Rückblick "Es war glattes Mobbing"Seite 3/3
ZEIT: Erzählen Sie mal.
Khol: Sie hatten ja kein Personal mit Regierungserfahrung. Das war sehr, sehr schwierig. Aber durch die Sanktionen wurden wir gezwungen, fest zusammenzuhalten, um dadurch ein Scheitern der Koalition zu verhindern.
ZEIT: Notabene änderte sich durch die Sanktionen auch der Kurs der mächtigen Kronen Zeitung, die zuvor eine Schlagzeilenkampagne gegen die Kleine Koalition geführt hatte?
Khol: Die drehte sich, das stimmt. Aber zugleich begann sie auch, ihren EU-kritischen Kurs einzuschlagen. Letztlich ist es ein böser, bleibender Effekt, dass die EU in Österreich durch die Sanktionen, das Scheitern des Transitvertrags und die erzwungene Öffnung des Hochschulzugangs massiv an Sympathien verloren hat. Das ist so leicht nicht mehr auszubügeln.
ZEIT: So gesehen: ein Eigentor
Khol: Das ist ja klar. Das versteht ja heute jeder.
ZEIT: In gewisser Weise stachelten die Sanktionen damals auch Ihren Kampfgeist an.
Khol: Ja sicher, sonst hätten wir das nicht durchgehalten. Wir haben aber nicht gelitten. Im kleinsten Kreis haben wir damals eine Woche Koalition gefeiert, und dann einen Monat Koalition, weil wir gesagt haben: Was haben wir richtig gemacht, was falsch – und uns gibt es ja noch immer. Das hätte keiner gedacht, dass es uns nach vier Wochen noch gibt, nach all der Flak, die auf uns gerichtet war.
ZEIT: Würden Sie ein Jahrzehnt später rückblickend sagen, die Verhängung der Sanktionen sei ein historisches Datum gewesen oder letztlich doch nur eine Fußnote?
Khol: Ich glaube schon, dass es ein historisches Datum war. Es hat wesentlich dazu beigetragen, in den Lissabonner Vertrag das Verfahren über die europäischen Grundwerte aufzunehmen und somit diesem sehr technischen Vertrag ein Wertegerüst zu verleihen. Man hat nämlich gesehen, dass man so ein Verfahren benötigt. In Österreich wurde es zwar keine Nazi-Regierung, aber es hätte ja sein können, und was ist, wenn irgendwann einmal irgendwo eine kommunistische Regierung an die Macht gelangt? Insofern haben die Sanktionen auch ihren Nutzen gehabt. Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade.
ZEIT: Also ein zentrales Ereignis im europäischen Integrationsprozess?
Khol: Sicherlich. Ich wohne hier in der Cuviergasse. Georges Cuvier war ein französischer Naturforscher, der im frühen 19. Jahrhundert die These vertreten hat, dass sich die Menschheit in Katastrophen entwickelt hat. Jede Katastrophe, die sie traf, brachte sie einen Schritt vorwärts. Die Sanktionen waren natürlich eine kleine Katastrophe für Europa, aber sie haben Europa vorangebracht.
Das Gespräch führte Joachim Riedl
- Datum 28.01.2010 - 10:28 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.01.2010 Nr. 05
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