Arbeitsleben Überleben im Büro
Muss ich Karaoke singen? Stinkende Kollegen erdulden? Der Psychologe Louis Lewitan, der als Coach große Firmen berät, beantwortet heikle Fragen des Arbeitslebens
© Joe Raedle/Getty Images

Rettung in Sicht, nicht nur an Bord eines Schiffes: Wenn Menschen zusammen arbeiten, tauchen vielfältige Schwierigkeiten auf. Ein paar Tipps gibt der Psychologe Louis Lewitan
Haben Sie auch eine Frage zum richtigen Verhalten im Büro? Der Psychologe Louis Lewitan wird ausgewählte Leser-Anfragen beantworten. Schreiben Sie uns!
Wütender Chef
Immer wieder bekommen die Mitarbeiter einer Werbeagentur ihren Geschäftsführer tagelang nicht zu sehen und hören nichts von ihm. Es kann sein, dass er da ist, Witze macht und nach ein paar Stunden wieder das Büro verlässt. Es kann aber auch sein, dass er wie ein Wüterich durch die Gänge hetzt, jeden anschnauzt, bei Präsentationen brüllt und auf den Tisch haut, dass die Wände wackeln. In diesen Momenten beschimpft er jeden im Raum als Idioten, es kam schon vor, dass er bei solchen Gelegenheiten Mitarbeiter gefeuert hat. Alle leben in ständiger Angst, Opfer eines neuerlichen Wutausbruchs zu werden, das zersetzt den Mut für gute Arbeit – es ist ein Teufelskreis, der kaum zu durchbrechen ist. Oder doch?

Louis Lewitan ist Psychologe, Coach und Stressexperte. Der 54-Jährige berät große Firmen, gerade erschien sein Buch Die Kunst, gelassen zu bleiben.
Lewitan: Viele Chefs nehmen sich das Recht heraus, nach Lust und Laune zu handeln. Sie degradieren die Mitarbeiter zu Erfüllungsgehilfen ihrer Ziele. Dieser Teufelskreis muss unbedingt unterbrochen werden, weil die Mitarbeiter ansonsten ihre Würde verlieren. Jemand sollte den Chef über die negativen Auswirkungen seines Verhaltens aufklären. Wenn sich aus Angst vor Sanktionen keiner das heikle Gespräch allein zutraut, sollten mehrere zusammen um einen Termin bitten. Chefs haben ja eine Achillesferse: Sie bekommen selten ehrliches Feedback und sind sich selbst überlassen. Darum müssen sie von Zeit zu Zeit aufgeklärt werden. Wenn die Mitarbeiter ihre Ängste verleugnen, werden sie zwangsläufig krank – auch für Chefs gilt diese Regel: Wer Angst hat, wird krank und bleibt unproduktiv.
»Der will meinen Job!«
Herbert ist stellvertretender Abteilungsleiter eines mittelständischen Unternehmens. Er ist mit seiner Arbeit und seiner Position durchaus zufrieden – mit Ende 40 hat er sich nicht nur im Leben, sondern auch im Job eingerichtet. Eines Tages stellt der Abteilungsleiter einen neuen Mitarbeiter vor, frisch von der Universität, der Chef lobt ihn in den höchsten Tönen. Vom ersten Tag an hat der Neue immerzu Verbesserungsvorschläge, emsig und engagiert arbeitet er abends sehr lange. Herbert hat von Anfang an das Gefühl, der Neue sei scharf auf seinen Job; stellvertretender Abteilungsleiter mit Ende 20 – da stünde ihm eine große Karriere bevor. Soll Herbert den Neuen unterstützen, der wirklich gute Ideen hat? Soll er sich bewusst gegen ihn stellen? Oder aber ihn einfach ignorieren und auf die eigenen Stärken und die Autorität seiner Position vertrauen?
Lewitan: Sich gegen den Neuen stellen zu wollen wäre kurzsichtig. Herbert würde ins offene Messer laufen – der Chef selbst protegiert ja den neuen Kollegen! Herbert tut gut daran, den Neuen einzubinden und zugleich auf die eigenen Stärken zu vertrauen – eine Grundhaltung, die man sowieso immer einnehmen sollte. Im Übrigen hat jeder eine Chance verdient. Allerdings wäre es legitim, wenn Herbert den Chef nach seinen Perspektiven fragen würde. Aus der Antwort wird er sehr schnell ableiten können, wo er steht – und ob er die Erwartungen, die an ihn gestellt werden, erfüllen kann oder ob er lieber nach einem neuen Job Ausschau halten sollte. Solange Herbert in dem Unternehmen arbeitet, sollte er sich auf jeden Fall kooperativ verhalten – allein schon, weil dieser Vorgesetzte am Ende sein Arbeitszeugnis schreiben wird.
Der Arbeitsbiene wird es zu viel
Nina, 37, ist bei einem kleinen Dienstleistungsunternehmen dafür zuständig, die Arbeit der Kollegen zu koordinieren und die Firma nach außen zu vertreten. Sie ist gern die gute Fee der Belegschaft, und weil sie meistens gute Laune hat, freuen sich die Kollegen, wenn sie ihren Kopf in deren Zimmer steckt, um charmant zu fragen, wann sie denn die Zahlen haben könne, die sie noch für ihren Bericht an den Kunden brauche. Was die Kollegen gar nicht zu bemerken scheinen: Nina fühlt sich zunehmend überlastet. Ständig hat sie das Gefühl, dass sie die Fehler der anderen ausbügeln muss, dass neue Aufgaben viel öfter bei ihr landen als bei anderen, dass sie die Einzige ist, die hier wirklich schuftet. Tatsächlich ist sie oft bis spätabends im Büro, wenn alle anderen schon gegangen sind. Aber ihren Ärger artikuliert sie nie, und es kommt auch nur selten vor, dass sie einen Kollegen bittet, ihr Arbeit abzunehmen – es geht ja doch schneller, wenn sie es selbst macht, denkt sie. Und regelmäßig, wenn sie gerade das Gefühl hat, dass sie kurz davor ist zusammenzubrechen, oder wenn sie glaubt, vor Ärger platzen zu müssen, kommt ein Lob vom Chef oder von einem der anderen Kollegen – und sie macht lächelnd weiter. Wie kommt sie aus dieser Spirale heraus?
Lewitan: Nina beachtet ihre eigenen Grenzen nicht und setzt sich über sie hinweg. Das führt dazu, dass sie sich konstant im Minusbereich bewegt. Daraus resultiert ein großes Frustpotenzial. Sie muss also etwas tun – zum Beispiel lernen, ihre wahren Gefühle zu artikulieren, Aufgaben öfter zu delegieren und ihren Kollegen mehr abzuverlangen. Sie sollte sich nicht ausschließlich über die Arbeit und die Anerkennung durch ihren Chef definieren. Im Übrigen verletzt ihr Vorgesetzter seine Fürsorgepflicht. Wenn er bemerkt, wie überlastet sie ist, muss er sagen: »Stopp, gehen Sie früher nach Hause«, anstatt sie weiterhin auszunutzen. Schon aus Eigeninteresse sollte er das tun: Wenn sie in der Klinik landet, muss er als Chef für Wochen oder gar Monate auf sie verzichten.
»Die passt hier nicht rein!«
In Ullas Abteilung, der Buchhaltung eines Reiseveranstalters, herrscht ein angenehmes, ja freundschaftliches Klima. Alle mögen einander, und die Arbeit stellt Ulla, 38, auch durchaus zufrieden – wäre da nicht Anna. Die arbeitet erst seit einem halben Jahr in der Buchhaltung, aber sie passt dort schlichtweg nicht hinein. Sie ist etwas jünger und viel hübscher als die anderen Frauen, sie kleidet sich sehr modisch, an heißen Tagen auch ziemlich offenherzig – und sie flirtet gern mit den Kollegen. Annas Eitelkeit, die so gar nicht in das kollegiale, bodenständige Klima der Abteilung passt, macht Ulla rasend. Allerdings kann man Anna fachlich keinen Vorwurf machen. Sollte man gegen die eitlen Auswüchse der jungen Kollegin vorgehen oder diese einfach übersehen?
Lewitan: In dieser kleinen Geschichte geht es um viel mehr als um die banale Frage »Wer von uns ist hübscher?«, die so manche Auseinandersetzung unter Kolleginnen zu bestimmen scheint. Anna stellt das gemütliche Arbeitsverhältnis infrage, in dem die Abteilung sich jahrelang eingerichtet hat. Und deshalb bekommt sie Probleme. Anna hat das Glück, gut auszusehen, und die Fähigkeit, ihren Job gut zu machen. Sie sollte sich nicht in die Mittelmäßigkeit hinabbegeben, bloß um nicht aufzufallen und keinen Anstoß zu erregen.
Die Chefin macht Avancen
Martin, 24, arbeitet für drei Monate als Praktikant bei einer mittelständischen Firma. Nach kurzer Zeit beginnt die Leiterin seiner Abteilung ziemlich offensiv mit ihm zu flirten. Sie ist fünf Jahre älter als er und eine attraktive, selbstbewusste Frau. Einmal kommt sie zu ihm und massiert ihm vor allen Kollegen im Großraumbüro die Schultern, es ist ihm ein wenig peinlich. Dann lädt sie ihn mit wenigen anderen Kollegen zu sich nach Hause ein. Er hat das Gefühl, dass sie eine Gelegenheit schaffen will, einander näherzukommen. Er wäre auch gar nicht abgeneigt. Aber ist es wirklich eine gute Idee, etwas mit einer Vorgesetzten anzufangen?
Lewitan: Ach, ein Dauerthema! Eine allgemeingültige Antwort zu finden ist schwierig. Wann, wo und wie Liebe entsteht – dagegen sind wir ja machtlos. In diesem konkreten Fall würde es sich aber um Unzucht mit Abhängigen handeln. Martins Chefin darf sich also auf keinen Fall an ihn heranmachen, völlig unabhängig davon, ob Martin ihr zugeneigt ist oder nicht. Und Martin sollte sich darüber im Klaren sein, dass er für seine Attraktivität und nicht für seine Leistung belohnt werden wird, wenn er sich auf die Sache einlässt.
- Datum 28.01.2010 - 13:23 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 28.01.2010 Nr. 05
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Hier wird offensichtlich weniger ein mißlungener Annäherungsversuch beschrieben sondern ein nasser Alkoholiker. Und dann hilft eine Entschuldigung wenig.
diese antworten sind ja wohl nicht ernst gemeint, oder?
der psychologe sollte doch einfach mal ein paar jahre in einem büro arbeiten....die montagsfalle. genau. und armin stinkt. genau, man sollte mal mit ihm reden. gute idee. der müde und der neue. die antworten werden ja immer besser.
willkommen in der wirklichkeit! sind ja wirklich tolle tipps, die aber ganz bestimmt in keinem büro dieser welt so funktionieren würden.
und SIE könne es auch erreichen.
Diese simplifizierenden Lösungen scheinen glattweg aus dem positiv- Denk- Büchern eines Amerikaners übersetzt worden zu sein. Kommt immer gut, sowas als Hörbuch auf einer langen Autofahrt dabeizuhaben, z. B. Jack Welsh Ratgeber, das belustigt ungemein.
mehr kann man dazu nicht sagen.
Die Ratschläge des Psychologen erscheinen mir sehr realitätsfremd. Einer meiner Kundinnen hatte auch so einen cholerischen Chef. Wie das Problem gelöst wurde, steht hier:
http://schamaninkiat.over...
Das sollte auch der Psychologe lesen ...
Auch hier schaut die Arbeitswelt anders aus. Der Mann einer Kundin hat dieses Problem "anders" gelöst. Wen es interessiert. es steht hier:
http://schamaninkiat.over...
Die 29-jährige Chefin darf sich auf keinen Fall an den 24-jährigen Praktikanten "heranmachen", da es sich um Unzucht mit Abhängigen handeln würde. Der 48-jährige Karl soll seinen 46-jährigen Kollegen nicht darauf ansprechen, dass dieser sich von seiner 22-jährigen Auszubildenden "bedienen läßt". Und im Falle eines 33-jährige Mitarbeiters, der nicht mit ins Bordell gehen möchte, werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass der junge Mann möglicherweise in Schwierigkeiten gerät, wenn er Bordellbesuche bei der Personalabteilung meldet. Das ist doch wirklich ekelhaft, Herr Lewitan.
Was mich vor allem stört, ist die Tatsache, dass die Arbeitswelt anders ausschaut. Sex gehört dazu, Sex gibt es überall, wo Menschen sind. Nur wer diese "Tipps" in die Praxis umsetzt, wird katastrophal scheitern!
Was mich vor allem stört, ist die Tatsache, dass die Arbeitswelt anders ausschaut. Sex gehört dazu, Sex gibt es überall, wo Menschen sind. Nur wer diese "Tipps" in die Praxis umsetzt, wird katastrophal scheitern!
Was mich vor allem stört, ist die Tatsache, dass die Arbeitswelt anders ausschaut. Sex gehört dazu, Sex gibt es überall, wo Menschen sind. Nur wer diese "Tipps" in die Praxis umsetzt, wird katastrophal scheitern!
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