Afghanistan-Debatte Bergpredigt für Kabul

Käßmanns Pazifismus hilft nur den Kriegstreibern, meint Josef Joffe

Schnitt und Gegenschnitt: In Dresden predigt die neue EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann zu Neujahr »mehr Fantasie für den Frieden«, am Montag richten Selbstmord-Killer in Kabul ein Blutbad an. Welche Fantasie kann Frieden in die Köpfe von Menschen tragen, denen der Tod alles ist, auch der eigene?

Das ist keine rhetorische Frage. Sie rührt an den Kern der Botschaft, die die Bischöfin seit Weihnachten verbreitet: dass der Krieg in Afghanistan »in keiner Weise zu rechtfertigen« sei, ja dass es »keinen gerechtfertigten Krieg« gebe. Selbst der Krieg gegen Nazideutschland findet keine Gnade vor ihren Augen. Es wäre besser gewesen, die »Opposition in Deutschland« zu stärken, die Auschwitz-Gleise zu bombardieren. Welche Opposition? Jene Menschen, die von 1933 an im KZ saßen, die 1944 in Plötzensee gehängt wurden? Ein paar verbogene Gleise hätten die Völkermord-Maschinerie im gesamten Osten lahmgelegt?

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Josef Joffe
Josef Joffe

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier

Es gibt tausend gute Gründe, den Afghanistankrieg anzuzweifeln; der blanke Pazifismus aber gehört nicht dazu. Im kalten Licht des klaren Denkens betrachtet, ist Pazifismus keine moralische Haltung, sondern deren Verweigerung. Moral ist immer Selbstquälerei – das schmerzhafte Abwägen von Werten. Wer aber einen Wert – hier: die Friedfertigkeit – zum höchsten erhebt, der sagt damit ungewollt, dass alle anderen Werte nicht zählen – die Freiheit, die Gerechtigkeit, der Schutz der Schwachen, die Abscheu vor Gewaltherrschaft. Konsequenterweise muss er/sie auch Sklavenaufstände oder die Befreiungskriege gegen Napoleon und die Kolonialmächte verdammen, von den Verteidigungskriegen gegen Hitler und Hirohito ganz zu schweigen. Apropos Schweigen: Das müsste sich auch über Darfur und Ruanda legen.

Waffen können keinen Frieden schaffen? Der Sieg gegen Napoleons und Hitlers Imperialismus hat Europa jeweils die längsten Friedensepochen seiner Geschichte verschafft, unterbrochen bloß durch eingehegte Waffengänge auf der Krim oder im Kosovo. Aber selbst wenn die Geschichte solche Weisheiten nicht durchlöchert hätte, was würde daraus für Afghanistan folgen? Der »geordnete Rückzug«, wie Käßmann meint, eine »zivile Lösungsstrategie«? Natürlich kann ein Vegetarier sehr zivil mit einem Kannibalen über das gemeinsame Nachtmahl verhandeln; dabei sollte er aber das Küchenmesser nicht als Vorleistung abgeben.

Den Unterschied zwischen Predigt und Politik hat der Grüne Ralf Fücks mit einer schlichten Wahrheit erläutert: »Wer prinzipiell gegen den Einsatz militärischer Macht ist, überlässt denen das Feld, die keine Skrupel haben.« Ganz praktisch: Die Überzeugungskraft des Friedfertigen steigt mit der sinkenden Chance des Kriegswilligen, durch Terror und Gewalt zu obsiegen.

»Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand«, heißt es in der Bergpredigt. Das ist Pazifismus in einem Satz. Wer dem im eigenen Leben gehorcht, verdient höchstens Respekt, weil er auch die übelsten Konsequenzen, selbst seinen Tod, zu ertragen bereit ist. Aber wenn anderen Böses getan wird? Wegschauen, weggehen, auch wenn man helfen kann? Das ist Verantwortungslosigkeit, das Gegenteil von Moral.

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr guter Artikel! Fasst die ganze Einseitigkeit und Unglaubwürdigkeit von Frau Käßmann in kurzen Sätzen sehr gut zusammen!

  2. ehr geehrter Herr Joffe!
    Heute wird Deutschland am Hidukusch verteidigt, weiland wurde Berlin in Saigon verteidigt, es ist alles schon einmal da gewesen.
    Nun spricht Frau Käßmann überlegte Worte zum Krieg in Afghanistan und schon erhebt sich Feldgeschrei, ausgerechnet am lautesten von denen, die nicht an die Front müssen - es ist alles schon einmal da gewesen!
    Paschalom

    P.S.: Ich habe mal drei Monate bei den Paschtunen gelebt.
    P.

  3. "Natürlich kann ein Vegetarier sehr zivil mit einem Kannibalen über das gemeinsame Nachtmahl verhandeln; dabei sollte er aber das Küchenmesser nicht als Vorleistung abgeben", schreibt Josef Joffe. Diese Aussage ist so logisch wie köstlich (Vorsicht apropos "köstlich" und das Nachtmahl des Kannibalen) und schlägt den Nagel mitten auf den Kopf. Dennoch, und trotz aller Kontroverse, ist die Bergpredigt eine der erhabendsten Stellen der Heiligen Schrift.

  4. Wieder kann man auf zeit.de einen klugen Kommentar zu Käßmanns Irrweg der vulgärpazifistischen Phantasie lesen.

    Die totale Schizophrenie von Frau Käßmann zeigt sich in meinen Augen darin, dass sie einerseits sagt, dass es "keinen gerechtfertigten Krieg" gebe, man hätte gegen Nazideutschland keinen Krieg führen dürfen.
    Anderseits aber fordert sie, man hätte doch im 2. Weltkrieg noch mehr Krieg führen müssen, indem man auch noch die Auschwitz-Gleise hätte bombardieren müssen.

    Ja was denn nun? Kein Krieg oder mehr Krieg?

    Wenn alle Menschen Engel wären, könnte Käßmanns naive Weltsicht funktionieren. Wir leben aber nun mal auf der Erde und nicht im Himmel.

    Und hier müssen wir nun mal mit all den Unzulänglichkeiten des Diesseits zurecht kommen. Wenn man im Diesseits Despoten Mörder und menschenverachtende Ideologien nicht stoppt, ist man schneller im Jenseits, als man sich das wünscht. Oder eben in der Hölle auf Erden, wie z.B. Frauen in Afghanistan unter den Taliban vor 2001.

  5. Frau Käßmann hat sicherlich eine fundierte Position zum Thema 'Afghanistan', aber ob diese auch real durchsetzbar wäre, ist eine andere. Wenn es nach ihr ginge, würden die deutschen Soldaten eher heute als morgen abgezogen.

    Was sie aber wie viele völlig außer acht lässt, ist die Tatsache, dass die BRD in einem Bündnissystem verankert ist. Die NATO beruht auf gegenseitiger Absicherung, wenn der Bündnisfall eingetreten ist. Und das verpflichtet uns nunmal, unsere NATO-Partner zu unterstützen, auch wenn wir vielleicht nicht aus eigenen Stücken nach Afghanistan gegangen wären.

    Von daher ist Käßmanns Haltung schön und gut — sie geht nur leider an der Realpolitik vorbei. Wenn wir uns hätten raushalten wollen aus Afghanistan, dann hätten wir es wie die Schweizer, Österreicher und Finnen halten müssen und eine neutrale Haltung einnehmen müssen. Nur — hatten wir denn Mitte der 1950er die Wahl?

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    Hallo Realo!
    Die NATO ist als Verteidigungsgemeinschaft gegründet worden und wurde so akzeptiert.
    Welcher NATO-Staat wurde angegriffen, so dass der Verteidigungsfall ausgerufen werden musste?
    Wer veranlasste die NATO (einstimmig?), sich in Afghanistan zu engagieren?
    Welchen Plan, welche Ziele galten ? Wurde nach dem Wort Napoleons gehandelt - on s'engage et puis on voit - ?
    Stimmte es, dass die Taliban einst von den USA gefüttert wurden?
    Paschalom

    Hallo Realo!
    Die NATO ist als Verteidigungsgemeinschaft gegründet worden und wurde so akzeptiert.
    Welcher NATO-Staat wurde angegriffen, so dass der Verteidigungsfall ausgerufen werden musste?
    Wer veranlasste die NATO (einstimmig?), sich in Afghanistan zu engagieren?
    Welchen Plan, welche Ziele galten ? Wurde nach dem Wort Napoleons gehandelt - on s'engage et puis on voit - ?
    Stimmte es, dass die Taliban einst von den USA gefüttert wurden?
    Paschalom

  6. "Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan"
    Das ist doch wohl die zentrale Aussage zu diesem Thema in der Neujahrspredigt. Es ist erstaunlich, welche Wellen dadurch ausgelöst wurden. Frau Käßmann fordert -in der Predigt wohlgemerkt- keinesfalls den sofortigen Abzug der Bundeswehr, wie ihr vielerorts unterstellt wurde. Vielmehr verlangt sie das Nachdenken darüber, ob der pragmatische Ruf zu noch mehr Waffen das Problem wirklich löst.
    Die Bundeswehr kann sich nicht sofort und bedingungslos aus Afghanistan zurückziehen, der Schaden wäre irreparabel. Dennoch kann dieser Konflikt nur mit Waffengewalt nicht gelöst werden - Pazifismus hin oder her.

    Der Vergleich mit den Napoleonischen Kriegen und dem Zweiten Weltkrieg im Artikel greift zu kurz. In dieser "Friedensperiode" hat Preussen Deutschland gewaltsam geeinigt, mit Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich. Letzterer Konflikt war einer der Ausgangspunkte für die Entwicklung hin zum Ersten WK.
    Es ist verfehlt, hier von eingehegten Konflikten zu sprechen.
    Der Sieg über Deutschland 1945 hat zwar einen Brandherd gelöscht aber sofort einen neuen geschaffen. Europa ist nach 1945 mehrmals nur knapp einem Desaster entgangen - auch weil der Sieg über Deutschland in erster Linie ein militärischer war, der sofort neue Probleme hervorgerufen hat.
    Waffengewalt allein, und sei sie noch so berechtigt, hat noch niemals einen Konklikt dauerhaft gelöst- so habe ich die Botschaft der Bischöfin verstanden.

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    Sie sollten Ironie als solche Kennzeichnen. An sosnten verlange ich dass Frauendiskriminierende, unsachliche und primitive Aussagen wie Ihre auf einer öffentlichen Website nicht gedultet werden.

    Sie sollten Ironie als solche Kennzeichnen. An sosnten verlange ich dass Frauendiskriminierende, unsachliche und primitive Aussagen wie Ihre auf einer öffentlichen Website nicht gedultet werden.

    • xpol
    • 23.01.2010 um 17:56 Uhr

    ... uns von der Vorstellung befreien, dass die Aussagen von Frau Käßmann irgendeine wie auch immer geartete Relevanz hätten.

    Hinter den Schlagworten ist nichts. Auch bei bestem Willen lässt sich dabei nichts denken.
    Bitten um Konkretisierung gehen daher ebeso ins Leere wie die Frage, wie sie denn zu ihrer Aussage gelangt sei.

    Hören wir gar nicht mehr hin!

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