Joachim Gauck Eine FreiheitslehreSeite 2/2

Zum Dissidenten stilisiert sich Gauck dabei nicht; vielmehr schildert er psychologisch präzise die zwangsläufigen Mechanismen eines oppositionell-regimefernen Alltags in der DDR, geschützt durch eine Institution wie die evangelische Kirche: »Wir waren provinziell geworden, obwohl wir Westbücher lasen, Westmusik hörten und Westkleidung trugen.« Der Herbst 1989 trägt Gauck in die Politik; er wird dank seiner rhetorischen und integrativen Fähigkeiten zu einer führenden Figur des Neuen Forums, später dann in der frei gewählten Volkskammer. Ihm kommen die Tränen, als er am 18. März 1990 zum ersten Mal frei wählen darf.

 

Joachim Gaucks anschauliche Memoiren wird man nicht zur bedeutenden Erinnerungsliteratur deutscher Sprache rechnen können. Zu sprunghaft verläuft seine Erzählung, zu ungeformt bleibt der reichhaltige Stoff seines Lebens. Der Seelsorger und Erzieher zur Mündigkeit siegt oft über den Autobiografen. Doch für all jene, die wissen wollen, wie demokratische Gesinnung in der Diktatur überwinterte, hat er ein lehrreiches Buch verfasst. Wer immer noch rätselt, was für eine Gesellschaft die DDR war, der kann es hier nachlesen. Der Genremaler Gauck mag kompositorische Schwächen haben – dem gleichniserprobten Theologen aber gelingen bewegende Szenen.

Die einfachen Wahrheiten sagen einem oft Außenstehende. So hat der britische Historiker Timothy Garton Ash kürzlich das Ergebnis der umstrittenen deutschen Aufarbeitungspolitik seit 1989 in einem einzigen weisen Satz zusammengefasst: »Deutschland ist dadurch ein besseres Land geworden.« Daran hat Joachim Gauck beträchtlichen Anteil. Insofern sind seine Erinnerungen eine Art Freiheitslehre; seine Selbstauskünfte berichten vom Erlernen des aufrechten Ganges – und davon, warum sich die Mühe lohnt. Dabei steht Gaucks Geschichte eines politischen Pfarrers zugleich noch für etwas anderes: Er hat durch sein Wirken der nicht immer ruhmvollen Geschichte des deutschen Protestantismus ein mehr als bloß achtbares Kapitel hinzugefügt.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. DANKE

    Danke, Herr Gauck: danke aber auch besonders DEM, der Ihnen die Kraft und den Mut gegeben hat.

    • Magdag
    • 24.01.2010 um 13:00 Uhr

    Einen so deutschen Helden, der Akten verwaltet und das für revolutionär hält, kann man lange suchen.

    Und dann einer, der sich auch noch der durchaus korrekten neuen Haltung befleißigt und in den entsprechenden Gremien den Kapitalismus verteidigt. Anpasserisch oder bar jeden revolutionären Impetus'.

    Wieso Deutschland dadurch besser wird, erschließt sich mir nicht.

    Mit Pfarrer Gauck ist das Bündnis zwischen der Macht und der Kirche wieder in die richtige Schiene gesprungen.
    Nicht mehr und nicht weniger.

  2. Ich habe mich noch nicht mit dem Lebenslauf von Herrn Gauck auseinandergesetzt. Aber vorab frage ich mich, ob ein 70jähriger Kandidat wirklich der geeignete Mann für dieses Amt ist. Ich bin fast gleichaltrig. Ich würde mich vor Übernahme eines solchen Amtes allerdings fragen, ob ich dieses bis zum Ende der Amtszeit wirklich ohne Einschränkung ausüben könnte. Wir hatten ja schon mal einen Präsidenten, der da so gewisse Probleme hatte.

    Zum Kandidaten der Koalition möchte ich nur anmerken, dass Frau Merkel mit ihrem Vorschlag Wulff, soltte er denn gewählt werden, einen persönlichen Konkurrenten für den Kanzlerposten ausgeschaltet hätte.

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