FDP Wo ich bin, ist VolksparteiSeite 2/2

Heute gibt er sich stolz darüber, dass die FDP auch »in der Platte« gewählt werde. Zastrow selbst ist dort aufgewachsen, seine Mutter wohnt noch immer da. Vielleicht ist ihm der Volkspartei-Gedanke deshalb so wichtig. Unverkennbar zeigt sich darin eine Prägung aus DDR-Zeiten: eine Distanz zu Milieu- und Klassenunterschieden. Die Wahlergebnisse des Jahres 2009 indes passen dazu wenig. Die Mehrheit der überraschend jungen Wähler stellten Selbstständige, Angestellte und Beamte. Abgesehen vom Alter, war es also die klassische FDP-Klientel. Rentner und Arbeitslose haben die Liberalen kaum gewählt.

Was Zastrow allerdings überzeugend macht, ist das neue ostdeutsche Selbstbewusstsein, mit dem er auftritt und das ihn von älteren einheimischen Politikern unterscheidet. »Verdammt noch mal, ich will nicht ewig am Tropf des Westens hängen. Ich will, dass Sachsen selbst eines Tages Geberland sein wird. Was die Bayern schaffen, das schaffen wir allemal«, trumpft er mit kühnen Visionen auf.

Holger Zastrow vertritt eine Nachwende-Gründergeneration, die ihre DDR-Herkunft nicht als Makel sieht. Sie hat die zurückliegenden 20 Jahre genutzt und kann Erfolge vorweisen. Die Werbeagentur, die Zastrow mit seiner Schwester und FDP-Generalsekretär Thorsten Herbst führt, – »eine komische Konstellation«, wie er selbst zugibt – hat 16 Angestellte. Und Zastrow hebt diese Meriten gern hervor, die ihm Unabhängigkeit vom Politikbetrieb sichern.

Nur politisch ist diese Aufbruchgeneration bisher heimatlos geblieben. Nun sucht sie sich Anleihen aus allen möglichen Gesinnungsrichtungen und kann Orientierungslosigkeit kaum verbergen. Den Volkspartei-Gedanken will sich Zastrow ausgerechnet bei Jürgen Möllemann abgeschaut haben. In der rechts gesinnten Jungen Freiheit schrieb er nach dessen Tod einen milden Nachruf auf den in Parteikreisen völlig isolierten Politiker. Auch fordert er die Gründung eines »Sächsischen Nationalmuseums«. Einerseits hofft er damit, die Beschäftigung mit dem »Nationalen« der NPD zu entreißen; andererseits wird es wohl auch der Sehnsucht entstammen, nun, da man es im wiedervereinigten Deutschland geschafft hat, sich eine neue Identität zu gründen, die weiter reicht und positiver besetzt ist als der stete Rückgriff auf die sozialistische Diktatur.

Aber auch die Doppelbelastung, die das Unternehmer- und Politikerdasein mit sich bringt, birgt Konflikte. Zastrow bürdet sich viel auf. Kürzlich hat er auch noch den Vorsitz der FDP-Fraktion im Dresdner Stadtrat übernommen. Nur ein Ministeramt wollte er nicht antreten. Während der Regierungsbildung hat er sich lange geziert und mit dem abschließenden Verzicht viele, vor allem aus der Wählerschaft, enttäuscht. Begründet hat er seinen Entschluss mit seinem jugendlichen Alter und der Verantwortung gegenüber seiner Firma. Nun spottet die Opposition, Sven Morlok sei als Wirtschaftsminister und Vizeregierungschef höchstens dritte Wahl.

Die Ausreden wirken deplatziert, sie diskreditieren obendrein ein Amt, in dem man Verantwortung übernehmen und sich inhaltlich festlegen muss. All das scheint Zastrow zu scheuen.

Dauerhaft wird er sich nun persönlich unbequeme Fragen nach Geschäftspartnern und möglicher Vorteilnahme gefallen lassen müssen. Schon als seine Agentur die Vermarktung des Dresdner Striezelmarktes übernahm, gab es kritische Anfragen vom politischen Gegner, war das ein Thema für die Medien. Auch wenn bisher alles transparent gelaufen sei, wie Zastrow versichert, könnte das Thema dauerhaft seinem und dem Ruf der Partei schaden. Unabhängigkeit hin oder her.

Abgesehen von den eher mageren Ergebnissen des Koalitionsvertrages – die sächsische FDP hatte mit Steuersenkungen Wahlkampf gemacht, obwohl die gar nicht in der Verantwortung einer Landesregierung liegen –, hat auch die Ernennung zweier weiterer Staatssekretäre für Aufsehen und Kritik gesorgt. Bei sich selbst setzt die FDP den Rotstift, der den immer wieder geforderten schlanken Staat garantiert, nur ungern an.

Holger Zastrow aber lässt sich von solchen Unkenrufen nicht beirren. Die schwache SPD hinter sich zu lassen ist nun erklärtes Fernziel. »Ich prophezeie der SPD ein einstelliges Ergebnis bei der nächsten Wahl.« An diesen selbstbewussten Worten wird Zastrow sich in der Zukunft messen lassen müssen.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Flach

    Ein trauriger Artikel. Aber nicht des Inhalts wegen, sondern durch die Art, wie er geschrieben ist. Der Autorin war es offenbar wichtiger, dem momentanen Zeitgeist zu frönen und Bashing zu betreiben, als sich die Mühe zu machen, mal hinter die Kulissen zu schauen. Sie hat völlig richtig erkannt, dass es im Osten eine wachsende Generation von jüngeren Leuten gibt, die ihre Herkunft nicht als Makel sehen und sich seit der Wende etwas aufgebaut haben. Diese Generation ist politisch vielfach weitegehend heimatlos, auch das ist richtig. Die Autorin schafft es aber auch hier - statt diese Aspekte tiefer zu beleuchten - daraus etwas Negatives zu machen. Zu dieser Generation zähle ich mich auch, aber ich suche nicht "...Anleihen aus allen möglichen Gesinnungsrichtungen...". Auch ist es nicht so, dass ich unter Orientierungslosigkeit leide.
    Wenn versucht wird, mit einem Artikel einen bestimmten Eindruck zu erwecken und die eigene Meinung (und nicht weitgehend "objektive" Fakten) in den Vordergrund geschoben wird, ist dies leider nicht das Niveau, was man gemeinhin von der "Zeit" gewöhnt ist. Verschenktes Papier!

  2. "Zastrow selbst fährt eine Kawasaki Ninja, 900 Kubikmeter (!) Hubraum, 143 PS."
    => ... die -wahrscheinlich- schwerste Maschine der Welt!

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