Alle musikalischen Entwicklungsstufen des genialen Trompeters (hier eine Aufnahme von 1955) sind nun für die Ewigkeit konserviert © Express Newspapers/Getty Images

Das Objekt der Begierde ist ein solider Klotz, fest und mehrere Kilogramm schwer: Miles Davis The Complete Columbia Album Collection. Aus dem Inneren der Schatulle blicken einem die Original-Cover aller 51 Alben entgegen, die Davis zwischen 1956 und 1985 für Columbia aufgenommen hat. Ein Schatz, auf CD-Format geschrumpft, inklusive aller Kommentare, die – Wunder der Drucktechnik – mit einer Lupe tatsächlich zu lesen sind. Von den kanonischen Aufnahmen fehlt nur The Birth of The Cool, jenes Nonett, das der 22 Jahre alte Davis im Jahr 1948 als heruntergekühltes Gegenmodell zu den Virtuosenschlachten des Bebop entwarf. Für Sammler ist das ein Fest. Und für Miles Davis? Ein Tritt.

Miles Davis kannte diese vornehme Art der Tritte, die sich als Ehrung verkleiden. Als er einmal zu einem Empfang für verdiente Künstler bei Präsident Bush, dem Älteren, geladen war und die Präsidentengattin ihn so arglos wie ignorant fragte, mit wem sie es zu tun habe, konterte er mit einer feinen Tirade: »Ich habe die Musik unseres Jahrhunderts mehrere Male revolutioniert. Und welches Verdienst haben Sie, außer dass Sie weiß und die Frau des Präsidenten sind?« Ob die Geschichte stimmt? Egal – sie passt. Denn sie erzählt davon, wie sehr Revolution und Repräsentation sich bei Miles Davis ausschließen.

Mit der neuen 70-CD-Prachtbox kauft der Fan den ganzen Miles. Alle Häutungen und musikalischen Stationen sind bestens dokumentiert, in der chronologischen Schneise durch das üppige Material zeigt sich ein regelmäßiges Muster vom Entstehen neuer Ideen, meist im Umfeld einer Studioproduktion, ihrer Variation und Verfeinerung und dem schließlichen Nachlassen der Spannkraft, das noch eine Weile durch das ein oder andere Live-Album in Grenzen gehalten wird. Bis eine andere Leitidee die Spannung wieder erhöht. Und Ideen gab es reichlich: Die Feier der Melodie mit all ihren Bruchlinien und Schrunden in Davis’ Orchesterarbeit mit Gil Evans. Die Übertragung dieses Konzepts auf das Comboformat im modalen Jazz. Das Beharren darauf, die Strukturen des konventionellen Jazz bis ins experimentelle Extrem auszutesten, während ringsumher der Free Jazz zu einem vorherrschenden Thema wird. Das Interesse, mit Gitarren und elektrisch verstärkten Instrumenten neue Klangwelten zu erschließen. Die Reduktion der Melodie, ihre zunehmende Verkürzung, bis kaum mehr übrig ist als Schreie, Soundwolken, Satzzeichen in der kollektiven écriture automatique seiner wie in Trance entfesselt groovenden Bands. Schließlich, nach der fünf Jahre langen Pause, der Neubeginn mit einer Band, die vom Pop herkommt und der Davis seine Begriffe von Freiheit erst noch beibringen muss.

Aber wird all das, auf 70 CDs zusammengefasst, einem Musiker gerecht, dem es um nichts weniger ging als darum, ein Klassiker zu werden?

Miles Davis wollte Respekt. Am Anfang seiner Karriere wollte er den Respekt der Musiker, der Helden des Bebop. Hippe Dachse, die nicht nur musikalisch auf der Höhe waren, sondern genau wussten, wie sie sich bewegten und kleideten. Dass Dexter Gordon dem Jüngling aus St. Louis erklären musste, wie er sich zu kleiden habe, um hip zu sein, das sollte ihm im Leben nicht mehr passieren. Spieltechnisch konnte Davis bald mit ihnen mithalten, ziemlich schnell gelang es ihm, durch den weitgehenden Verzicht auf das virtuose Verzierungswerk und ein raffiniertes Spiel mit Verzögerungen, plötzlichen Zeitverschiebungen und dem verhauchenden Nachhall, den vertrauten Standardthemen neues Leben einzublasen. Aber ihm ging es um mehr – um Offenheit und Wandlungsfähigkeit.

Eine andere Art von Respekt war für Davis, sich bestimmte Dinge leisten zu können. Mercedes, Ferrari, Maserati – die Straßenheiligtümer einer Gesellschaft, in der Hautfarbe manchmal schärfer trennt als Klasse, angeeignet und stolz zur Schau gestellt. »Es bedeutet für uns Schwarze viel mehr, arm oder reich zu sein«, sagte Davis, der als Sohn eines wohlhabenden Zahnarztes wusste, wovon er sprach. »Alles Geld dieser Welt kann uns nicht weiß waschen, aber es gibt uns Macht in die Hand.« Reichtum ist Status, und Status ist Macht. Und Macht schützt den Verletzlichen.