Foto-Ausstellung von Gerhard Roth Das Auge von Wien
Auf seinen Stadtexpeditionen sucht der Schriftsteller und Fotokünstler Gerhard Roth nach den Spuren des Vergehens und Vergessens in der Metropole
Die ersten zwölf Bilder seines Fotografenlebens besitzt der Schriftsteller Gerhard Roth noch immer. Streng genommen ist es das zweite fotografische Dutzend. Doch weil sich auf dem ersten Film, den er in seiner Farrina-Box, einer billigen Kamera, die zu Weihnachten unter dem Baum gelegen war, belichtet hatte, kein einziges Bild dem Negativstreifen anvertraut hatte, lief der 13-jährige Lichtbildner wieder nach Hause in die Siedlung am Stadtrand von Graz und nahm alle verloren gegangenen Motive ein zweites Mal auf: die Brüder, die Mutter, ein Auto, das unter dem Fenster parkte. So sehen die bescheidenen Anfänge eines fotografischen Universums aus, das sich über die Kontinente erstreckt: eine Handvoll zerschrammter, über- und unterbelichteter Abzüge in dämmrigen Grautönen, die von einer Zeit erzählen, in der ihm der fotografische Prozess noch wie ein unerklärliches Zauberkunststück vorgekommen war.
In den vergangenen Jahrzehnten ist Gerhard Roth ungezählte Male mit seinen Kameras aufgebrochen. Sie begleiteten ihn auf seinen Recherchen und auf seinen Spaziergängen, auf seinen Stadtexpeditionen und auf den Reisen, auf denen er die Schauplätze seiner Romane auskundschaftete. Sein Archiv quillt über mit Abertausenden Aufnahmen. Sie alle erzählen von einem, der auszieht, jeden Tag das Sehen neu zu erlernen, weil er in jedem Bild nach der Magie des fotografischen Augenblicks sucht. Es ist ein ephemerer Moment, der nur für einen Sekundenbruchteil so gesehen werden kann und dann wieder verschwunden ist.
Nach seinem Zyklus über die bäuerliche Welt in der Umgebung seines südsteirischen Domizils, in dem er seit 30 Jahren die Sommermonate verbringt, präsentiert Roth nun die Bilder, die sich seinem fotografischen Gedächtnis auf den Erkundungstouren durch Wien eingeprägt haben. Es mag verwunderlich erscheinen, einen Bildband und eine Fotoausstellung Im unsichtbaren Wien zu nennen. Doch Roth versucht mit der Kameralinse tatsächlich ein visuelles Erlebnis festzuhalten, dessen er nur so ansichtig werden kann. Fotos zeigen Abbilder, seine Bilder wollen Einblicke sein.
»Ich schaute das Allergewöhnlichste neu an«, notierte er einmal in ein Arbeitsheft. »Beim Fotografieren musste ich so etwas wie eine Transformation spüren, eine Energie, die sich vom Gesehenen auf mein Denken übertrug. Ich wollte diese Energie selbst festhalten, die mit meiner Wahrnehmung verbunden ist – nicht nur das Bildmotiv. Der Fotoapparat war für mich jetzt wie eine Sonde, die mir beim Beobachten und Aufspüren half.«
Was einst lediglich dazu dienen sollte, die Nachforschungen für die schriftstellerische Arbeit zu unterstützen, ist für Roth mittlerweile zu einem eigenständigen Arbeitsbereich geworden. Viele der Bilder sind bei den Recherchen für literarische Reportagen entstanden, die Roth über die Wunderkammern von Wien schrieb. Sie führten ihn in Museumsdepots und in Archive, in Keller und an verschwiegene Orte, an denen der Alltag der Großstadt teilnahmslos vorbeirauscht. Dort entstanden Aufnahmeserien, die nicht den literarischen Bericht ergänzen oder illustrieren, sondern den Erzählfaden auf einer visuellen Ebene neu aufgreifen und mit geänderter Dramaturgie weiterführen. In seiner schriftstellerischen Arbeit ist Roth ein Höhlenforscher, der mit penibler Disziplin in die historischen Tiefenschichten einer Geschichte vordringt und aus einem weitverzweigten, häufig labyrinthischen Stollensystem des Wissens Erkenntnisse zu Tage fördert.
- Datum 28.01.2010 - 12:41 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.01.2010 Nr. 05
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