Protest gegen Vattenfall Auf die Bäume!
Schlechtes Klima in Hamburg: Eine neue Fernwärmeleitung wird zur politischen Baustelle
Dunkelheit senkt sich über den Schneematsch, es ist zugig und kalt. Nein, der Gählerpark in Altona ist um diese Tages- und Jahreszeit kein gemütlicher Ort. Schon nach einer Viertelstunde des Redens im Stehen werden die Beine kalt und die Finger steif, nur schwer finden die Notizen noch ins Buch. Fröstelnd rücken wir näher an die Feuertonne, aus der es knackt und lodert, Funken fliegen empor und folgen dem Wind in Richtung Elbe.
Aglaia scheint die Witterung wenig anhaben zu können; ihre Nase und Wangen schimmern rosig unter der Kapuze hervor. Sie ist 26, schlank und sportlich, und, wenn’s sein muss, im Nu oben auf der Linde. Sie zeigt hinauf zur Krone, da hängt ihr Zelt wie ein verirrtes, zu groß geratenes Vogelhäuschen. Darunter baumelt eine kleine Tanne, noch von Weihnachten, das haben sie hier draußen gefeiert.
Baumbesetzung. Was Hamburg nicht alles zu bieten hat! Seit Mitte Dezember sind Aglaia und ihre Freunde von der Umweltorganisation Robin Wood zur Stelle, 30 Leute sollen es sein, man wechselt sich ab, irgendwer ist immer da, auf oder unter den Bäumen, rund um die Uhr.
»Wie ist das, nachts bei minus zehn Grad? Habt ihr eine Spezialausrüstung?«
»Nö, drei Schlafsäcke übereinander.«
Und natürlich heißer Tee, den bringen die Nachbarn. Die Besetzung findet die Billigung und Unterstützung des Volkes. Es waren zwei Anwohner, die die Sache begonnen hatten, Jürgen und Olivia, sie kommen wie alle hier mit den Vornamen aus. Am 3. Dezember verließen sie ihre Wohnung und zogen ins Geäst. Sie hatten ein Zeichen setzen wollen gegen das, was hier demnächst geschehen soll, und das ist ihnen gelungen. Schnell kamen Unterstützer, Robin Wood rückte an, dann die Presse, Anfang der Woche berichtete sogar der Berliner Tagesspiegel . Es scheint, als habe Hamburg zurzeit mehr Rebellion zu bieten als ehedem Kreuzberg.
Im Spätkapitalismus differenziert sich alles aus. Auch der Widerstand. Ging es einst gegen Atomkraftwerke, Wiederaufarbeitungsanlagen oder Endlager, geht es jetzt gegen die Verlegung zweier Wasserrohre. Sie messen je einen Meter im Schnitt, es sind Vor- und Rücklauf der Fernheizung, die ein Kraftwerk im Süden der Stadt mit einer Pumpstation im Norden verbinden sollen. Zwölf Kilometer lang, meistenteils unterirdisch, hohe Temperatur, hoher Druck, aber das ist nicht der Punkt. Hamburg hat Fernheizung seit 1894, man beherrscht die Technik.
Der Punkt ist das Kraftwerk: Moorburg. Der schwedische Konzern Vattenfall errichtet an der Elbe ein Steinkohlekraftwerk, das in der Stadt wenig Sympathie genießt. Wie kann man sich über die Langsamkeit in Kopenhagen bei der Rettung des Weltklimas beklagen und selber eine CO₂-Schleuder bauen? Im Jahr 2011 will sich Hamburg mit dem Titel European Green Capital schmücken, 2012 geht Moorburg ans Netz.
Und jetzt, 2010, wohl noch im Januar, wird Vattenfall damit beginnen, knapp 400 Bäume zu fällen, eine neun Meter breite Schneise quer durch teilweise dicht besiedeltes Gebiet. Man braucht ja Platz für die Rohre und die Baufahrzeuge. Um den Autoverkehr nicht über Gebühr zu behindern, hat sich die Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt bei der Trassenplanung dazu entschlossen, nicht die vierspurige Holstenstraße aufzureißen, sondern den benachbarten Grünzug hinter den Hochhäusern.
Grünzug, das trifft es. Sieht man sich um, ist Gählerpark ein großes Wort. Da stehen ein paar Bäume auf dem Rasen, die Anlage ist schmal, sie mündet in einer Fußgängerbrücke über die Straße. Aber es gibt nicht viele Erholungsflächen in diesem Teil der Stadt, und so verbünden sich nun die genervten Anwohner mit den global motivierten Kohlendioxidgegnern.
Hamburg verfolgt ein Konzept der Stadtverdichtung. Man möchte die Zersiedelung des Umlandes stoppen und auch den Abfluss der Einkommensteuer. Aber in der verdichteten Stadt wächst der soziale Druck. Viele Bürger haben das Gefühl, dass die enorme Bautätigkeit zu ihren Lasten geht – und sie wehren sich.
Am Dienstag dieser Woche veröffentlichte das Hamburger Abendblatt einen »Stadtplan des Widerstands«, in dem zehn Stellen markiert sind, an denen Bürgerwille und Senatsplanung aufeinanderprallen. Da geht es um Großprojekte, Kleingärten, Abholzungen und vieles andere mehr. Bemerkenswert an der Karte ist, dass einem auf Anhieb gleich noch mehr Baustellen einfallen: Von der Rettung des historischen Gängeviertels vor Spekulation über den Kampf gegen die Gentrifizierung St. Paulis und des Schanzenviertels bis hin zur problematischen Schulreform. Und dann die umstrittene Fernwärmeleitung.
Die Zeitung zitiert Ole von Beust, den trotz aller Probleme der schwarz-grün regierten Stadt immer noch beliebten Bürgermeister. Er fragt sich, ob in Hamburg zunehmend Partikularinteressen gegen das Allgemeinwohl durchgesetzt werden. »Früher hätte man gesagt: Ihr habt ein Rad ab. Ihr wendet euch gegen den Wohlstand, von dem ihr lebt.«
Möglicherweise hat von Beust damit recht. Die Frage ist bloß, wer hier Partikularinteressen vertritt. Steht Vattenfall für das Gemeinwohl?
Vergangenen Donnerstag wies das Verwaltungsgericht Hamburg eine Klage des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland gegen die Fernwärmeleitung zurück; ihm komme kein Klagerecht zu. Bis zum Ende dieser Woche prüft der BUND, ob er Widerspruch einlegen will.
An jenem Donnerstag lud Vattenfall die Anwohner zu einer öffentlichen Fragestunde, der ersten überhaupt, wenige Wochen vor Baubeginn. Aber Rainer Schubach, Chef von Vattenfall Hamburg, kam nicht zu Wort. Nicht einen Satz konnte er sagen. Er wurde ausgepfiffen und beschimpft, der Abend endete vorzeitig.
Die grün geführte Umweltbehörde blieb der tumultuösen Veranstaltung trotz Einladung fern; sie tut so, als hätte sie mit der ganzen Sache nichts zu tun, weil sie das Kraftwerk ja auch nicht wollte. Ob die Wähler der Grünen das verstehen?
- Datum 21.01.2010 - 09:29 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 21.01.2010 Nr. 04
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