Brasilien

Das schönste Gefängnis der Welt

Bis vor Kurzem war die Ilha Grande vor der Küste Brasiliens ein Straflager. Heute entdecken Naturtouristen die einsamen Strände der Insel

Die braune Spur zeugt davon, dass am Neujahrstag  gewaltige Mengen Erde ins Rutschen kamen und  am Strand der Ilha Grande ein kleines Luxushotel unter sich begruben. 15 Menschen starben.

Die braune Spur zeugt davon, dass am Neujahrstag gewaltige Mengen Erde ins Rutschen kamen und am Strand der Ilha Grande ein kleines Luxushotel unter sich begruben. 15 Menschen starben.

Einige sagen: wie Griechenland.

Andere loben: Karibik.

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Dabei ist die Ilha Grande, die Insel an der grünen Küste zwischen Rio de Janeiro und São Paulo, 106 Strände, nichts so sehr wie das: brasilianisch.

Hier wurden die Sklaven, die aus Afrika stammten, aufgepäppelt, damit sie nach der langen Fahrt zu Kräften kämen und auf dem Binnenmarkt einen besseren Preis erzielten. Hier wurden die europäischen Einwanderer aus Angst vor Pest und Cholera in Quarantäne gehalten. Und bis heute bietet die Insel, nicht größer als Ibiza, eine wunderbare Gelegenheit, sich auf das Riesenland einzustimmen: seinen Zauber, seine Großzügigkeit, seine Schönheit, seine Widersprüche.

Einen von ihnen haben wir vor unserer Nase.

Abraão ist der Hauptort der Insel, die nur durch einen kilometerbreiten Kanal vom Festland getrennt ist.

Hier sitzen wir am Strand unter dem dichten Blätterdach eines Mandelbaums, das Thermometer zeigt vierzig Grad, den Kokossaft haben wir uns verdient. Einige Kinder baden im Meer, Boote schaukeln im Wasser, und weiter draußen ankert ein Kreuzfahrtschiff. Es ist die Costa Magica, sie bietet Platz für 3470 Passagiere. Flinke Landungsboote pendeln unaufhörlich zwischen der schwimmenden Stadt und dem Dorf an der Küste und bringen in kurzer Zeit fast so viele Menschen an Land, wie auf der Insel zu Hause sind: 6000 Personen.

Es gibt keine Autos auf der Ilha Grande, die einzigen Verkehrsmittel sind kleine Handwagen, mit denen kräftige Burschen das Gepäck der Gäste zur Pension schleppen oder zurück zum Landesteg. Jetzt bleiben sie im Fußgängerverkehr stecken. Und unter den großzügigen Mandelbäumen ist plötzlich kein einziges Schattenplätzchen mehr zu finden.

Die Insel hat bewegte Zeiten hinter sich. Ihr erster namentlich bekannter Besucher war Hans Staden, ein deutscher Landsknecht in portugiesischen Diensten. Mitte des 16. Jahrhunderts geriet er in der Bucht der Ilha Grande in die Gefangenschaft von Indios und entging nur knapp einem Tod im Kochtopf. In seine Warhaftige Historia und Beschreibung eyner Landtschafft der Wilden Nacketen, Grimmigen Menschfresser-Leuthen in der Newenwelt America gelegen fügte er auch eine Karte, dort heißt die vorgelagerte Insel Ipaum Guaçu, und das bedeutet in der Sprache der Tupinambá das Gleiche wie für die Portugiesen Ilha Grande – die große Insel. Später war sie Anlaufstelle für Menschenhändler und Quarantänestation, dann, ab 1893, Gefängnisinsel, das Alcatraz Brasiliens, Ableger der Hölle, Heizkessel des Teufels. Nachdem das Gefängnis in der Folge eines Aufstands im Jahr 1994 aufgegeben worden war, blieb ein Naturparadies, zu 93 Prozent von Wald bedeckt, voller geheimnisvoller Lagunen, versteckter Buchten, rauschender Wasserfälle, einsamer Strände. Nachhaltige Entwicklung versprachen die Verantwortlichen. Und jetzt liegt da draußen dieser Riesenkahn und schickt seine Truppen zur freundlichen Invasion. Eine willkommene Abwechslung für die kleinen Läden, eine Überforderung für die sanitären Anlagen.

Aber eine ehemalige Gefangeneninsel hat ihre Fluchtwege. »Lopez Mendes«, flüstert der Kellner unter dem Mandelbaum, froh über jeden, der ein Tischchen freigibt, »der schönste Strand der Insel.« Seine Augen leuchten, und dann fügt er hinzu: »Wenn nicht von ganz Brasilien.« Zweieinhalb Stunden sind es auf die andere Seite der Ilha Grande. Der Weg führt hoch über die Küste, unterwegs gibt es gebratene Sardinen, die der Fischer heute früh gefangen hat. Die Schönheit des Strandes von Lopez Mendes, so stellt sich heraus, besteht darin, dass er drei Kilometer lang ist, dass der Sand unter den Füßen knirscht und dass er mit seinem türkisfarbenen und durchsichtigen Wasser aussieht wie in der Karibik. Den Brasilianern gefällt alles, was groß ist und nach etwas aussieht. Natürlich gibt es in der Karibik viel schönere und ebenso größere Strände. Doch man findet kaum eine so lauschige Felsenbucht wie die von Caxadaço auf der Ilha Grande, unbesungen von den großen Reiseführern, man findet kaum einen Meerbusen, der diesen Namen mehr verdient als jener von Saco de Céu, von Felsen geschützt, sanft und beruhigend zwischen grünen Hügeln und blauem Wasser. Hierher lassen wir uns von einem kleinen Boot führen, hier essen wir eine Moqueca, den Fischeintopf der Bahianer, mit Palmöl angerichtet, und alles ist gut. Außer vielleicht, dass in der kleinen Bucht das eine oder andere Haus zu viel steht. Denn das Ufer ist von geschützten Mangroven bewachsen, und eigentlich ist das Bauen hier streng verboten.

Auf dem Rückweg von Lopez Mendes treffen wir im Abstand von je einer halben Stunde auf einen Schwarm Papageien, auf einen Trupp müder Studentinnen, der den anstrengenden Weg in Flipflops angetreten hat, und schließlich auf einen Mann, der ein Stück Holz mit sich schleppt.

Bambus?

»Eukalyptus«, antwortet der Mann und bläst in seinen Holzprügel.

Es hallt weit und dumpf.

»Didgeridoo«, sagt er und verschwindet im Wald.

Am Abend kehren wir bei Nicola Storz ein, einer gelernten Übersetzerin aus Stuttgart. Sie führt ein Gästehaus, Tagomago genannt. Als Nicola mit ihrem argentinischen Mann hier eintraf, im Juni 1997, gab es auf der Insel nur ein Telefon, das gehörte zur Polizeistelle, und am Sonntag durften es auch die Bewohner benützen, je drei Minuten lang. Auf der Ilha Grande, sagt sie, habe sie ihren Seelenfrieden gefunden. Und der halte bis heute. Falls nicht gerade ein Kreuzfahrtschiff vorbeischaue.

Studien der lokalen Regierung verglichen die Ilha Grande Mitte der neunziger Jahre mit Bali und den Seychellen und sahen ein riesiges Potenzial: Ein maßvoller Tourismus sollte entstehen, im Einklang mit Tier- und Pflanzenwelt. Es wurden Naturschutzgebiete geschaffen, Bauzonen ausgewiesen, die Bauhöhe wurde auf acht Meter beschränkt, und dann machten alle ungefähr das, was sie wollten. Heute gibt es 95 Gästehäuser auf der Insel, 30 Campingplätze.

Abseits der Städtchen und Dörfer aber ist es immer noch friedlich.

Man kann schnorcheln und in kleinen Buchten den Fischen beim Schwimmen zusehen.

Man kann zu untergegangenen Schiffen tauchen oder diesem Helikopter, der vor Jahren abgestürzt ist, zusammen mit einem Millionär.

Am besten versteht man, wie hier Gegenwart und Vergangenheit ineinandergreifen, wenn man Dois Rio besucht, die Gefangenenanlage, in der bis 1994 die Wärter mit ihren Familien wohnten und die Häftlinge Strafarbeit leisteten. Einige Wärter sind geblieben und wurden zu Fischern, und auch Seu Julio, ein ehemaliger Gefangener, zeigte nach seiner Begnadigung keine Lust, aufs Festland zurückzukehren. Ihn wollen wir treffen.

Zum alten Gefängnis, berichten die Leute, führe eine asphaltierte Straße, die einzige der Insel. Also mieten wir Fahrräder, Eingänger mit Rücktrittbremse.

Der höchste Vulkankrater der Insel ist über tausend Meter hoch, und der Weg nach Dois Rios führt steil und steinig hinauf. Wir schieben die Räder und warten auf glatten Untergrund. Aber da ist nur Bauschutt, und endlich kommt die Erleuchtung: Bei diesem Schotterweg, immerhin fest und zwei Meter breit, handelt es sich bloß um eine gefühlte Asphaltstraße, sie muss den Bewohnern wie ein Luxus vorkommen neben all den Dschungelpfaden.

Wir schieben, bis wir oben sind.

Dois Rios ist ein Geisterstädtchen, zerfallene Mauern, ein riesiger Mangobaum, nur ein paar Häuser sehen überhaupt bewohnt aus. Um eine Flucht zu erschweren, wurde es am offenen Meer gebaut, und bis heute fehlt ein Landungssteg. Ein uniformierter Mann will wissen, ob wir zu Fuß oder per Schiff angekommen seien. Mit dem Rad, geben wir an und fragen nach Seu Julio.

»Das ist mein Vater«, sagt der Mann und führt uns ans Ende eines Sträßchens mit Reihenhäusern, davor ein Stuhl, ein uralter Tisch, leere Bierdosen.

Seu Julio ist über achtzig, er ist klein und schwarz, die Haare und der Bart sind schneeweiß, seine Augen leuchten. Ohne die Insel, sagt er, würde er nicht mehr leben. So wie er aufgewachsen sei, mit der Straße als Erzieher.

1954 kam er ins Gefängnis auf der Ilha Grande, Raubmord. In den sechziger Jahren floh er zweimal mit einem gestohlenen Kanu, wurde wieder gefangen genommen, und statt den ursprünglichen elf verurteilten sie ihn zu 63 Jahren Haft.

Er arbeitete auf dem Feld und baute Straßen, er wurde Vertrauter des Direktors. Zur Hölle, sagt er, wurde das Lagerleben erst, als in den siebziger Jahren die ersten Drogenbosse hierherkamen. Sie hatten Geld, um Wärter zu bestechen, Bandenkriege wurden hier weitergeführt. So viele entsetzliche Schreie hörte Seu Julio, dass er sich lieber nicht daran erinnert.

Er heiratete Zindoca, das Dienstmädchen, das mit dem Gefängnisdirektor auf die Insel gekommen war, und der legte ein gutes Wort für Julio ein, als die Anstalt geschlossen wurde.

Und jetzt gehören Seu Julio, seine Frau Zindoca, ihre Kinder und Enkelkinder zu den letzten Bewohnern von Dois Rios, dem Alcatraz Brasiliens. »Wohin hätten wir sonst gehen sollen?«, sagt der alte Mann, »diese Insel hat mich zu einem glücklichen Menschen gemacht.«

Von der Rückkehr über die steile Schotterstraße reden wir besser nicht.

Dann legt das Schiff in Abraão wieder ab, Kurs aufs Festland. Der Blick zurück zeigt eine klaffende Wunde in einem steilen Hügel, ein brauner Abriss im grünen Wald. Hier wurden Anfang Januar nach stundenlangen Regenfällen über dreißig Gäste eines kleinen Hotels verschüttet.

Es war, wie dreihundert weitere Häuser auf der Insel, ohne Bewilligung errichtet worden.

Information Ilha Grande

Anreise: Flug nach Rio de Janeiro oder São Paulo, von dort aus mit dem Bus nach Angra dos Reis und dann mit dem Kursschiff oder Schnellboot nach Abraão

Unterkunft: Die meisten Gästehäuser befinden sich in Abraão, auch die Pousada Tagomago von Nicola Storz (www.ilhagrandetagomago.com). Der Preis für ein Doppelzimmer beträgt in der Hochsaison um die 100 Euro. Außerdem gibt es auf der Insel zahlreiche Campingmöglichkeiten

Auskunft: Fremdenverkehrsamt Brasilien, Tel. 069/96238733, www.embratur.gov.br

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
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