Feuilletonschau Perlentaucher Ihr Feiglinge!

Einige gute Gründe, sich über den "Perlentaucher" zu ärgern

Ich beginne den Perlentaucher zu hassen. Zugegeben, damit bin ich natürlich nur die ungefähr Tausendste in einer langen Reihe von Feuilletonlesern und Kulturjournalisten, denen es genauso geht. Als ein Kollege Ende 2009 zum Brainstorming aufforderte, was man sich im nächsten Jahr »wegwünschen« könnte, war die erste Antwort, die mit der Inbrunst eines Herzenswunsches die Stille durchbrach: »den Perlentaucher«. Immerhin war nicht so etwas Unoriginelles wie »Krieg« oder »Hunger« geäußert worden. Pietätsgründe allerdings hätten zumindest die Reihenfolge »Krieg, Hunger, Perlentaucher« nahegelegt.

Für alle, die echte Zeitungen, nicht Schnipsel über Zeitungen lesen: Der Perlentaucher ist eine Website, für die eine unbekannte Zahl von Frühaufstehern jeden Vormittag sämtliche deutschsprachigen Feuilletons liest, zusammenfasst und kommentiert. Hört sich im Grunde ehrbar an. Warum also ist die Seite so unbeliebt, und warum wird sie trotzdem so viel genutzt? Man versteht dieses Paradox, sobald man sich klarmacht, dass der Perlentaucher das ontologische Gegenstück zur Zahnseide darstellt, die nämlich eine zivilisatorische Neuerung ist, von der man weiß, dass sie ungeheuer wertvoll sein kann – welches Wissen nichts daran ändert, dass man allabendlich, wenn sich die Müdigkeit nähert, aus reiner Faulheit doch ungeseidet zu Bett geht. Mit dem Perlentaucher ist es, wie gesagt, andersrum: Obwohl man weiß, dass er nichts taugt, lässt einen die allmorgendliche Faulheit immer wieder jene Website aufrufen, die verspricht, einen mit entstellenden Zusammenfassungen und minimal hintersinnigen Kommentaren in kürzester Zeit fehlzuinformieren.

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Weil es zu umständlich wäre, alle Zeitungen selbst zu lesen, klickt man lieber auf die Website für Nichtleser und scannt sie mit gleichsam halb zugekniffenen Augen: Einerseits hat man oft genug die Erfahrung gemacht, dass man sich bei der inhaltlichen Darstellung nicht auf den Perlentaucher verlassen darf, andererseits will man wissen, worum es in dem dort aufgeführten Artikel geht. So falsch werden die Zitate ja wohl nicht sein, redet man sich gut zu, im Gegenteil, die Zitate selbst sind eigentlich immer richtig, nur der Kontext ist falsch, aber den kann man ja notfalls ignorieren. Und so bildet man sich wieder mal ein, so gut wie selbst gelesen zu haben, was Herr oder Frau XY schrieb, bis man sich die Mühe macht, den Artikel tatsächlich zu lesen, der natürlich etwas ganz anderes besagt und meint als seine »verperlentaucherte« Version, und wieder nimmt man sich vor, die Website nicht mehr aufzurufen, aber das hält so lange wie jeder andere Neujahrsvorsatz, nicht mal bis Februar.

In politischer Hinsicht verfolgt der Perlentaucher eine Richtung, die ihn in bedenkliche Nähe zu manchen agitatorischen Websites bringt. Insbesondere beargwöhnt er den Islam und gefällt sich darin, Essays zum Kulturkampf als erkenntnisfördernd zu präsentieren. Jeder, der nicht »islamkritisch« genug berichtet, wird abgewatscht, von deftiger »Islamkritik« dagegen bekommt der Perlentaucher niemals genug. »Islamkritik muss militant werden«, hieß es vergangene Woche in dem Blog von Henryk M. Broder und Co., der Achse des Guten – auch dieses Medium würdigt der Perlentaucher, immerhin zählen zur Achse viele Autoren, die auch der Perlentaucher gern zu sich einlädt. Doch wozu eigentlich der Umweg? Vor zwei Tagen besprach der Perlentaucher gleich direkt den Blog seines Geschäftsführers Thierry Chervel, der behauptete: »Klassisch liberale, aufklärerische Positionen lassen sich in praktisch keinem einzigen Feuilleton der Republik mehr artikulieren.« Ursache dafür sei wohl eine Art vorauseilender Gehorsam gegenüber den »mächtigen Lobbys« der Muslime. Chervel fragt: »Wie mürbe sind eigentlich die Hirne von Intellektuellen, die die Konsequenzen … vorauseilend selbst ziehen?«

Über manche Bemerkungen des Perlentauchers zum Islam habe ich mich dort bereits beschwert. Die Mitarbeiter sind freundlich, doch agieren sie wie ein undurchdringliches Kollektiv. Sie verstecken sich gern hinter dem »Wir«, und so bekam ich neulich eine E-Mail zurück, in der die verspätete Antwort damit begründet wurde, dass »wir« dachten, der jeweils andere habe geantwortet, und außerdem habe »uns« geärgert, wie bestimmte Umfrageergebnisse interpretiert worden seien. Dabei hatte ich auf einen einzigen falschen Satz aufmerksam gemacht. Wie viele Perlentaucher werden für einen Satz gebraucht? Oder ist dieses Wir ein Pluralis Majestatis? »Uns hat geärgert.« – »Euer Majestät, darf ich’s mit Eurer freundlichen Genehmigung trotzdem schreiben?« – »Nein, diesen Artikel verbitten Wir uns. Ist Uns nicht islamkritisch genug!«

Dabei besitzen die Autoren der so abgekanzelten Artikel immerhin den Mumm, mit ihrem Namen zu bürgen. Zu den beliebtesten Stilmitteln des Perlentauchers dagegen zählen die nachgeschobene Spöttelei, die tendenziöse Andeutung und die rhetorische Frage in Klammern – alles ohne Autorenangabe. Aus dem Schutz der Namenlosigkeit wirft man missliebigen Meinungen so noch rasch eine Schaufel Dreck hinterher. Früher, das weiß man vom Hörensagen, waren auch die Perlentaucher richtige Journalisten; heute aber vermischen sie skrupellos Bericht und Meinung, scheuen Autorenzeile und Kürzel. So haben sie ein Meinungsmonopol aufgebaut, das selbstreferenziell und gegen Kritik von außen so gut wie immun ist. Trotz aufkeimenden Hasses wünsche ich mir übrigens nicht, dass der Perlentaucher komplett »verschwindet«. Wünschen würde ich mir bloß Fairness in der Darstellung und ein Ende der feigen Anonymität.

 
Leser-Kommentare
  1. die um 9 Uhr kurz nen Überblick übers Feuilleton möchten ?
    Sehr viele Menschen haben da schon 2 h Stunden und mehr gearbeitet.
    Keine gute Verwurstelung von (vielleicht) objektiver Kritik am Konzept des Perlentauchers und seiner Einstellung zum Islam.

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    Leider haben Sie nicht verstanden, was im Text steht:

    "Der Perlentaucher ist eine Website, für die eine unbekannte Zahl von Frühaufstehern jeden Vormittag sämtliche deutschsprachigen Feuilletons liest, zusammenfasst und kommentiert."

    Offensichtlich müssen die Leute Frühaufsteher sein, die für (!) den Perlentaucher (!) die ganzen Artikel lesen, die dann zusammengefasst werden. Sonst wären die Zusammenfassungen nämlich nicht bis 9.00 Uhr fertig. Jetzt klarer?

    Leider haben Sie nicht verstanden, was im Text steht:

    "Der Perlentaucher ist eine Website, für die eine unbekannte Zahl von Frühaufstehern jeden Vormittag sämtliche deutschsprachigen Feuilletons liest, zusammenfasst und kommentiert."

    Offensichtlich müssen die Leute Frühaufsteher sein, die für (!) den Perlentaucher (!) die ganzen Artikel lesen, die dann zusammengefasst werden. Sonst wären die Zusammenfassungen nämlich nicht bis 9.00 Uhr fertig. Jetzt klarer?

  2. Mit journalistischen Zitaten von Perlentaucher verhält es sich wie mit Zitaten von Nichtjournalisten, die in einer Massenzeitung wie Die Zeit veröffentlicht werden. Man ärgert sich über jede gut gemeinte Interpretation eines Autors. Es erscheint mir als gut, dass Journalisten anerkennen, dass sie bloß Text sind, der zitiert, verlinkt, verfremdet und entstellt wird.

    Das Zitat "Obwohl man weiß, dass er nichts taugt, lässt einen die allmorgendliche Faulheit immer wieder jene Website aufrufen, die verspricht, einen mit entstellenden Zusammenfassungen und minimal hintersinnigen Kommentaren in kürzester Zeit fehlzuinformieren." lässt sich ohne Weiteres auf Zeitungen anwenden.

    Worum also geht es? Um eine medientheoretische Debatte anscheinend nicht.

    Google News und Perlentaucher sind nur die logische Fortentwicklung textueller Medien. Die meisten Menschen lesen nicht mehr als 1,5 Zeitungen gleichzeitig. Gegen Meta-Massenmedien habe ich nichts einzuwenden. Sie sind so wichtig wie der Fernseher als Sammelkiste mehrerer Sender von Information.

    Um offen zu sein, gewinne ich seit Jahren den Eindruck - und Ihr Artikel stärkt meine These! -, dass die jetzige Die Zeit hinsichtlich Theorien von Medien oder Öffentlichkeit häufig hinkt.

    Es war Die Zeit, die vor einigen Monaten ernsthaft weissagte, dass Twitter kein Medium sei. Da fragte ich mich - und einige versierte Fachkollegen mit! -, als was Sie "Medium" überhaupt interpretieren und, worunter Sie SMS kategorisieren.

  3. "Wünschen würde ich mir bloß Fairness in der Darstellung und ein Ende der feigen Anonymität."

    Das würde man sich in der Darstellung der hiesigen Medien wünschen, wenn es um das Thema "Kritik am Islam" und "Islamisierung der westlichen Gesellschaft" geht. Die Tabuisierung des Themas, die Diffamierung der Kritiker als Rassisten und xenophob sowie die als ultima ratio im Hintergrund immer latente Gewalt gegen solche Leute bereits und hier in westlichen Ländern sollten doch für jeden, der die Lage nur halbwegs offen sieht, Erklärung genug sein. Daß in den Niederlanden zur Zeit ein Verleumdungsprozeß gegen Geert Wilders wegen seiner islamkritischen Äußerungen begonnen, dürfte dem Autor dieses Artikels sehr gut bekannt sein.

    Mir fällt es also schwer, diese Frage anders zu nennen als scheinheilig und verlogen.

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    Wie kann ein Thema "tabuisiert" sein, dass täglich breiten Raum in den Medien einnimmt? Oder verstehen Sie unter 'Tabu' vielleicht etwas ganz anderes, als die Menschen, die Fremdwörter sinngerecht benutzen?

    Wie kann ein Thema "tabuisiert" sein, dass täglich breiten Raum in den Medien einnimmt? Oder verstehen Sie unter 'Tabu' vielleicht etwas ganz anderes, als die Menschen, die Fremdwörter sinngerecht benutzen?

  4. Liebe Frau Sezgin,

    Hass ist immer ein schlechter Ratgeber!

    Ansonsten danke fuer den Lesetipp, ich bin neugierig geworden und habe mir nun endlich den Perlentaucher gebookmarkt.
    Aber nicht wegen des feuilletonistischen Fastfoods, den der Taucher jeden Morgen kredenzt. Denn ich werde weiterhin selber meine ungefaehr 5 Zeitungen nach Interessantem durchforsten.

  5. Was für ein Ton! Hier muss gleich von "Hass" die Rede sein, weil jemandem der Ton im Perlentaucher nicht passt. Schlimm genug, dass immer mehr Autoren mit plumper Keule und stumpfem Messer statt mit spitzer Feder und hoher Taste schreiben. Das ist die Facebook/Twitter/Blog-Deformation. Doch wirklich bedrückend ist das Unverständnis der beißwütigen Islam-Kritiker (Broder etc.) und ihrer spiegelbildlichen Antikritiker (in diesem Fall Sezgin). Man sollte es ihnen auf beide Hände tätowieren, damit sie es nicht mehr vergessen und aufhören, weiter diesen Unsinn zu verbreiten, mit dem sie die jeweils ungenehmen Autoren und Medien angreifen: Es geht nicht um den Islam! Es geht um uns! Um UNSERE Standards von Glaubens-, Meinungs- und Religionsfreiheit. Thierry Chervel und sein Team machen nichts anderes, als diese Werte hochzuhalten, etwa wenn sie den deutschen Feuilletons auf die Nerven gehen, weil sie zwar große Reden zum Islam schwingen, dann aber zu feige sind, die Karrikaturen zu zeigen, über die sie sich abschätzig äußern. Dafür liebe ich den Perlentaucher! Und ich freue mich über jede subjektive Äußerung der Autoren, von denen übrigens keiner anonym ist - das ist schlicht falsch. Diese Meinungen sind übrigens schön abgetrennt von den Zusammenfassungen und ich habe die Möglichkeit, über den Link, sofern die Zeitung sich noch verlinken lässt oder überhaupt online frei zugänglich ist, nachzusehen, ob ich dem zustimmen kann oder nicht. Wo, verdammt noch mal, ist hier das Problem?

  6. "So haben sie ein Meinungsmonopol aufgebaut, das selbstreferenziell und gegen Kritik von außen so gut wie immun ist."

    Eine ausserhalb einer sehr spezifischen Zielgruppe völlig unbekannte Webseite soll ein "Meinungsmonopol" aufgebaut haben?

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    >Eine ausserhalb einer sehr spezifischen Zielgruppe
    >völlig unbekannte Webseite soll ein "Meinungsmonopol"
    >aufgebaut haben?

    Gänzlich unbekannt kann dieses Portal, ausserhalb seiner sehr spezifischen Zielgruppe, nicht sein. Mit einem "Pagerank 8"... zum Vergleich:

    http://de-de.facebook.com = Pagerank 8
    http://www.studivz.net = Pagerank 7

    http://www.zeit.de = Pagerank 8
    http://www.diewelt.de = Pagerank 8
    http://www.sueddeutsche.de = Pagerank 7
    http://www.focus.de = Pagerank 7
    http://www.bild.de = Pagerank 7
    http://www.stern.de = Pagerank 7

    http://www.sat1.de = Pagerank 7
    http://www.prosieben.de = Pagerank 6

    http://www.chefkoch.de = Pagerank 6
    http://www.essen-und-trin... = Pagerank 6

    >Eine ausserhalb einer sehr spezifischen Zielgruppe
    >völlig unbekannte Webseite soll ein "Meinungsmonopol"
    >aufgebaut haben?

    Gänzlich unbekannt kann dieses Portal, ausserhalb seiner sehr spezifischen Zielgruppe, nicht sein. Mit einem "Pagerank 8"... zum Vergleich:

    http://de-de.facebook.com = Pagerank 8
    http://www.studivz.net = Pagerank 7

    http://www.zeit.de = Pagerank 8
    http://www.diewelt.de = Pagerank 8
    http://www.sueddeutsche.de = Pagerank 7
    http://www.focus.de = Pagerank 7
    http://www.bild.de = Pagerank 7
    http://www.stern.de = Pagerank 7

    http://www.sat1.de = Pagerank 7
    http://www.prosieben.de = Pagerank 6

    http://www.chefkoch.de = Pagerank 6
    http://www.essen-und-trin... = Pagerank 6

  7. Feigheit ist wohl übertrieben. Schliesslich sind die Beiträge in The Economist und Der Spiegel auch meist anonym, und keiner dieser zwei Wochenzeitungen wurde (so viel ich weiss) je aus diesem Grund angegriffen. Dennoch hat Frau Sezgin Recht, wenn sie den tendenziösen und pseudo-aufklärerischen Diskurs des Perlentauchers kritisiert. Das war in den Anfangsjahren des Portals, soviel ich mich errinern kann, nicht so. Ich habe vor über einem Jahr aufgehört, den PT zu lesen, weil mich sein Ton einfach nervt. Allerdings habe ich mit dem Format an sich kein Problem. Der öffentliche Rundfunk (z.B. SWR2) bietet ja auch morgens, neben dem klassischen Presseschau, einen intelligenten Überblick der Feuilletons.

  8. unter einem pseudonym zu schreiben machen heute sehr viele menschen. die meisten berechtigerweise aus furcht um ihr leben. vor allem islamkritische artikel und deren autoren werden auf kimme und korn genommen. ich verstehe dein problem nicht hilal?

    fühlst du dich als gläubige verunglimpft? oder ist das eher neid auf die neuen medien, wie z. b. die blogs, welche den tageszeitungen das leben schwer machen?

    immer mehr menschen und vor allem journalisten werden opfer von islamisten, egal ob in deutschland, frankreich, dänemark oder sonst wo.
    die kritik am fortschreitenden intolleranten islamismus ist berechtigt. du solltest dich nicht angegriffen fühlen sondern selbst mal investigativ werden und auch provokant die meinungsfreiheit gegenüber den radikalen verteidigen.

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  • Quelle DIE ZEIT, 21.01.2010 Nr. 04
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