Marienkirche reden darf, verdankt sich auch Gaucks Hartnäckigkeit; den Exkanzler empfängt stürmischer Beifall, anders als 1981 im vom MfS abgeriegelten Güstrow.

Offenherzig geht Gauck mit den Spuren um, die die Diktatur auch bei ihm hinterlässt. Drei seiner vier Kinder reisen in den Westen aus; es gibt Enttäuschungen, weil er sich eher für andere als für sie einsetzt. Wut steigt auf, wenn man liest, wie das MfS Ulrike aus der Jungen Gemeinde auf ihn ansetzen will, was zum Glück mit Gaucks Hilfe misslingt.

Leserkommentare
  1. 1. DANKE

    Danke, Herr Gauck: danke aber auch besonders DEM, der Ihnen die Kraft und den Mut gegeben hat.

    • Magdag
    • 24. Januar 2010 13:00 Uhr

    Einen so deutschen Helden, der Akten verwaltet und das für revolutionär hält, kann man lange suchen.

    Und dann einer, der sich auch noch der durchaus korrekten neuen Haltung befleißigt und in den entsprechenden Gremien den Kapitalismus verteidigt. Anpasserisch oder bar jeden revolutionären Impetus'.

    Wieso Deutschland dadurch besser wird, erschließt sich mir nicht.

    Mit Pfarrer Gauck ist das Bündnis zwischen der Macht und der Kirche wieder in die richtige Schiene gesprungen.
    Nicht mehr und nicht weniger.

  2. Ich habe mich noch nicht mit dem Lebenslauf von Herrn Gauck auseinandergesetzt. Aber vorab frage ich mich, ob ein 70jähriger Kandidat wirklich der geeignete Mann für dieses Amt ist. Ich bin fast gleichaltrig. Ich würde mich vor Übernahme eines solchen Amtes allerdings fragen, ob ich dieses bis zum Ende der Amtszeit wirklich ohne Einschränkung ausüben könnte. Wir hatten ja schon mal einen Präsidenten, der da so gewisse Probleme hatte.

    Zum Kandidaten der Koalition möchte ich nur anmerken, dass Frau Merkel mit ihrem Vorschlag Wulff, soltte er denn gewählt werden, einen persönlichen Konkurrenten für den Kanzlerposten ausgeschaltet hätte.

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  • Schlagworte Joachim Gauck | Angela Merkel | DDR | Diktatur | Gulag | Kirchentag
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