Ende der KolonialzeitIn Frankreichs Armen

Vor 50 Jahren entließ Paris 14 afrikanische Staaten in die Unabhängigkeit. Doch die neu gewonnene Souveränität wurde für viele von ihnen nur zur Fortsetzung der Kolonialisierung mit anderen Mitteln – wie das Beispiel Gabun zeigt. von Rudolf Walther

Afrika Kolonien Kolonialherren Frankreich England USA Deutschland Geschichte

Ein Kolonialsoldat lässt sich von Afrikanern durch den Busch tragen. Diese Zeichnung, etwa aus dem Jahr 1850, verdeutlicht, mit welchen Selbstverständnis die Kolonialisten ihre Macht demonstrierten   |  © Hulton Archive/Getty Images

Das Jahr 1960 ist Afrikas annus mirabilis . Zwischen Januar und November entstanden 17 neue Staaten. Darunter waren allein 14 Länder, die zum französischen Kolonialreich gehört hatten, wie Niger , Mali und der Tschad . Wunderbar war dieses Jahr der sogenannten Entkolonialisierung vor allem für das französische West-und Zentralafrika, weil sie hier – anders als in Frankreichs Kolonien auf Madagaskar , in Indochina und Algerien – ohne Kampf und fast ohne Blutvergießen verlief.

Das Wunder hat eine längere Vorgeschichte, und die beginnt mit dem deutschen Sieg über Frankreich im Sommer 1940. Zur Stunde der Kapitulation befand sich der Brigadegeneral und Unterstaatssekretär Charles de Gaulle bereits in London und rief die Franzosen von dort aus via BBC zum Widerstand gegen die Besatzer auf. Der Akt erschien vielen als hilflos, verfügte de Gaulle doch über keinerlei Mittel, und so folgte denn auch nur eine kleine Minderheit seiner Landsleute dem Londoner Aufruf.

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Hoffnung für de Gaulle kam aus Afrika. Im August 1940 erklärte der Gouverneur von Französisch-Äquatorialafrika, Félix Éboué, seine Solidarität mit dem Rebellen de Gaulle. Éboué war der erste schwarze Gouverneur in Frankreichs Geschichte. Bis 1943 distanzierten sich alle französischen Kolonien außer Indochina vom Vichy-Regime des Marschalls Pétain, das nach der Niederlage den nicht besetzten Teil Frankreichs beherrschte und mit Hitler kollaborierte.

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Zu Beginn des Jahres 1944 – noch war Paris nicht befreit – reiste de Gaulle nach Afrika. Im französisch-kongolesischen Brazzaville begrüßte er 20 Gouverneure zu Beratungen über die Zukunft des Kolonialreichs und verabschiedete mit ihnen die "Deklaration von Brazzaville".

In ihr zeigte sich die ganze Zwiespältigkeit der französischen Entkolonialisierungspolitik. Schon in seiner Rede zur Eröffnung der Konferenz am 30. Januar, in der er die Überseegebiete "Ausgangspunkt der Befreiung" nannte, erklärte de Gaulle, Frankreich wolle "seine afrikanischen Territorien" auch in Zukunft "regieren", bis deren Völker "fähig sein würden, an der Führung und Lenkung ihrer eigenen Angelegenheiten teilzunehmen" ("participer"). Zwar stellte die Deklaration den Kolonien mehr Mitsprache in Aussicht und eine Art Halbautonomie, die völlige Souveränität blieb aber ausgeschlossen. 

Leserkommentare
  1. Lieber Herr Walther,
    dies ist ein sehr guter Artikel. Gratuliere. Ich musste gerade an den Film Avatar denken.
    Grüsse
    Manfred Bogen

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • 42317
    • 30. Juni 2010 10:25 Uhr

    Ja, es ist im Bezug auf die allgemeine geschichtliche Bildung allerdings sehr viel sagend, dass manche Leute beim Lesen solcher Artikel an "Avatar" denken müssen, anstatt beim Ansehen von "Avatar" an solche historischen Vorgänge.

  2. ist dieser Artikel. Ein Dank an den Autor.

    Fazit:
    Was dem Wahlvolk als Entwicklungshilfe verkauft wird nennt sich treffender Neokolonialismus. Dabei werden mit diversen Druckmitteln die Interessen der westlichen Demokratien (!) in den Ländern der dritten Welt durchgesetzt. Wer sich widersetzt bekommt keine "Entwicklungshilfe" ohne die sich kein "Staatsoberhaupt" in Zentralafrika halten kann.

    In Afrika hat sich diese Politik zumindest besser bewährt als im Nahen Osten, denn dort sind die Einheimischen auf die absurde Idee gekommen, man könne sich gegen solche Machenschaften wehren. Dort müssen wir Krieg führen um zumindest etwas vom Kuchen ab zu bekommen.

    • 42317
    • 30. Juni 2010 10:25 Uhr

    Ja, es ist im Bezug auf die allgemeine geschichtliche Bildung allerdings sehr viel sagend, dass manche Leute beim Lesen solcher Artikel an "Avatar" denken müssen, anstatt beim Ansehen von "Avatar" an solche historischen Vorgänge.

    Eine Leserempfehlung
    • Tangram
    • 18. Oktober 2012 8:04 Uhr

    Frankreich verwendet ein ganzes Bündel von Instrumenten um seine ehem. Territorien zu kontrollieren. Meines Erachtens verliert Frankreich zunehmend die Kontrolle und seinen Einfluss. Für Frankreich ist es bequem Afrika auszubeuten, für Europa bedeutet es jedoch das ein Europäisch/Afrikanisches Wirtschaftswachstum immer wieder zum Erliegen kommt, mit der Gefahr den Kontinent ganz zu verlieren.
    Der verlorene Kontinent...zumindest aus europäischer Sicht!

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