Der Außenminister Guido mobil
Für Polen und Türken, gegen die Bayern: Die ersten 100 Tage des Außenministers Westerwelle
Er hat wirklich vom Beten gesprochen. Nicht »Anteilnahme«, »Solidarität« oder wie die ohnmächtigen Phrasen des Beileids sonst heißen. Nein: »Wir beten für die Verletzten in Haiti«, erklärt Guido Westerwelle in Tokyo, auf der ersten Station seiner Asienreise.
Etwas grünlich-bleich schaut er in die Kameras – kein Wunder nach dem zermürbenden Nachtflug über die endlosen Permafrost-Weiten Sibiriens. Vielleicht ist ihm das fromme Wort im Meiji-Schrein eingefallen, dem Shinto-Heiligtum im Herzen der Hauptstadt. Aus Respekt vor den Göttern musste er dort ohne Mantel im dünnen Diplomatenanzug einen heiligen Tamaguschi-Zweig auf den Altar legen. Am Ende der Zeremonie war er dann so durchgefroren, dass auch der heilige Reiswein, den man hier trinkt, keine Wärme mehr brachte. Angesichts des Grauens von Port-au-Prince, über das Westerwelle von seinen Mitarbeitern ständig informiert wird, steht der Außenminister erstmals vor einer Katastrophe »biblischen Ausmaßes«, bei der auch ein geölter Apparat von fast 7000 Mitarbeitern zunächst einfach hilflos ist.
Nicht einmal hundert Tage ist der Ex-Oppositionsführer nun mit seiner Transformation in den Außenpolitiker Westerwelle beschäftigt. Und doch zeichnen sich schon erste Linien seiner Amtsführung ab. Überraschende Lockerungsübungen zum Türkeibeitritt, die Aufwertung des Nachbarn Polen auch auf Kosten der Vertriebenenfunktionärin Steinbach, ein mahnender Blitzbesuch im zerfallenden Staat Jemen und schließlich der Versuch, unverklemmt die Interessen der deutschen Industrie und die Menschenrechte in China zu vertreten – das ist nicht nichts.
- Auf Tour
-
Ein neuer Außenminister muss sich in der Welt bekannt machen – erst recht, wenn er sich bisher nicht viel mit Außenpolitik beschäftigt hat. Hier Guido Westerwelles Reiseziele seit seinem Amtsantritt:
Warschau (31.10.2009), Den Haag und Paris (2.11.), Luxemburg und Brüssel (3.11.), Washington (5.11.), Kopenhagen und London (11.11.), Bern (12.11.), Madrid (13.11.), Kabul (19.11.), Moskau (20.11.), Jerusalem und Ramallah (23./24.11.), Wien (25.11.), Prag (2.12.), Stockholm (10.12.), Helsinki (11.12.), Rom (20./21.12.), Ankara und Istanbul (6. bis 8.1. 2010), Riad (8./9.1.), Qatar (9./10.1.), Abu Dhabi (10./11.1.), Tallinn (13.1.), Tokyo (14./15.1.), Peking (15./16.1.)
Die Japaner pflegt er, die Chinesen kritisiert er
Jeder Asientrip ist dieser Tage eine Reise an die Grenze der Macht. Schmeicheln hilft in China derzeit so wenig wie drohen, locken so wenig wie mahnen – wie zuletzt Obama und Google erfahren mussten, beides größere Gewichte im Ring als ein deutscher Außenminister (siehe auch Seite 9). Aber es nützt nichts, im Umgang mit China muss man sich kenntlich machen, auch fürs Publikum daheim. Es ist ein Klischee der Diplomatie, dass Asiaten viel Wert darauf legen, »das Gesicht nicht zu verlieren«. Ein Peking-Besuch ist heute mehr ein Test der Würde des Gastes.
Westerwelle macht es so: Er fliegt demonstrativ über Japan dorthin und nimmt sich in Tokyo mehr Zeit als nötig. Er isst ausführlich mit dem japanischen Amtskollegen zu Abend und übernachtet in Tokyo, obwohl es unpraktisch ist. Er preist die »Wertepartnerschaft« mit Japan, was im Umkehrschluss bedeutet, dass es eine solche mit China eben (noch) nicht gibt. Und in Peking, bei seiner Begegnung mit dem chinesischen Außenminister Yang Jiechi, der extra eine Afrikareise unterbrochen hat, um den Deutschen kennenzulernen, spricht er dann drei Mal vor der Presse von den »Meinungsunterschieden«, die man nicht unter den Teppich kehren wolle. Das ist – zumal bei einem Antrittsbesuch – hart an der Grenze zum Unfreundlichen.
China in Menschenrechtsfragen zu kritisieren und doch offensiv die Interessen der zahlreich mitreisenden deutschen Industrie zu vertreten sei kein Widerspruch, meint Westerwelle. Er glaube an »Wandel durch Handel«. Der chinesische Kollege lächelt fein dazu. Mag sein, dass auch der nette Herr Yang daran glaubt. Nur wer hier am Ende wen wandelt, das ist für ihn womöglich noch nicht ausgemacht.
Mit dem Besuch in Peking ist Westerwelles weltweite Vorstellungsrunde abgeschlossen. Er wirkt noch ein wenig überrascht davon, dass er sie ohne Fehltritt hinbekommen hat. Gerne streicht er heraus, er sei schließlich »nicht in einem Schloss aufgewachsen«, sondern in einem Bonner Altbau-Reihenhaus. Wenn er eifrig hinterherschiebt, zwischen dem Schlossbesitzer Guttenberg und Guido, dem Reihenhauskind, gebe es keine Konkurrenz in der Regierung, dementiert sich das von selbst. Am Ende des Monats müssen Guttenberg und Westerwelle in der wichtigsten außenpolitischen Frage dieses Landes eine gemeinsame Linie vertreten – bei der Londoner Afghanistankonferenz. Nachdem sich Liberale und Christlich-Soziale seit Beginn der Regierung lustvoll beharkt haben, wäre das mal etwas Neues.
- Datum 23.01.2010 - 10:23 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 21.01.2010 Nr. 04
- Kommentare 19
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Es ist doch schön, wenn FDP und CDU in der Ausländerpolitik grüne Positionen einnehmen.
Die Integrationsbeauftragte der CDU will eine Migrantenquote von 20% im Öffentlichen Dienst durchsetzen. Unsere Politiker machen aus Deutschland ein Einwanderungsland.
Westerwelle und Merkel haben ja auch keine Kinder, die später einmal unter einer Islamisierung zu leiden hätten.
will Deutschland zu einer Friedensmacht machen.
Jedenfalls muss Deutschland aus der Handlungslogik raus, die Georg W. Busch eingestielt hatte. Das ist richtig.
Sein Gegenpart von Gutenberg hat sichtlich Schwierigkeiten mit seiner Vasallenargumentation.
auch von seinen Parteifreunden als "polnischer" Aussenminister bezeichnete Westerwelle, macht sich im Ausland und bei seinen Geldgebern aus der Wirtschaft beliebt und schürt damit wie MP Koch des dt. Volkes Zorn. Aber wie wir hier sagen: What goes around, comes around.
selten so einen sophistschen Beitrag gelesen. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie Konservative ich Kriegslogik an die Bürger bringen.
selten so einen sophistschen Beitrag gelesen. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie Konservative ich Kriegslogik an die Bürger bringen.
2 Punkte:
Auch im Bezug auf die Erwartungen von vor dem Amtsantritt hat er seine Sache bisher sehr gradlinig und erfolgreich gemacht.
Wer in China mutig Kritik übt, kann nicht so tun als wenn die Türkei ins europäische Liberalitäts- Gerechtigkeitsverhälntis passt!
Gruß
dass er nach guten Beziehungen mit Polen strebt. Deutschland und Polen sind doch Nachbarn! Es ist die Zeit gekommt, dass sich die Politiker beider Seiten endlich mal für De-Pl Freundschaft und Partnerschaft einsetzen.
....dass Westerwelle in den meisten Dingen recht gut arbeitete. Lediglich gegenüber den Alliierten gibt es Unstimmungen,
die jedoch aus einen inländischen Konditionierten Reflex entspringen und/aber aus der internationalen Wohlstandsverschiebung leider zunehmend wahrscheinlich weitreichende negative Konsequenzen haben können.
Wie der obige Artikel sagt, die Afghanistankonferenz wird wichtig und es steht zu befürchten, dass die Westerwelles Dichotomien und die seines Landes zu einer Zuspitzung führen. Ein Land kann nicht von Export reich leben und nichts für die Sicherheit der Handelswege tun.
Das geht als kleines, reumütiges, ehemaliges Schurken-Land, wie sich das NAchHitlerDeutschland posierte vielleicht, wenn es ein übermächtiges Land gibt, das nachsichtig und Resultaten orientiert ist und mehr oder weniger bereitwillig die Vollkostan übernimmt. Jetzt wird das nicht mehr gehen. Man lebt vom Export als zweit Größter. Das Land ist reich und hat 80 Millionen Einwohner. Man nutzt die Sicherheit, die Andere, deren Kinder dafür sterben, schaffen und wird von seinen Verbündeten als feige angesehen.
Nein, die alten deutschen Mythen passen auf die neue Situation nicht mehr; ganz und gar nicht mehr. Und der arme Westerwelle steht genau zwischen den Mühlsteinen.
selten so einen sophistschen Beitrag gelesen. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie Konservative ich Kriegslogik an die Bürger bringen.
sich Westerwelle auf Staatskosten etwas die Welt ansehen darf, immer neue Leute kennen lernen, gut speisen, luxuriös übernachten...gönnt es ihm doch.
erscheint mir das auch der einzig plausible Grund, weshalb er sich so vehement dieses Amt wünschte.
erscheint mir das auch der einzig plausible Grund, weshalb er sich so vehement dieses Amt wünschte.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren