World Wide Web Wem gehört das Internet?
Google kämpft gegen China, aber noch laufen (fast) alle Kabel in den USA zusammen. Michael Naumann kommentiert.
Die amerikanische Weltmacht Google hat einer anderen Weltmacht, der Volksrepublik China, und ihren polizeilichen Internetüberwachungsbehörden den moralisch-medialen Kampf angesagt: Sollten weitere Zensurmaßnahmen und Datenspionage die Suchmaschine google.cn behindern, so erklärte die Firma Mitte Januar, werde man die Seite schließen. Ihr elektronischer Marktanteil im Reich des chinesischen Wachstumsriesen beträgt freilich nur etwas mehr als 30 Prozent – wenig im Vergleich zu Baidu, der (parteitreuen) Suchmaschine. Google.cn-Nachrichten verweisen selbst auf staatliche Agenturmitteilungen. Deren Relevanz gleicht derjenigen der seligen Prawda . So hatten es die Google-Fürsten ursprünglich mit Pekings Führung vereinbart.
Vorausgegangen war der eher symbolischen Androhung eine Konferenz von Internetbetreibern im amerikanischen State Department. Hillary Clinton sprach von »ernsten Vorwürfen« gegen China, die man prüfen wolle. Dass Google die Freiheit des Internets zum globalen Bruch internationaler Urheber- und Nutzungsrechte nutzte, dürfte kein Thema gewesen sein – die juristische Bewertung dieses Sachverhalts liegt derweil in den Händen amerikanischer Gerichte. (Immerhin hat die kalifornische Aktiengesellschaft sich bei der chinesischen Regierung dafür entschuldigt, ohne weitere Genehmigungen digitale Kopien chinesischer Bücher en masse ins Netz gestellt zu haben.)
Doch hinter dem ungewöhnlichen Konflikt »Suchmaschine gegen Kommunistische Partei Chinas« verbirgt sich ein grundsätzliches Problem: Wem gehört eigentlich das Internet?
Wer hätte schon vor einem Jahrzehnt gefragt: Wem gehört eigentlich die Luft der Welt? Heute wissen wir zumindest eins: Sie ist gefährdet und mithin schützenswert als wichtigstes Eigentum des ganzen Planeten. Sie gehört keinem einzelnen Staat, sondern allem, was lebt auf dieser Welt. Wir wissen allerdings auch: Das Internet ist der Sauerstoff des globalen Welthandels. Und es gehört kraft seiner technischen Grundlagen immer noch mehrheitlich seinen Erfindern – den Amerikanern. Denn solange das kabelgebundene Internet angewiesen ist auf etwa 13 streng bewachte Zentralserver (root server), so lange ist das Medium politisch kontrollierbar wie jeder andere Kommunikationsknotenpunkt auch. Diese Server werden vom Pentagon, von der Nasa, aber auch von privaten, zumeist amerikanischen Firmen betrieben; sieben stehen in den Vereinigten Staaten, die anderen sechs verteilen sich auf den Rest der Welt.
Jede Nation verdankte die Vergabe ihrer dort gespeicherten Internetdomäne (wie zum Beispiel »de« für Deutschland oder »cn« für China) dem kalifornischen Informatik-Professor Jon Postel, einem Althippie mit Pferdeschwanz. Er konnte im Auftrag des Pentagons bis 1998 walten, wie er wollte. Dann erlag er einem Herzinfarkt, angeblich als Folge seiner Entmachtung. Denn seitdem entscheidet eine privatrechtliche, internationale Organisation (ICANN) über die Vergabe und technische Administration der internationalen Domänen. Sie gehorcht allerdings amerikanischem Recht. Anders gesagt: Das scheinbar übernationale Gebilde »Internet« unterliegt einer Art Monroedoktrin. Einen prinzipiellen Eingriff in seine technischen Systemgrundlagen wird Washington ebenso wenig dulden wie die Platzierung von Atomwaffen auf Kuba.
Im amerikanischen Kongress kursieren seit einigen Monaten Gesetzentwürfe, die, einmal verabschiedet, Barack Obama das Recht gäben, mit einer »nationalen Antwort« auf gravierende Hacker-Bedrohungen aus dem sogenannten Cyberspace zu reagieren. Es bedarf keiner Fantasie, sich vorzustellen, dass derlei Bedrohungen nicht nur militärischer oder terroristischer Natur sein müssen.
Als im Herbst 2008 die internationale Finanzwelt an einem einzigen Wochenende wie ein Schneeball im Sommer zu schmelzen drohte, wäre eine globale Internetschließung aller Banken, Börsen und Kreditkartenserver theoretisch möglich gewesen: Die Welt hätte ihren Handel vorübergehend eingestellt.
Die technischen Voraussetzungen für eine weltweit wirksame Internetblockade sind vorhanden; denn die wichtigsten Zugänge zum Internet liegen dort, wo es erfunden wurde. Freilich gliche eine solche Maßnahme dem Einschlag eines gewaltigen Kometen. Die Welt, und mit ihr Amerika, würde, bis auf wenige Internet-Inseln, buchstäblich verstummen. Und weil das so ist, herrscht in der Welt des Internets eine ähnliche Logik vor wie im Zeitalter der nuklearen Abschreckung: Wer als Erster den Sauerstoff des Internets abdreht, erstickt als Zweiter. Aber vorher würde sich Hollywood der Sache annehmen.
- Datum 24.01.2010 - 16:19 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.01.2010 Nr. 04
- Kommentare 33
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Das ist falsch.
Das Internet wurde erfunden vom Schweizer CERN zur Vernetzung der einzelnen Fotschungsinstitute.
Die US-Amerikaner haben dann die Idee geklaut und ausgebeutet.
Da muss ich Sie leider enttäuschen. Cern hatte nur die Idee der zivilen Verwendung.
Den Grundstein legte ein US-Rüstungsunternehmen mit der Idee der Verknüpfung von Computern.
Die US-Amerikaner haben sicherlich nichts "geklaut", sondern eher ihren Teil dazu beigetragen, dass dieses WWW zu dem geworden ist, was es jetzt ist.
Dazu mal das Diplom eines Freundes von mir:
http://www.youtube.com/wa...
The History of the Internet.
Da muss ich Sie leider enttäuschen. Cern hatte nur die Idee der zivilen Verwendung.
Den Grundstein legte ein US-Rüstungsunternehmen mit der Idee der Verknüpfung von Computern.
Die US-Amerikaner haben sicherlich nichts "geklaut", sondern eher ihren Teil dazu beigetragen, dass dieses WWW zu dem geworden ist, was es jetzt ist.
Dazu mal das Diplom eines Freundes von mir:
http://www.youtube.com/wa...
The History of the Internet.
Da muss ich Sie leider enttäuschen. Cern hatte nur die Idee der zivilen Verwendung.
Den Grundstein legte ein US-Rüstungsunternehmen mit der Idee der Verknüpfung von Computern.
Die US-Amerikaner haben sicherlich nichts "geklaut", sondern eher ihren Teil dazu beigetragen, dass dieses WWW zu dem geworden ist, was es jetzt ist.
Hehehe, die guten Sachen reklamiert wohl jedes Land für sich.
Am CERN wurde das World-Wide-Web erfunden, das wir mit dem Browser besurfen. Das WWW ist nicht das Internet; es ist nur eine Anwendung für das Internet.
Das Internet ist das heute übliche Netz zum Verknüpfen von Computern. Das gab es schon vorher, und zwar zuerst in den USA.
Für das Internet gibt es ältere Anwendungen als das WWW, wie z.B. Telnet (Terminal-Login am entfernten Computer), FTP (File Transfer). Und Email.
Wobei Email noch älter als das Internet ist. Denn schon vor dem Internet gab es Netze für den Datenaustausch.
Sir Timothy John Berners-Lee.
Einfach mal googeln...
Es ist doch besorgniserregend, dass die Welt von ein zwei PC's in Privatbesitz abhängt. Eine solch perverse Monopolsituation hat es bisher wohl noch nie gegeben.
Nur als Anmerkung, ... bei so viel Moral: Google ist Bestandteil der US-Internetüberwachung und es wird sich sicher nicht aus China zurückziehen. Jeder US-Monopolist ist verpflichtet, mit den Geheimdiensten zu arbeiten. Daher wäre es ganz nett, endlich mal mit dem verlogenen Getue aufzuhören. Das Internet wird von den USA kontrolliert, wie es Herr Naumann ausgeführt hat. Die USA sind bedauerlicher Weise selbst ein Polizei- und Überwachungsstaat. Dieses Demokratieverständnis wie zu Zeiten der Unabhängigkeitserklärung, als Sklaven die bedeutendste Wirtschaftsressource waren, können und dürfen wir niemals annehmen. Es mag Zeiten gegeben haben, da sich die freiheitlichen Ideale auch in der US-Aussenpolitik teilweise durchsetzen konnten und damit Stütze der Demokratie waren. Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Beispiele finden wir dafür auch in der innerdeutschen Politik, wo sich idealistische Parteien mit Pazifismus schmückten, um später all das über Bord zu werfen, was zuvor unantastbar war. Wenn eine kleine Partei die eigene Moral verwirft, wie verlockend ist es da für eine Grossmacht? Die eigene Freiheit nicht erhalten können, aber diese exportieren wollen - wie absurd und unlogisch kann eine Lüge sein und doch geglaubt werden?! Das Tauziehen zwischen den USA und China wird in gestresstem Ton weitergehen. Bedenklich ist, dass beide Mächte in die gleiche Richtung tendieren.
Dazu mal das Diplom eines Freundes von mir:
http://www.youtube.com/wa...
The History of the Internet.
Wie in einem "Arts & Humanaities"-lastigen Blatt wie der Zeit nicht verwunderlich, werden hier zwei technische Ebenen verwurschtelt. Ich versuche mal zu helfen. Richtig ist, daß das WWW auf Ideen von TBL beruht, die er beim CERN entwickelte. Das WWW ist aber eine Darstellungs- und Anwendungsebene der Internet-Technologie, die darunterliegende Ebene der Transportprotokolle und des damit verbundenen Routings ist in der Tat eine amerikanische Erfindung, die aus dem DARPAnet hervorgegangen ist.
Genau hier liegt auch der Grund, warum Hr. Naumann hier letzlich Unsinn erzählt.
Der Auftag an die DARPA ENde der 60er Jahre war ein Kommunikationssystem zu entwickeln, das im Falle eines militärischen Angriffs nicht durch die Zerstörung weniger Knoten lahmzulegen wäre. Diese Aufgabe ist mit dem IP-Netz genial und perfekt gelöst worden. Und deshalb wird das Internet mittlerweile durch Maßnahmen einzelner Staaten - und seien es die USA selbst - nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen sein.
Das ist es auch, was auch unsere deutschen Politiker leider intellektuell immer noch nicht überreißen: Verbrecherische Aktivitäten im Internet sind grundsätzlich nur an Quelle und Senke in den Griff zu bekommen, niemals durch Maßnahmen zwischendrin.
Das WWW ist dabei nicht abhängig von "the internet", sondern stellt eine Meta-Ebene dar, die auch auf anderen Netz-Plattformen wie etwa einem LAN funktioniert.
Die Rechte für die damit verbundenen Technologien angefangen vom Ur-HTML liegen tatsächlich in der Schweiz, auch wenn sie ausdrücklich zur freien Verwendung freigegeben sind.
Wenn die Amerikaner tatsächlich "das Internet" abschalten würden, gäbe es wohl ziemlich bald Alternativen, auf die das WWW neu aufgesetzt werden könnte. Weil es sich bei den originalen Webtechnologien (man vergesse mal ganz schnell den "Web 2.0"-Hype) um computergerechte Satzsprachen und nicht um Computer- bzw. Programmiersprachen handelt, sind die vielmehr von der aktuellen Browsertechnologie abhängig als vom TCP/IP-Protokoll.
Ich hoffe, daß unsere Journalisten endlich mal begreifen. 20 Jahre WWW sollten dafür genügen.
Das WWW ist dabei nicht abhängig von "the internet", sondern stellt eine Meta-Ebene dar, die auch auf anderen Netz-Plattformen wie etwa einem LAN funktioniert.
Die Rechte für die damit verbundenen Technologien angefangen vom Ur-HTML liegen tatsächlich in der Schweiz, auch wenn sie ausdrücklich zur freien Verwendung freigegeben sind.
Wenn die Amerikaner tatsächlich "das Internet" abschalten würden, gäbe es wohl ziemlich bald Alternativen, auf die das WWW neu aufgesetzt werden könnte. Weil es sich bei den originalen Webtechnologien (man vergesse mal ganz schnell den "Web 2.0"-Hype) um computergerechte Satzsprachen und nicht um Computer- bzw. Programmiersprachen handelt, sind die vielmehr von der aktuellen Browsertechnologie abhängig als vom TCP/IP-Protokoll.
Ich hoffe, daß unsere Journalisten endlich mal begreifen. 20 Jahre WWW sollten dafür genügen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren