Model Toni GarrnFräulein Wunder

In New York ist sie das neue Supermodel. Daheim in Hamburg lernt sie fürs Abitur. Mit ihren 17 Jahren beherrscht Toni Garrn viele Rollen von 

Toni Garrn kommt gerade aus der Schule. Ihre Mitschülerinnen gehen nach dem Unterricht nach Hause oder shoppen oder Latte Macchiato trinken. Toni Garrn geht in ihre Agentur. Dort setzt sie sich an einen Tisch, bewacht von tausend schönen Augen, die von den an der Wand aufgereihten Model-Sedcards in den Raum blicken. Ihr eigenes Porträt ist auch darunter. In Reihe vier das dritte von rechts. Toni streckt ihre Hand nach Mary aus. Mary ist die Boxerhündin des Agenturchefs. Sie schnaubt nur und legt sich hin. Mary ist vermutlich das einzige Wesen in der Modewelt, das gerade keine Lust auf Toni Garrn hat.

Wer kein Hund ist, merkt sofort, dass an dieser jungen Frau etwas Besonderes ist. Etwas, das den meisten, die mit ihr arbeiten, schwerfällt zu beschreiben. Sie nennen es »allure« – eine Aura, die man nicht durchdringt. Man würde Toni Garrn niemals einfach so umarmen wollen, schon aus Furcht, etwas kaputt zu machen. Wer sie zeichnen wollte, müsste das mit langen Schwüngen und einem fein gespitzten Stift tun. Sie hat einen Mund, aus dem alles, was sie sagt, irgendwie gut klingt, und Augen, die so durchdringend blau sind, als wären sie nachkoloriert. Wer Toni Garrn einmal getroffen hat, vergisst sie nicht. Sie zählt zu den Frauen, die in der Erinnerung immer noch schöner werden. Bis man nicht mehr unterscheiden kann, ob man sich an diese Frau erinnert oder an ein Motiv, das man sich im Kopf ausgemalt hat.

Anzeige

Toni Garrn trägt eine olivgraue Bluse, bei der ein Knopf falsch geknöpft ist. Sie verknotet sich aus Langeweile die Haare hinter dem Kopf. Mit ihren zerbrechlichen Fingern hackt sie auf dem Blackberry herum. Der ist offenbar auch zerbrechlich. Über sein Display ziehen sich lange Sprünge. »Er fällt mir dauernd runter«, sagt sie. Sie wollte sich längst einen neuen besorgen, aber dazu kommt sie nicht, wie sie zu so vielem nicht mehr kommt. Am Handgelenk hat sie einen Verband – das viele Blackberry-Tippen habe ihr die Sehnenscheidenentzündung eingetragen, vermutet ihre Mutter, die an diesem Nachmittag mit in die Agentur gekommen ist und jetzt neben ihrer Tochter sitzt. Eine Freundin hat Toni auf den Arm geschrieben: »Get well soon«. Wie es Mädchen einander auf den Gips kritzeln.

Toni Garrn ist nicht der breiten Masse bekannt, aber das wird noch kommen. Sie saß schon bei Wetten, dass..? neben Tom Cruise und war Gast bei Stefan Raabs TV Total. Ihre ganz große Bühne aber sind die Laufstege und die Fotostudios. In der Modewelt ist ihr Name zurzeit einer der wichtigsten. Sie war das Gesicht der Calvin-Klein-Anzeigenkampagne. Sie modelt für die Kosmetikmarke Shiseido, für Emporio Armani, für Hugo Boss, für Versace . Sie war mehrmals auf Titelseiten internationaler Modezeitschriften wie Vogue und Numéro.

Die Starfotografen Steve Meisel, Mario Testino und Karl Lagerfeld fotografierten sie. Letzterer war des Lobes voll: »Wie kann ein so junges Mädchen so elegant und souverän wirken?« Um einen Vergleich zu finden, muss Lagerfeld weit in die Geschichte zurückblicken. Sie könne eine neue Brigitte Helm werden, die Schauspielerin, die in Fritz Langs Monumentalfilm Metropolis die Maschinenfrau verkörperte. Und wie beseelt von dieser Idee, setzt Lagerfeld Toni Garrn in der aktuellen Ausgabe der deutschen Vogue in Metropolis- Optik in Szene.

Aus dem aktuellen ZEITmagazin, Nr. 4/2010

Aus dem aktuellen ZEITmagazin, Nr. 4/2010  |  © DIE ZEIT

Wer ist Toni Garrn? Das ist nicht leicht zu sagen. Es gibt zwei Toni Garrns. Die eine ist die größte Hoffnung unter den deutschen Laufstegschönheiten, besteigt im Jahr hundert Flugzeuge und hat ihren Freundeskreis in New York . Die andere ist die 17-jährige Tochter eines Erdölmanagers, die in einem Einfamilienhaus im Hamburger Norden wohnt, Coldplay auf dem Klavier nachspielt, mit ihrem Freundinnen bei Zara einkauft, bald Abiturarbeiten schreibt und sich darüber lustig macht, dass ihre Wii-Fit-Spielkonsole ihr ein Fitness-Alter von 86 Jahren attestiert. Mit ihren Freundinnen spricht sie nie über Mode.

Es gibt die Garrn, die an einem entscheidenden Punkt ihrer Karriere steht und der niemand im Geschäft mehr etwas vormacht – und die Toni, die noch ganz am Anfang ist und so viel oder so wenig über das Leben weiß wie ihre Altersgenossen. Über die Liebe und den Rest und darüber, was das alles soll. Manchmal kommen beide Personen zusammen, etwa wenn sie sagt: »Ich bin froh, dass ich das Modeln habe, wenn ich nicht modeln würde, hätte ich keine Ahnung, was ich machen sollte.«

Auf eine wie Toni Garrn hat die Modewelt gewartet. Seit der Ära der Supermodels wie Naomi Campbell und Claudia Schiffer ist keine Ikone mehr erstrahlt. Selbst der Aufstieg der Brasilianerin Gisele Bündchen liegt über zehn Jahre zurück. Und nun ist da Toni Garrn, die mit ihrer Mischung aus Coolness und Verletzlichkeit eine Kampagne nach der anderen erobert. Die auf dem Laufsteg mehr zeigt als Outfits. Die eine besondere Zutat hat, eine feine Chemie – den Garrn-Faktor. Fotografen wie der renommierte Ralph Mecke, der sie auch für das ZEITmagazin abgelichtet hat, schwärmen von ihr: »Wenn man ein Shooting macht, hat man nicht das Gefühl, Mode zu fotografieren, sondern eine Frau zu porträtieren. Toni Garrn kann in hundert Rollen schlüpfen, doch sie verliert dabei nie ihre Persönlichkeit.«

Wenn sie will, kann sie aussehen wie ein kleines Mädchen, das man beschützen muss. Ihre Karriere zeigt, dass sie alles andere ist als das. Toni Garrn erfindet sich als Model selbst. Sie macht ganz genau das, was sie will. Das mussten schon ihre Eltern erkennen.

Mit elf Jahren will sie unbedingt an einem internationalen Jugendcamp teilnehmen. Vier Wochen ohne Erziehungsberechtigte in Ohio . Es gibt keine Sprachprobleme, die Familie hat in London und Athen gelebt. »Ich hatte in den ganzen vier Wochen kein bisschen Heimweh«, sagt sie heute. In Ohio hört sie zum ersten Mal, dass sie etwas Besonderes sei. Sie teilt sich das Bett mit einem Mädchen aus Brasilien, das sagt: »Ich liege unter einer Decke mit dem künftigen Supermodel.« So erzählt es Toni Garrns stolze Mutter.

Es dauert nur drei Jahre, da redet wieder jemand vom Modeln, aber diesmal eine, die etwas vom Geschäft versteht. Es ist auf einem Hamburger Fest während der Fußball-WM 2006. Toni Garrn kommt mit Freunden an der Fanmeile vorbei. Dort wird eine Modenschau gezeigt. Auf einmal hastet eine Frau herbei, als würde sie mit jemandem um die Wette laufen. Sie klettert über Tische und Biergartenbänke und drückt Toni eine Visitenkarte in die Hand. Die Frau ist Claudia Midolo, Inhaberin von Modelwerk, einer der größten Modelagenturen Deutschlands. Das große Mädchen mit dem ebenmäßigen Gesicht hat sie elektrisiert.

Kurz darauf kommt Toni mit ihrer Mutter Anja für Probeaufnahmen in die Agentur. Es folgen erste Jobs, ein Shooting mit der Jeansmarke Closed. Claudia Midolo glaubt fest an ihre Entdeckung und fördert sie, wo sie kann. »Es war auf dem Laufsteg bei einer Modenschau eines Versandhauses, als ich zum ersten Mal ihre besondere Anmut spürte – da war mir klar, dass sie eine große Karriere vor sich hat.« Schon nach einem Jahr hat Toni Garrn ihren internationalen Durchbruch. Sie eröffnet die Show von Calvin Klein in New York – und wird für ein Jahr das neue Gesicht der Marke.

Der Aufbau eines Models ist ein harter und langwieriger Prozess. Hat eine Agentur ein new face entdeckt, ein neues Gesicht, versucht sie zunächst, Kontakte zu Fotografen zu knüpfen, um die junge Frau in hochwertigen Modeaufnahmen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Gleichzeitig wird sie bei ausländischen Agenturen vorgestellt. Erst wenn diese von einem Model überzeugt sind, hat es die Chance, bei den Schauen in Mailand, Paris und New York gebucht zu werden.

Die Defilees sind ein Knochenjob, in wenigen Wochen können es etwa 40 Auftritte sein. Und die sind nicht einmal gut bezahlt. Doch bei den Schauen kommen die Schönheiten in Kontakt mit großen Designern. Es ist ein Reklamelauf in eigener Sache. Erst wenn die Models für wichtige Kampagnen gebucht werden, verdienen sie das große Geld. Und ihre Agentur kassiert davon in der Regel 20 Prozent. Die Frage ist nur, wie lange. Denn es hängt viel davon ab, wie dauerhaft die Newcomerin begehrt ist.

Manchmal sind Agenturen geneigt, aus einem gut gehenden Model in Kürze möglichst viel Geld herauszuholen. Dann hat sich die Branche bald an dem Gesicht sattgesehen, und das Model verschwindet aus den Markenkampagnen. Eine Karriere nach dem Hype gelingt nur den Frauen, die sich selbst zur Marke gemacht haben.

Es ist unbekannt, warum sich Toni Garrn im vergangenen Jahr von ihrer Entdeckerin Midolo getrennt hat. Beide Seiten schweigen dazu. Manche in der Branche glauben, die Konditionen hätten dem Model nicht mehr gepasst, andere schätzen, der Termindruck sei Toni Garrn zu groß geworden. Sie habe nicht mehr so viele unterschiedliche Aufträge wahrnehmen wollen.

Sicher ist nur, dass nun Ted Linow neben ihr am Tisch sitzt, der Chef ihrer neuen Agentur Mega Model. Im gelben Pulli und mit verstrubbelten grauen Haaren sitzt er da und redet wie ein Bub, der kaum glauben kann, welch einen großen Lutscher er geschenkt bekommen hat. »Wenn man einen Schatz wie Toni Garrn hat, muss man vorsichtig damit umgehen«, sagt er und lacht. Vielleicht auch aus Freude darüber, dass er Hüter des wichtigsten deutschen Models geworden ist – ohne über Biertische und Bänke klettern zu müssen.

Er erklärt seine Strategie für Toni Garrn: »Es gibt Models, die duften – und solche, die riechen nach McDonalds.« Es gebe tolle Frauen, die aber so inszeniert würden, dass mancher ihnen in den Hintern kneifen möchte. »Aber niemand würde daran denken, jemandem wie Nadja Auermann in den Hintern zu kneifen.« Solche Models umfängt etwas Göttliches. In diesem Sinne ist Linows Agentur in der Hamburger Innenstadt eine Gottfabrik. Legenden wie Eva Herzigova und Tatjana Patitz sind bei Mega Model unter Vertrag.

Allerdings gelingt es nicht, um jedes Model herum eine Aura aufzubauen. Für Linow gibt es »große Mädchen« und solche, die es nicht sind. Man könne ihnen nur günstige Konditionen verschaffen. Jene Frauen, die möglichst schnell auf möglichst allen Kanälen bekannt gemacht werden, sind wie one hit wonder in der Popmusik. Gesichter, die zwei Saisons lang allgegenwärtig sind und dann nicht mehr. Die anderen sind die Stars, und »Stars muss man Zeit geben«.

Toni soll nicht für alle jederzeit und überall fassbar sein. Ihre Agentur will sie nur für die größten und besten Aufträge hergeben. Vier bis fünf Medienanfragen werden pro Tag abgewimmelt. Etliche Buchungswünsche bleiben unerfüllt. Was Linow nicht sagt: Ihm bliebe auch gar nichts anderes übrig. Denn mit dem Agenturwechsel hat sein Schützling die Mechanik der Branche umgekehrt. Das Tempo gibt nun Toni Garrn vor. Ted Linow würde sein wichtigstes deutsches Model nie verärgern wollen. Mit ihm hat Toni Garrn eine Linie erarbeitet, an die sich beide halten. Das kann für Linow sehr anstrengend sein.

Zum Beispiel bleibt Toni Garrn den kommenden Schauen in New York, Mailand und Paris fern. In der Modebranche ist das, als schwänzte ein Ministrant die Messe. Aber Toni möchte ihr Abitur machen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, üblich bei Models ist eher, die Schule zu schmeißen. Doch Toni Garrn will nicht ihre Lebensentscheidungen von Modeherstellern treffen lassen.

Ted Linow sagt: »Toni Garrn muss ein Name werden. Kein Model. Ein Produkt.« Die Frau, von der er spricht, sitzt neben ihm, und es ist ihr nicht anzusehen, ob sie ein Produkt sein möchte, ein Name, ein Model oder einfach sie selbst. Sie ist nie überheblich, aber völlig unbeeindruckt von der Aufregung um sie. Stellt man ihr persönliche Fragen, huscht manchmal ein roter Schleier über ihr Gesicht. Nie, wenn sie über den Job spricht.

Und schon gar nicht, wenn sie berichtet, dass sie in den Zeitungen ständig Dinge über sich erfährt, die sie selbst gar nicht wusste. Sie konnte schon lesen, dass sie davon träume, mit Delfinen zu schwimmen, und dass ihr größter Wunsch sei, einen Hund zu haben. Einen Hund, ausgerechnet – was sollte sie, die ständig zwischen verschiedenen Kontinenten unterwegs ist, damit anfangen?

Offenbar macht sich jeder ein eigenes Bild von Toni Garrn. Doch das entspricht dem Wesen eines guten Models: Es bietet eine große Projektionsfläche, kann alles sein und ist selbst nur ein Hauch.

In das Schema, wie Models heute oft gesehen werden, passt sie nicht. Meist werden sie als abhängige, ausgehungerte Gestalten dargestellt. Frauen wie Toni Garrn zeigen, wie eindimensional diese Vorstellung ist. Die ausgemergelte Schöne stand symbolisch für die ersten Jahre dieses Jahrhunderts. An die Stelle der selbstbewussten Supermodels waren die Marken und Designer gerückt. Die Modeschöpfer gerierten sich selbst als Stars, die Models waren nur Teil der Inszenierung. Keine Persönlichkeit sollte von der Kleidung ablenken, kein Gesicht die Outfits überstrahlen. Entsprechend wurden die Models dünner und dünner – sie verschwanden fast in den Kleidern, die sie präsentierten.

Mittlerweile taugen Super-Egos nicht mehr als Marken-Image. Die Mode muss wieder an die Menschen heranrücken. Es sind Charaktere gefragt, mit denen man sich identifizieren kann, keine Kunstkörper. Und nachdem die Modenschauen lange von Osteuropäerinnen beherrscht wurden, kehren nun die nordischen, blonden Schönheiten zurück, man hat Sehnsucht nach dem Klassischen. Dieses Jahrzehnt ist für Toni Garrn gemacht.

Natürlich ist sie schon auf Kolleginnen gestoßen, bei denen sie das Gefühl hatte, »die fallen gleich um«. Als Model, sagt sie, brauche man aber ein gesundes Gesicht. Man könne nicht mit Ringen unter den Augen und eingefallenen Wangen ein Beauty-Shooting machen. Sie selbst sei nie dicker gewesen als jetzt, sagt sie.

Die Modelwelt, dieser Ort der Eitelkeit und Konkurrenz – darf man denn ein junges Mädchen überhaupt dorthin entlassen? Tonis Mutter Anja Garrn hat sich diese Frage selbst gestellt, als Toni zum ersten Mode-Shooting wollte. »Am Anfang habe ich mir natürlich Sorgen gemacht. Aber Toni war schon immer sehr selbstständig, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, macht sie es auch.«

Anfangs muss Toni sich, wenn sie vor der Kamera steht, einmal täglich bei der Mutter melden. Bis vor Kurzem war bei Shootings immer jemand von der Agentur an Tonis Seite. Und natürlich gibt es die Vereinbarung, die jeder Kunde bei der Buchung unterzeichnen muss: keine Nacktheit, kein Pelz, keine Zigaretten. Mit der Zeit wächst das Zutrauen der Mutter zur Tochter. Mittlerweile hat Anja Garrn ihre Arbeit als Großhandelskauffrau aufgegeben und ist Managerin ihres Kindes. Während andere Mütter 17-Jähriger sich darum kümmern, dass diese rechtzeitig nach Hause kommen, verhandelt sie Verträge.

»Eigentlich bist du ja meine Angestellte«, witzelt Toni. Und bekommt ein etwas schmerzliches Lächeln ihrer Mutter zurück. Irgendwie hat sie mit ihren zarten Fingern eben alle in der Hand. Selbst diejenigen, die sie erziehen sollen. Das Modelgeschäft hat sie erwachsen gemacht. Das Abitur zieht sie ein Jahr vor, und in ihrer Klasse war sie sowieso schon immer die Jüngste. »Am Anfang war das schon komisch. Da kam ich von einem Job aus New York, aus einer Welt, in der es nur Erwachsene gab, und war plötzlich wieder unter Gleichaltrigen.«

Nur manchmal, wenn sie erzählt, fällt auf, wie jung sie noch ist. Etwa, wenn sie erklärt, was sie an Karl Lagerfeld mag. »Sein ganzes Studio ist voller Bücher, keine weißen Wände, sondern überall Bücher – und zwar richtige Bücher, keine Reclam-Heftchen!«

Da spickt sie wieder hervor, die Mädchenwelt der Schülerin, die ihre Deutschlektionen in kleinen gelben Heften paukt, wenn sie über den Atlantik fliegt.

In wenigen Wochen schreibt sie ihre Abiturklausuren. Deutsch Leistungskurs. Englisch Leistungskurs. Sie muss sich mit Erörterungen zum Thema Bildung auseinandersetzen und mit William Shakespeare . Um sich auf die Klausuren vorzubereiten, nimmt sie sich gerade mal eine Woche Zeit im Februar. Eine Woche, in der sie überhaupt keine Jobs macht, sagt sie.

Das ist die Welt von Toni Garrn. Alles ist getaktet. Selbst die Schulprüfung, die für andere junge Menschen das Tor zum Erwachsensein bedeutet, ist ein Termin, für den ein Zeitfenster definiert ist.

Ist sie schön? Sie weiß es nicht. »Es gibt verschiedene Sichtweisen von Schönheit«, meint sie. Sie entspreche wohl dem Laufsteg- und Fotoshooting-Schönheitsideal – der Schönheit der Mädchen, die 1,80 Meter groß sind, lange Beine und blonde Mähnen haben. »Ich glaube aber nicht, dass mich die Jungs an meiner Schule heiß finden.« Die Schönheit, die Jungs wollten, sei großbusig und knackarschig und geschminkt.

Früher, mit 14, habe sie sich auch geschminkt. Heute nicht mehr. »Kaum jemand in der Modelbranche schminkt sich privat.« Toni Garrn sieht sich als ernsthafte Arbeiterin. Sie stellt ihren Körper den Modedesignern und ihr Gesicht der Kosmetikindustrie zur Verfügung. Für sie ist Schönheit eine Dienstleistung. Wenn sie Feierabend hat, muss sie nicht schön sein.

Wie weit soll die Karriere gehen? Für den Agenturchef ist es keine Frage, ob Toni Garrn eine Ikone wird, sondern nur, auf welche Weise es geschieht: »Kann man damit leben, dass ständig jedes Detail des Privatlebens ausgeleuchtet wird? Das sind die Dinge, über die wir sprechen.«

Toni Garrn schaut den Mann an, der davon redet, dass sie ein Superstar wird, und wirkt dabei so nüchtern, als sei er ihr Steuerberater. Entweder hat sie sich tatsächlich schon an die Superlative gewöhnt, die sie umwehen, oder sie sind ihr nicht wichtig. Das seien alles Dinge, die sie vielleicht später mal beträfen, sagt sie, nicht jetzt.

Bald wird sie nach New York umziehen. Vielleicht wird es das Ende von Toni, dem Mädchen, sein und es gibt nur noch Toni Garrn, das Model.

Denkbar ist aber genauso, dass sie irgendwann einfach Schluss mit dem Modeln macht. Ted Linow macht sich da keine Illusionen: »Wenn Toni einfällt, dass sie Trapezkünstlerin werden will, dann wird sie das einfach machen – auch wenn sie hier alle traurig zurücklässt.«

Kurz bevor sie geht, verrät sie, was sie tun möchte, wenn sie 18 wird. Ins Casino gehen: »Ich spiele gut Poker. Meist werde ich unterschätzt.«

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • jolie
    • 21. Januar 2010 11:20 Uhr

    Hübsch und taff!

    • Mara1
    • 21. Januar 2010 13:26 Uhr

    ich glaub, der autor hat sich verliebt. denn mir schwärmt er ein bissi zu sehr über eine sicher hübsche dame, die aber auch nicht so viel anders aussieht als so viele andere laufstegschönheiten

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • yuval
    • 21. Januar 2010 18:11 Uhr

    ...dass der Herr Prüfer sich ein wenig verguckt hat in die zugegebenermaßen hübsche Hamburgerin. Aber eine Ines de la Fressange wird sie niemals sein. Vermutlich kennt der Autor diese Ikone aber auch gar nicht mehr.

  1. 3. Kind

    iss doch mal was. Du siehst so blass aus. Und so mager.

    • yuval
    • 21. Januar 2010 18:11 Uhr

    ...dass der Herr Prüfer sich ein wenig verguckt hat in die zugegebenermaßen hübsche Hamburgerin. Aber eine Ines de la Fressange wird sie niemals sein. Vermutlich kennt der Autor diese Ikone aber auch gar nicht mehr.

    Antwort auf "verliebt"
    • LP
    • 22. Januar 2010 4:39 Uhr

    Ich weiss jetzt, warum Menschen an Engel glauben. Und: Welcher Mann denkt nicht an ein schönes Mädchen zurück. Je älter der Mann und je jünger die Frau, desto unerreichbarer scheint die holde Maid zudem zu sein. Je unerreichbarer die Maid erscheint, desto stärker das Verlangen, diese Unmöglichkeit aus der Welt zu schaffen.
    Ich würde sagen: Hör auf zu träumen und überleg Dir, worüber Du nach 20 Jahren Ehe mit ihr reden würdest. Es ist auch nicht gerecht schöne Frauen nur nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Sie haben ebenso ein Inneres wie alle anderen Menschen auch, auch wenn man schnell mal darüber hinweg sieht.
    Im übrigen: In der Schule hatte ich eine Klassenkameradin, die war noch tausend mal schöner als Toni. Sie geht heute einer geregelten Tätigkeit nach.

    • mara2
    • 22. Januar 2010 14:27 Uhr
    6. hype

    »Ich liege unter einer Decke mit dem künftigen Supermodel.« So erzählt es Toni Garrns stolze Mutter.
    "Während andere Mütter 17-Jähriger sich darum kümmern, dass diese rechtzeitig nach Hause kommen, verhandelt sie Verträge." boah, wow!!
    auch bei vielen anderen passagen merkt man, dass der autor völlig hin und weg war und nicht wirklich kritische distanz wahrt. es ist ein pr-text für ein model, das DAS supermodel sein soll. in österreich ist es iris strubegger, so hat jedes land sein SUPERMODEL. lustig wie manche gehypt werden. sogar von seriösen medien.

  2. "Und natürlich gibt es die Vereinbarung, die jeder Kunde bei der Buchung unterzeichnen muss: keine Nacktheit, kein Pelz, keine Zigaretten." - siehe Vogue Italy von November 2008 ;-) Die Modewelt scheint soviel Idealismus nicht zuzulassen - oder war das Shooting der Grund für den Agenturwechsel?

  3. "Und nachdem die Modenschauen lange von Osteuropäerinnen beherrscht wurden, kehren nun die nordischen, blonden Schönheiten zurück, man hat Sehnsucht nach dem Klassischen." WER hat Sehnsucht nach dem Klassischen? Nordisch ist klassisch? Osteuropäerinnen sind also Kunstkörper ohne Charakter. Also so viel Ethnozentrismus hätte ich in einer seriösen Zeitung nicht erwartet.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service