Iranischer Film Der Mann, der zurückschlägt
Der iranische Regisseur Rafi Pitts hat einen wagemutigen Film über die Willkür in seiner Heimat gedreht. Eine Begegnung
Die Revolution ist überall. Zumindest wenn man sich mit einem iranischen Regisseur verabredet. Als Rafi Pitts das Berliner Café betritt, in dem wir uns treffen, klopft er grinsend gegen die lindgründe Wand: »Wie schön, auch hier hat unsere grüne Opposition ihre Spuren hinterlassen!« Der Witz ist nicht so banal, wie er scheint. Rafi Pitts' Film The Hunter entstand bereits vor den Wahlen, dennoch dominiert darin die Signalfarbe des iranischen Protests. Die Wände in der Wohnung des Helden sind grün, er fährt ein grünes Auto. »Zufall«, sagt Pitts. Er sagt aber auch: »Vielleicht gibt es im Unbewussten eines Films keine Zufälle.« Das ist ein bescheidenes Statement für einen Regisseur, der einen der wagemutigsten iranischen Filme der vergangenen Jahre gedreht hat.
Rafi Pitts wirkt erleichtert an diesem kalten Nachmittag im Dezember. Wenige Tage vor unserem Treffen hat er erfahren, dass The Hunter als iranischer Beitrag im Wettbewerb der Berlinale laufen wird. Es ist ein Film, der auf abstrakte Weise von einer sehr konkreten, bodenlosen Wut erzählt. Mit einem Helden, der angesichts der Willkür der iranischen Autoritäten und Behörden wie eine Zeitbombe tickt und irgendwann explodiert. The Hunter ist eine stille Bombe. Ein Kunstwerk seiner Zeit und zugleich der Zeit enthoben. Eine kafkaeske Parabel über Diktatur und Willkür, über die Mechanismen der Repression.
The Hunter wurde während des Präsidentschaftswahlkampfes in Teheran und im Norden Irans gedreht. »Wir waren eine junge Crew«, sagt Rafi Pitts, »und was uns verband, war eine unausgesprochene Wut. Weil man uns in Iran einfach nicht als menschliche Wesen existieren lässt. Und als nach den Wahlen die Demonstrationen losgingen, hatten wir das Gefühl, dass all diese Leute ausdrückten, was auch in uns und unserem Helden gärte.«
Rafi Pitts selbst spielt diesen Mann namens Ali, der aus dem Gefängnis entlassen wurde. In der Fabrik, in der er Arbeit gefunden hat, teilt man ihm, dem Geächteten, nur Nachtschichten zu. So ist er kaum in der Lage, seine Familie zu sehen. Dann geschieht etwas Schreckliches: Bei einem Polizeieinsatz gegen Demonstranten werden die Frau und die kleine Tochter erschossen. Zunächst frisst der Held seine Wut und Trauer in sich hinein. Aber dann packt Ali, der Freizeitjäger, sein Gewehr ins Auto. Von einem Hügel über den Highways von Teheran schießt er auf ein Polizeiauto.
Aus melancholischer Apathie wird aggressive Rebellion
Ein Mann, der sich aus der Apathie reißt, aggressiv wird, sich wehrt, ist etwas Neues im iranischen Gegenwartskino. Bisher handelte dieses Kino fast durchweg von melancholischen, passiven, ja suizidalen Helden. Einsam erduldeten sie Arbeitslosigkeit, Verzweiflung und eine Depression, von der sie nicht ahnten, dass es auch die ihres Landes war. In Rafi Pitts' vorherigem Film It's Winter, der vor vier Jahren ebenfalls im Wettbewerb der Berlinale lief, war das nicht anders. Hier schaute Pitts seinem Helden beim ewigen Warten zu, beim vergeblichen Versuch, sich in einer Fabrik eine Anstellung zu verschaffen. It's Winter war eine Elegie der Hoffnungslosigkeit, ein Film, der in melancholischen Einstellungen von einem Land erzählt, das seinen Bewohnern nicht die geringste Perspektive zu bieten hat. Auch in The Hunter gibt es keine Perspektive. Aber der Film lässt keinen Zweifel daran, dass sich in Iran sehr bald und sehr massiv etwas ändern muss, auf welche Art auch immer. »It's Winter und The Hunter gehören zusammen«, sagt Pitts. »Der erste Film handelt von einem Mann, der geschlagen wird. Der zweite von einem, der zurückschlägt.«
The Hunter ist ein deutsch-iranisches Projekt. Daher fand die Postproduktion in Berlin statt. So treffen wir uns an einem Mittag im Januar wieder, in der Erdgeschosswohnung, die Pitts während der Arbeit an The Hunter bewohnt. Als Erstes führt Pitts die Besucherin zum Fenster. Der Blick fällt direkt auf den alten Garnisonsfriedhof in BerlinMitte. Kahle Bäume, verschneite Gräber. »Ein schöner Anblick, nicht wahr?«, sagt Pitts. »Das gibt mir Frieden.« Tatsächlich wirkt er angespannt und noch dünner als beim letzten Mal. Er zündet sich eine Zigarette nach der anderen an.
Die Berlinale rückt näher. Die Nachricht, dass The Hunter im Schlaglicht des Festivals stehen wird, sorgt in der iranischen Presse für Wirbel. Zudem ist der 11. Februar, der Tag der Festivaleröffnung, auch der 31. Jahrestag der Islamischen Revolution. In Iran herrscht Versammlungsverbot, und es gilt als sicher, dass die Opposition die Feiern für Demonstrationen nutzen wird.
- Datum 09.04.2010 - 14:40 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 21.01.2010 Nr. 04
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