ZEITmagazin: Herr Professor Reichart, gibt es in Ihrem Leben so etwas wie eine Maxime, nach der Sie handeln?

Bruno Reichart: Ja, und ich weiß auch noch genau, seit wann: Als ich 1962 begann, Medizin zu studieren, hatten wir am ersten Tag eine Anatomievorlesung, in der der Professor etwas sagte, das ich mir für meine gesamte Laufbahn merkte. Er sagte: "Man sollte im Leben seine Ideen und Pläne verfolgen, auch wenn sie noch so großartig und unmöglich erscheinen. Sehr häufig wird einem dann das Leben einen Strich durch die Rechnung machen, sehr vieles wird nicht funktionieren. Aber manches dann halt doch."

ZEITmagazin: Haben Sie diese Sätze immer beherzigt?

Reichart: Ja. Ich habe immer verfolgt, was ich wollte. Das Herkömmliche hinter sich zu lassen kostet allerdings Kraft, weil es Reibung erzeugt. Das habe ich erfahren, als wir hier in München gegen alle Widerstände die erste Herztransplantationsserie in Deutschland begannen.

ZEITmagazin: Gab es in Ihrer Karriere als Herzchirurg einen entscheidenden Wendepunkt?

Reichart: Ein entscheidendes Jahr war für mich 1979, ich war gerade 36. Sie müssen sich vorstellen, dass zu diesem Zeitpunkt in Mitteleuropa niemand mehr Herzen transplantierte. In Stanford in Kalifornien aber hatten die Chirurgen nach der ersten Herztransplantation 1968 weitergemacht und inzwischen also schon zehn Jahre Erfahrung damit. Ich wollte unbedingt dorthin. Also bin ich zu meinem Chef gegangen und habe ihn gefragt, ob ich mal für vierzehn Tage nach Stanford fahren könnte.

ZEITmagazin: Und, was hat er geantwortet?

Reichart: Zu meiner großen Überraschung war er begeistert. Ich flog also nach Stanford, und ein weiteres kleines Wunder geschah: Der Professor dort, Norman Shumway, der Erfinder der Herztransplantation, war sehr freundlich zu mir und unterstützte mich. Warum, weiß ich nicht, er konnte eigentlich sehr unangenehm sein. Ich habe viel bei ihm gelernt. Es blieb nicht bei diesem einen Besuch.

ZEITmagazin: Aber Sie gingen immer wieder nach München zurück?

ReichartJa, ich wollte mein Wissen in der Heimat anwenden. Das war damals richtige Pionierarbeit und sehr mühsam. Viele Angehörige wollten keine Transplantation, oder wir bekamen keine Organe. Aber 1981 war es dann so weit, wir waren bereit und wollten unsere erste Transplantation machen. Ich brauchte dafür unbedingt das in der Schweiz hergestellte Medikament Ciclosporin A. Aber die Firma, die es herstellt, wollte es mir partout nicht überlassen, weil unser Haus völlig unbekannt war.