Holocaust-Gedenken "Bist du Jude?"Seite 3/3

Auch Aycan Demirel will der deutschen Geschichte nicht ausweichen, im Gegenteil. Lange hing seine Einbürgerungsurkunde über seinem Schreibtisch im Büro, für alle sichtbar, eingetütet in eine Klarsichtfolie. Mit einem dicken roten Filzstift hatte er »100 Prozent Staatsbürger« darauf geschrieben. Warum, weiß er selbst nicht mehr genau. »Vielleicht war es die Erleichterung, die Urkunde endlich zu haben«, sagt er und lächelt. Aber das allein sei es nicht, räumt er ein. Es habe auch ein Bekenntnis zur deutschen Gegenwart, zur Zukunft bedeutet. Und zur deutschen Vergangenheit.

Ein solches Bekenntnis fordert Armin Laschet (CDU), nordrhein-westfälischer Integrationsminister, von allen Migranten in Deutschland. Er ist einer der wenigen Politiker, die sich bislang an dieses Thema gewagt haben. Er sieht die Schwierigkeiten, die entstehen können, wenn arabischstämmige Jugendliche eine NS-Gedenkstätte besuchen und dabei den Nahostkonflikt vor Augen haben. Dennoch steht für ihn fest: »Die deutsche Geschichte verpflichtet jeden, der in Deutschland lebt, zu besonderer Sensibilität gegenüber dem Antisemitismus – unabhängig von der Herkunft. Und diese Verantwortung schließt das Eintreten für das Existenzrecht Israels mit ein. Das erwarte ich auch von allen muslimischen Bürgern unseres Landes«, sagt er. Das sei immerhin deutsche Staatsräson.

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Wird das Bekenntnis zur deutschen Geschichte so zum letzten, feinsinnigsten, ultimativen Einbürgerungstest? Erweist sich die Erinnerung an den Holocaust vielleicht gar als neuer, besonders subtiler Exklusionsmechanismus? Kann in diesem Sinne »deutsch« nur sein, wer erinnert?

Als er für seine Magisterarbeit die Akten des »Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens« aus den Jahren 1933 bis 1935 studierte, habe »ich mir eingebildet, Parallelen zu meiner eigenen Community« zu entdecken, sagt Ufuk Topkara. Er meint keine plumpe Opfer-Parallelität. Aber genauso wie die Juden damals, im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, müssten die Türken heute in Deutschland mehr leisten als Deutsche, um ihren Platz zu finden. »Wir müssen besser sein als die Deutschen, um akzeptiert zu werden.« Auch beim Erinnern?

Oder wird sich in einer zusehends multiethnischen Gesellschaft der Identitätskern der Bundesrepublik verändern? Wird das Selbstverständliche, auch im Umgang mit dem Holocaust, aufhören, selbstverständlich zu sein? Wird sich die Bundesrepublik »selbst unbekannter«, wie der Soziologe Heinz Bude vermutet? Wird die Prägekraft der Erinnerung an Auschwitz nachlassen, wird sie jedenfalls ergänzt, überlagert, abgelöst von anderen Erinnerungen? Könnte das Gedenken an den Holocaust vielleicht sogar die gesellschaftliche Inklusion fördern – als eine Verständigung auf gemeinsame, universale Werte?

Aycan Demirel und seine Kollegen haben auch das schon erlebt. Demirel erzählt von einer Reise nach Israel, an der ausschließlich palästinensische Jugendliche aus Deutschland teilgenommen haben. Dort, in Israel, seien die Jugendlichen ständig auf Deutsch angesprochen worden. Er habe, sagt Demirel, das Gefühl gehabt, sie seien als Palästinenser nach Israel gereist – und als Deutsche zurückgekommen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. "Für Topkara stellt sich die Frage gelungener Integration kaum mehr. »Ich bin Deutschtürke«, sagt er ohne Zögern. Türkisch sei sein Familiensinn, seine Emotionalität, er empfinde es als Privileg, sich intensiv mit seinem Glauben auseinandergesetzt zu haben. Deutsch sei sein Denken, sein Schreiben. Er habe eine deutsche Schule besucht, er habe deutsche Freunde, »mein Konsumverhalten ist deutsch«. "

    Wow - ohne Zögern sagt er: "Ich bin Deutschtürke."

    Die einfache Aussage: "Ich bin Deutscher" gelingt selbst so mustergültig integrierten Leuten ums Verrecken nicht.
    Merkwürdig, daß in den USA die meisten Migranten bei der gleichen Frage ohne Zögern sagen würden: "Ich bin Amerikaner."

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    1. stimmt nicht. In den USA wird unterschieden in "African American", "Hispanics" ect. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Ihnen das unbekannt ist.

    2. Was stört Sie überhaupt daran? Es gibt Deutschtürken ebenso wie zum Beispiel Afro-Deutsche. Ob die Leute sich so nennen wollen oder nicht, ist ihre Angelegenheit und jawohl sicherlich kontextabhängig. In diesem Artikel geht es ja offenbar um kulturelle Konflikte und weniger um die nationale Identität im Pass. Oder was ist in Ihren Augen ein "Deutscher"?

    Sehr geehrte/r Leserlich,

    stellen wir die Frage doch mal andersherum:

    Was genau ist Deutsch? ..

    von Bismarcks Wehrbündnis mal abgesehen, ... und dem Stück Papier in der Tasche wenn man in urlaub fährt?

    1. stimmt nicht. In den USA wird unterschieden in "African American", "Hispanics" ect. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Ihnen das unbekannt ist.

    2. Was stört Sie überhaupt daran? Es gibt Deutschtürken ebenso wie zum Beispiel Afro-Deutsche. Ob die Leute sich so nennen wollen oder nicht, ist ihre Angelegenheit und jawohl sicherlich kontextabhängig. In diesem Artikel geht es ja offenbar um kulturelle Konflikte und weniger um die nationale Identität im Pass. Oder was ist in Ihren Augen ein "Deutscher"?

    Sehr geehrte/r Leserlich,

    stellen wir die Frage doch mal andersherum:

    Was genau ist Deutsch? ..

    von Bismarcks Wehrbündnis mal abgesehen, ... und dem Stück Papier in der Tasche wenn man in urlaub fährt?

  2. Und ein lobenswertes Engagement. Auch wenn man hinzufügen sollte, dass Antisemitismus tief im deutschen Bürgertum verwurzelt ist. Im fortgeschrittenen alkoholisierten Zustand kommen die besten antisemitischen Verschwörungstheorien zutage. Die haben wenig mit Palästina zu tun und viel mit der Israel-Lobby in den USA und der vermeintlichen Verantwortung jüdischer Geschäftsleute mit der Finanzkrise.

  3. Ich gebe zu, eine plakative Überschrift von mir. Aber:

    »Ich habe begriffen, dass die Jugendlichen und ihre Familien Juden nicht als Opfer wahrnehmen – sondern als Täter. Als Besatzer, Unterdrücker, als israelische Soldaten, die Palästinenser erschießen«

    Also müssen Juden prinzipiell als Opfer wahrgenommen werden? Fakt ist doch, dass vieles in Israel falsch läuft und das israelische (oder "jüdische" Verhalten) nicht tolerierbar ist. Die Jungs sollten eher lernen differenziert zu denken. Es gibt schlechte Juden und es gibt schlechte Moslems. Auch im osmanischen Reich lief vieles falsch, aber warum die Deutschen meinen prinzipiell bei den Juden niedrigere moralische Maßstäbe aufgrund des Holocaustes ansetzen zu müssen, verstehe ich nicht.

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    Niemand verlangt das. Aber sich das einzureden verschafft einem natürlich eine bequeme Position auf der man Antisemitismus aufbauen kann.

    z.B. dass sie dort mit insgesamt ca. 6 Mil. Leute einer gruppe von etwa 1 Milliard nicht gerade freundlichen Moslemes gegenüber stehen.

    Niemand verlangt das. Aber sich das einzureden verschafft einem natürlich eine bequeme Position auf der man Antisemitismus aufbauen kann.

    z.B. dass sie dort mit insgesamt ca. 6 Mil. Leute einer gruppe von etwa 1 Milliard nicht gerade freundlichen Moslemes gegenüber stehen.

  4. 1. stimmt nicht. In den USA wird unterschieden in "African American", "Hispanics" ect. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Ihnen das unbekannt ist.

    2. Was stört Sie überhaupt daran? Es gibt Deutschtürken ebenso wie zum Beispiel Afro-Deutsche. Ob die Leute sich so nennen wollen oder nicht, ist ihre Angelegenheit und jawohl sicherlich kontextabhängig. In diesem Artikel geht es ja offenbar um kulturelle Konflikte und weniger um die nationale Identität im Pass. Oder was ist in Ihren Augen ein "Deutscher"?

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    • rudi07
    • 21.01.2010 um 23:25 Uhr

    Stimmt sehr wohl, denn nur weil jemand "unterschieden" wird (von wem auch immer), kann er/sie sich völlig anders sehen. Und ja, die überwiegende Mehrheit der US-Bevölkerung sieht sich schlicht als Amerikaner. Unabhängi von ihren traditionellen Werten, die sie weiterhin nach Herzenlust pflegen können. Deshalb mag ich auch nicht besonders diesen häufig gebrauchten Begriff "Schmelztiegel, denn ich finde er charakterisiert in keiner die amerikanische Wirklichkeit. Mir fällt eher das Bild einer Paella ein, wenn ich an Amerika denke.

    • rudi07
    • 21.01.2010 um 23:25 Uhr

    Stimmt sehr wohl, denn nur weil jemand "unterschieden" wird (von wem auch immer), kann er/sie sich völlig anders sehen. Und ja, die überwiegende Mehrheit der US-Bevölkerung sieht sich schlicht als Amerikaner. Unabhängi von ihren traditionellen Werten, die sie weiterhin nach Herzenlust pflegen können. Deshalb mag ich auch nicht besonders diesen häufig gebrauchten Begriff "Schmelztiegel, denn ich finde er charakterisiert in keiner die amerikanische Wirklichkeit. Mir fällt eher das Bild einer Paella ein, wenn ich an Amerika denke.

    • zahir
    • 21.01.2010 um 19:02 Uhr

    [...]
    [entfernt. Bitte verzichten Sie auf zu extreme Aussagen. Danke, die Redaktion/vv]
    Ich glaub es hackt, anstatt es endlich anzustreben, diese Geschichte abzubauen und zukünftigen Kinder nicht mehr damit zu belästigen, sollen jetzt Kinder deren Vorfahren damit nichts zu tun hatten, sich den gleichen Kram anhören? Es wird langweilig, kann Frau Knobloch sich nicht was neues ausdenken um das ewige Mitleid zu erhalten? Und wie wäre es mal damit, in deutschen Schulen zu erklären wie es sich in "Israel" so als Palästinenser lebt?

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    • rudi07
    • 21.01.2010 um 23:35 Uhr

    Bei ihnen weiss man doch, wo der Hase hinläuft. Israel in Anführungszeichen und das Geschnatter vom angeblichen "ewigen Mitleid". Schon klar.
    In Israel leben übrigens keine Palästinenser, sondern arabische Israelis und wenn man die fragt wo sie lieber leben würden, in Israel oder irgend einem beliebigen Flecken der arabischen Welt, dann raten sie mal was die antworten. Ansonsten ist das hier ein freies Land und niemand hindert sie daran, ihre Unwissenheit im Kommentarbereich einer Zeitung ihrer Wahl munter hinauszuplärren.

    • rudi07
    • 21.01.2010 um 23:35 Uhr

    Bei ihnen weiss man doch, wo der Hase hinläuft. Israel in Anführungszeichen und das Geschnatter vom angeblichen "ewigen Mitleid". Schon klar.
    In Israel leben übrigens keine Palästinenser, sondern arabische Israelis und wenn man die fragt wo sie lieber leben würden, in Israel oder irgend einem beliebigen Flecken der arabischen Welt, dann raten sie mal was die antworten. Ansonsten ist das hier ein freies Land und niemand hindert sie daran, ihre Unwissenheit im Kommentarbereich einer Zeitung ihrer Wahl munter hinauszuplärren.

  5. [...](Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion /ft)

    Das Problem an diesem ständigen Ins-Gewissen-Rufen ist genau dasselbe, wie mit der ständig depremierenden innenpolitischen Nachrichten. Es stumpft ab...in politischer Sicht sicherlich gewollt, in geschichtlicher wohl nicht.

  6. Derjenige, den Sie hier so überheblich als "armen Migranten" bezeichnen, versteht sich selbst als einen Deutschen. Lesen Sie den Artikel nochmal.

    Antisemitismus ist kein rein deutsches Problem, sondern z.Z. besonders offensichtlich in der arabischen Welt. So versucht z.B. Israel derzeit mit Hilfe der USA die letzten im Jemen lebenden Juden aus dem land zu holen, weil ihr Leben dort von Islamisten bedroht wird. (Im Jemen lebten schon Juden, bevor es den Islam überhaupt gab).
    In Saudi-Arabien dürfen Juden überhaupt nicht einreisen.
    Sie halten das alles für eine langweilige, alte Geschichte?

    In die Geschichte des 2. WK's und seine Folgen sind nicht nur Deutsche, sondern ganz Europa, Süd- und Nordamerika, Teile Afrikas und natürlich Israel involviert. Und unsere Kinder sollen sie nicht lernen?

    Durch Kommentare wie den Ihren wundert mich die Ignoranz und Behäbigkeit vieler Deutscher hierzulande weit weniger.

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