Wer mit der S-Bahn nach Dachau reist, den begrüßen Adolf Hölzel und Fritz von Uhde. Gewaltig große Reproduktionen der beiden Künstler hängen gleich am Bahnhof und erinnern an die glanzvolle Zeit der Dachauer Künstlerkolonie. Doch die Tagestouristen haben anderes im Sinn: Sie studieren Orts- und Fahrpläne und suchen den Bus, der sie zum KZ-Gelände bringt. Kein Mensch denkt bei Dachau zuerst an Kunst.

Kaum jemand weiß, dass die Wittelsbacher dort ein Renaissanceschloss hatten errichten lassen, dessen Westflügel schon im 19. Jahrhundert eine der bedeutendsten Sammlungen deutscher Landschaftsmalerei beherbergte. Zur Überraschung der Einheimischen waren damals hin und wieder Menschen mit Zeichenblöcken in und um Dachau aufgetaucht. Sie standen auf Hügeln und an Flüssen und blickten in dieses "ernste und ernst stimmende Land", in dem, so der Kritiker Arthur Rößler, "der Ton vorherrscht, nicht die Farbe".

Christian Morgenstern, der Großvater des Dichters, war einer der Ersten. Schon 1827 hatte ihm sein Lehrer Siegfried Bendixen geraten, er solle die Landschaft nicht im Atelier nach Bildern im Kopf, sondern draußen "nach der Natur" malen. Morgenstern folgte dem Rat nur halb. Im Freien skizzierte und zeichnete er, etwa das Bauernhaus bei Etzenhausen , während er seine biedermeierlichen Genrebilder wie Mondnacht in Partenkirchen im Atelier ausarbeitete. Wie konventionell sieht diese Mondnacht heute aus! Und wie bewegt und "farbig" in ihren Licht-Schatten-Effekten dagegen die im freien gemalten Bäume und Sträucher um das Etzenhausener Bauernhaus.

Morgenstern reiste 1851 mit seinen Freunden Carl Spitzweg und Eduard Schleich d. Ä. nach Paris, wo sie die Werke der Pleinair-Maler von Barbizon kennenlernten. In einer Zeit, in der routinierte Porträt- und Historienmaler viel Geld verdienten, definierten Künstler wie Millet und Corot ganz neu, welche Gegenstände für einen Maler von Interesse waren. Keine Szenerie konnte zu karg, keine Figur zu ärmlich, kein Landschaftsausschnitt zu unspektakulär sein, als dass sie ihm nicht einen malerischen Reiz abgewonnen hätten. In ihren Bildern dominierten Grün- und Brauntöne, hingetupfte Lichter glänzten auf Blättern und Steinen. Spitzwegs Waldinneres huldigt dieser neuen Kunstauffassung ebenso frenetisch wie J. C. Langkos Waldlandschaft .

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Das ist es, was die drei Reisenden zurück nach Deutschland bringen: das Interesse am scheinbar Unbedeutenden, eine radikale Neubewertung der Motivik und eine Revolution in der Sicht der Natur, die längst keine mehr war.

Aufgewühlte Böden und schroffe Brüche erzählen in vielen Bildern von einer durch Torfabbau nutzbar gemachten Gegend, die das Brennmaterial für die Münchner Brauereien zu liefern hatte. Fast noch idyllisch sieht das bei Schleich aus, abgeklärt-melancholisch bei Adolf Lier, hart und unbarmherzig später bei Max Lüty (Torfhütte). Sie alle sehen die stille Schönheit einer Landschaft im Augenblick ihres Untergangs.

Ins Mystische gesteigert wird die Sicht auf die Natur noch einmal bei Ludwig Dill. Die Stämme seiner Birken leuchten entrückt und erhaben, während manche seiner Tempera-Landschaften bereits ins Flächige und Abstrakte gehen (Wacholder im Moos , 1901, siehe Abbildung). Dill bildet mit Adolf Hölzel und Arthur Langhammer das späte Dreigestirn der Dachauer Künstlerkolonie. Die Wege der drei verlaufen jedoch denkbar unterschiedlich: Langhammer, der Meister der Weißtöne, stirbt bereits 1901 mit 47 Jahren. Dill geht nach Karlsruhe an die Akademie. Und Hölzel, der schon in Dachau mit abstrakten Ornamenten experimentiert, wird 1905 nach Stuttgart berufen, wo er zu einem frühen Wegbereiter der Moderne wird. Einen Schlusspunkt unter diese Epoche setzen die Bilder Bernhard Buttersacks und Hans von Hayeks mit ihren kräftigen expressiven Farben.