Toni Garrn kommt gerade aus der Schule. Ihre Mitschülerinnen gehen nach dem Unterricht nach Hause oder shoppen oder Latte Macchiato trinken. Toni Garrn geht in ihre Agentur. Dort setzt sie sich an einen Tisch, bewacht von tausend schönen Augen, die von den an der Wand aufgereihten Model-Sedcards in den Raum blicken. Ihr eigenes Porträt ist auch darunter. In Reihe vier das dritte von rechts. Toni streckt ihre Hand nach Mary aus. Mary ist die Boxerhündin des Agenturchefs. Sie schnaubt nur und legt sich hin. Mary ist vermutlich das einzige Wesen in der Modewelt, das gerade keine Lust auf Toni Garrn hat.

Wer kein Hund ist, merkt sofort, dass an dieser jungen Frau etwas Besonderes ist. Etwas, das den meisten, die mit ihr arbeiten, schwerfällt zu beschreiben. Sie nennen es »allure« – eine Aura, die man nicht durchdringt. Man würde Toni Garrn niemals einfach so umarmen wollen, schon aus Furcht, etwas kaputt zu machen. Wer sie zeichnen wollte, müsste das mit langen Schwüngen und einem fein gespitzten Stift tun. Sie hat einen Mund, aus dem alles, was sie sagt, irgendwie gut klingt, und Augen, die so durchdringend blau sind, als wären sie nachkoloriert. Wer Toni Garrn einmal getroffen hat, vergisst sie nicht. Sie zählt zu den Frauen, die in der Erinnerung immer noch schöner werden. Bis man nicht mehr unterscheiden kann, ob man sich an diese Frau erinnert oder an ein Motiv, das man sich im Kopf ausgemalt hat.

Toni Garrn trägt eine olivgraue Bluse, bei der ein Knopf falsch geknöpft ist. Sie verknotet sich aus Langeweile die Haare hinter dem Kopf. Mit ihren zerbrechlichen Fingern hackt sie auf dem Blackberry herum. Der ist offenbar auch zerbrechlich. Über sein Display ziehen sich lange Sprünge. »Er fällt mir dauernd runter«, sagt sie. Sie wollte sich längst einen neuen besorgen, aber dazu kommt sie nicht, wie sie zu so vielem nicht mehr kommt. Am Handgelenk hat sie einen Verband – das viele Blackberry-Tippen habe ihr die Sehnenscheidenentzündung eingetragen, vermutet ihre Mutter, die an diesem Nachmittag mit in die Agentur gekommen ist und jetzt neben ihrer Tochter sitzt. Eine Freundin hat Toni auf den Arm geschrieben: »Get well soon«. Wie es Mädchen einander auf den Gips kritzeln.

Toni Garrn ist nicht der breiten Masse bekannt, aber das wird noch kommen. Sie saß schon bei Wetten, dass..? neben Tom Cruise und war Gast bei Stefan Raabs TV Total. Ihre ganz große Bühne aber sind die Laufstege und die Fotostudios. In der Modewelt ist ihr Name zurzeit einer der wichtigsten. Sie war das Gesicht der Calvin-Klein-Anzeigenkampagne. Sie modelt für die Kosmetikmarke Shiseido, für Emporio Armani, für Hugo Boss, für Versace . Sie war mehrmals auf Titelseiten internationaler Modezeitschriften wie Vogue und Numéro.

Die Starfotografen Steve Meisel, Mario Testino und Karl Lagerfeld fotografierten sie. Letzterer war des Lobes voll: »Wie kann ein so junges Mädchen so elegant und souverän wirken?« Um einen Vergleich zu finden, muss Lagerfeld weit in die Geschichte zurückblicken. Sie könne eine neue Brigitte Helm werden, die Schauspielerin, die in Fritz Langs Monumentalfilm Metropolis die Maschinenfrau verkörperte. Und wie beseelt von dieser Idee, setzt Lagerfeld Toni Garrn in der aktuellen Ausgabe der deutschen Vogue in Metropolis- Optik in Szene.

Aus dem aktuellen ZEITmagazin, Nr. 4/2010 © DIE ZEIT

Wer ist Toni Garrn? Das ist nicht leicht zu sagen. Es gibt zwei Toni Garrns. Die eine ist die größte Hoffnung unter den deutschen Laufstegschönheiten, besteigt im Jahr hundert Flugzeuge und hat ihren Freundeskreis in New York . Die andere ist die 17-jährige Tochter eines Erdölmanagers, die in einem Einfamilienhaus im Hamburger Norden wohnt, Coldplay auf dem Klavier nachspielt, mit ihrem Freundinnen bei Zara einkauft, bald Abiturarbeiten schreibt und sich darüber lustig macht, dass ihre Wii-Fit-Spielkonsole ihr ein Fitness-Alter von 86 Jahren attestiert. Mit ihren Freundinnen spricht sie nie über Mode.

Es gibt die Garrn, die an einem entscheidenden Punkt ihrer Karriere steht und der niemand im Geschäft mehr etwas vormacht – und die Toni, die noch ganz am Anfang ist und so viel oder so wenig über das Leben weiß wie ihre Altersgenossen. Über die Liebe und den Rest und darüber, was das alles soll. Manchmal kommen beide Personen zusammen, etwa wenn sie sagt: »Ich bin froh, dass ich das Modeln habe, wenn ich nicht modeln würde, hätte ich keine Ahnung, was ich machen sollte.«