Zur Berichterstattung über Haiti Ein Held der Schaulust
Hiob oder Messias? Der Reporter Anderson Cooper blickt für uns in die Abgründe der Welt
© Jason Merritt/Getty Images

Anderson Cooper auf einer Veranstaltung des amerikanischen Senders CNN mit dem Titel "Heroes Awards " im vergangenen November, derzeit Haiti.
Einer nach dem anderen drängten sie sich wieder zur Tür mit jenem seltsamen Gefühl innerer Befriedigung, das jeder empfindet, wenn einem anderen, und sei es selbst einem nahestehenden Menschen, ein jähes Unglück zustößt…«
Diese Stelle stammt aus Dostojewskis Roman Schuld und Sühne, sie handelt davon, wie die Bewohner eines Mietshauses den qualvollen Tod eines der Ihren ansehen. Das Zimmer des Sterbenden, so Dostojewski, war mit mitleidenden Gaffern derart überfüllt, »dass kein Apfel hätte zur Erde fallen können«.
Im Grund erinnert ein großer Teil des modernen News-Fernsehens an diese Szene: Wir stehen im Zimmer eines Sterbenden und gaffen. Ein Mann ist uns vorausgegangen und hat uns die Tür geöffnet. Es ist der Katastrophenreporter.
Der größte aller Katastrophenreporter ist Anderson Cooper von CNN. In seinem Schatten haben wir schon viele Sterbezimmer betreten. Wer mit Anderson Cooper an einen Abgrund tritt, der hat das Gefühl, er blicke in die Mitte der Welt. Anderson Cooper kann derzeit nur an einem einzigen Ort sein, in Haiti.
Mitgefühl ist ein rarer Stoff; es verflüchtigt sich, so hat Rousseau gesagt, je weiter wir, die Zuschauer, vom Ort des Schmerzes entfernt sind. Deshalb empfindet man Mitleid eher mit dem kranken Nachbarn als mit einem ganzen Volk, das weit weg, sagen wir in der Karibik, um seine Existenz kämpft.
Cooper ist aufgebrochen, das zu ändern. Der berühmte Reporter lässt sein Licht auf die namenlosen Leidenden fallen. Er will darauf hinaus, dass es für das Mitgefühl keine Ferne, keine unerforschten Gebiete geben darf. Im Schmerz sind wir alle Nachbarn.
Im Gegensatz zu den anderen Kurieren und Statthaltern der CNN-Kultur, dem mehligen Wolf Blitzer im Situation Room oder der mächtigen Studioeule Larry King, ist Anderson Cooper so etwas wie der gefährdete Sohn der Familie, der sich nicht mit dem Zeugenstatus begnügt, sondern der immer in Versuchung ist, seinen Posten zu verlassen und sich, rettend, was zu retten ist, in die Katastrophe zu stürzen. In seinen besten Momenten wirkt er, als ginge er lieber mit den Opfern zugrunde, statt mit den Voyeuren weiterzuleben. Zum Emo-Anchor seines Senders, zum Helden der mitfühlenden Berichterstattung wurde er 2005, als er in New Orleans von den Folgen des Katrina-Hurrikans berichtete und einer unerträglichen und routiniert dahinratternden Gouverneurin in die Parade fuhr, die nicht aufhören wollte, die Verdienste aller beteiligten Politiker zu preisen. Cooper, zornbebend, unterbrach sie: »Gouverneurin, solche Worte sind schwer erträglich für die Betroffenen. Und sie sind den Leichen nicht angemessen, die hier liegen und von den Ratten angenagt werden.«
- Datum 29.01.2010 - 13:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.01.2010 Nr. 05
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Ich meine, wenn er " mitleidet " ist das gut, es bewegt wiele,
die dieses sehen und spenden dementsprechend. Was dieser Herr macht, lernt jeder Schauspielschüler im 2. Semester. Er kann sich gut darstellen und er kann sich gut in eine Situation hinein versetzen. Wenn das jemanden hilft, finde ich das gut.
Im Grunde machen wir Autoren das hier doch auch, wenn wir nicht gelesen werden, brauchen wir nicht zu schreiben.
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